Eier-Skandal: Grossverteiler und EU reagieren

LEBENSMITTEL ⋅ In 17 Ländern sind inzwischen Eier entdeckt worden, die das Insektengift Fipronil enthielten. Mehrere Personen wurden verhaftet. Der EU-Gesundheitskommissar will möglichst bald einen Krisengipfel zum Eier-Skandal durchführen.
12. August 2017, 05:00

Helmut Hetzel, Den Haag

 

Der Eier-Skandal, der zuerst in den Niederlanden und Belgien bekannt wurde, breitet sich immer weiter aus. Inzwischen sind unter anderem auch in Österreich, Dänemark, Polen, Deutschland, Luxemburg, der Slowakei und in Schweden mit dem Insektengift Fipronil verseuchte Eier aufgetaucht. Der Stoff wirkt gegen Zecken, Läuse und Flöhe, darf aber nicht in Betrieben eingesetzt werden, deren Produkte in die menschliche Nahrungskette gelangen. Zu hohe Konzentrationen davon können beim Menschen Leber- und Nierenschäden aus­lösen und die Schilddrüse schädigen.

Die Regierungen der Niederlanden und Belgiens beschuldigen sich derweil gegenseitig, zuerst vom Fipronil in den Eiern gewusst und trotzdem keinen internationalen Alarm geschlagen zu haben. Die beiden Ministerpräsidenten, der Haager Regierungschef Mark Rutte und sein belgischer Amtskollege Charles Michel, machen die Eier-Krise nun zur Chefsache und wollen sie persönlich besprechen. Der deutsche Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt kritisierte das Krisenmanagement der beiden Länder.

Agrar-Manager in den Niederlanden verhaftet

Nun wird auch die EU-Kommission aktiv: Sie will einen Krisengipfel zum Eier-Skandal einberufen. Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis erklärte gestern, er habe ein Treffen der zuständigen Minister sowie Behördenvertreter der betroffenen Länder vorgeschlagen. Er hatte Belgien zunächst auch kritisiert, weil dort bereits im Juni Fipronil in Eiern einer Hühnerfarm entdeckt worden war, die belgische Lebensmittelkontrolle aber nicht europaweit informiert hatte. Gestern sagte Andriukaitis nun: «Es bringt uns nicht weiter, wenn einer dem anderen den schwarzen Peter zuschiebt.» Die ersten Gespräche sollen am 4. oder 5. September am Rande eines Agrar­ministertreffens in Estland stattfinden, wie ein Sprecher des deutschen Landwirtschaftsministeriums mitteilte. Vom Eier-Skandal sind mittlerweile 16 europäische Länder sowie Hongkong betroffen. Auch in der Schweiz wurden Eier sichergestellt, die das Insektengift enthielten (siehe Text unten).

In den Niederlanden sind inzwischen mehrere Personen verhaftet worden. Darunter zwei Manager der Firma Chickfriend, die Fipronil bei der Bekämpfung von Blutläusen bei Legehennen eingesetzt haben soll. Das Unternehmen desinfizierte nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in Belgien Hühnerställe mit Zehntausenden von Legehennen. Zudem wurde ein niederländischer Agrarmanager festgenommen, der verdächtigt wird, Fipronil dem Hühnerfutter beigemischt zu haben, das er verkaufte. Die belgische Staatsanwaltschaft ermittelt zudem gegen ein Unternehmen, das für Chickfriend das Insektizid über Mittelsmänner in Rumänien eingekauft haben soll. In Belgien sind in elf Fällen auch Privatpersonen im Visier der Justiz. Sie sollen Fipronil von einem Tierarzt unter dem Namen Bytecontrol bezogen und in ihrer privaten Hühnerzucht verwendet haben – wohl aber ohne zu wissen, dass sie ein giftiges Insektizid gekauft haben. Bytecontrol wurde ihnen als biologisches Produkt angepriesen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Viele Hühnerfarmen werden Skandal nicht überleben

Allein in den Niederlanden stehen 180 Legehennen- und Eierfarmen inzwischen auf der Fipronil-Giftliste der Lebensmittelkontrollbehörde. In Belgien sind es deren 57. In den Niederlanden gibt es 1140 Legehennen- und Eierfarmen. Eine Farm braucht dabei mindestens 40000 Legehennen, um jährlich durch den Eierverkauf auf einen nötigen Bruttoumsatz von rund 56000 Euro zu kommen. Zu erwarten ist, dass viele Hühnerfarmen in den Niederlanden und Belgien den Eier-Skandal nicht überleben werden und pleite gehen. Möglicherweise aber erhalten sie aber auch Finanzhilfe von den Regierungen in Den Haag und Brüssel, damit sie einen Neustart machen und dann wieder Eier liefern können, die giftfrei sind.

EU-Gesundheitskommissar Andriukaitis betonte, die Lebensmittelsicherheit in der Union sei eine der höchsten der Welt, das System sei «gut». Nun müssten die Mitgliedsländer zusammenarbeiten, um die Lehren aus dem Eier-Skandal zu ziehen.


Leserkommentare

Anzeige: