Hanfboom schreckt Politiker auf

DROGEN ⋅ Mit der Hanfzigarette hat der Hype um legales Cannabis einen neuen Höhepunkt erreicht. Parlamentarier von rechts wollen nicht mehr weiter zuschauen. «Der Bund muss endlich aufwachen», fordert SVP-Nationalrat Thomas de Courten.
16. Juli 2017, 05:00

Roger Braun

Es soll eine weltweite Premi­­ere sein. Diese Woche hat Koch & Gsell die erste Schweizer Hanfzigarette auf den Markt gebracht. Die Jungunternehmer aus der Ostschweiz beschreiten damit erneut neue Pfade. Vor gut einem Jahr hatten sie die erste Zigarette aus reinem Schweizer Tabak lanciert, nun soll dieser Cannabis beigemischt werden.

Die Hanfzigarette ist nur der letzte Akt eines beispiellosen Hanfbooms in der Schweiz. Los ging das Ganze im August vergangenen Jahres, als die Behörden erstmals den Verkauf von Hanfblüten als Tabakersatzprodukt bewilligten. Der Kniff dabei: Der berauschende THC-Wirkstoff des gezüchteten Hanfs liegt unter 1 Prozent und ist deswegen legal. Was bleibt, ist die entspannende Wirkung der Pflanze, die dem Cannabidiol (CBD) zugeschrieben wird. Seit der Freigabe herrscht in der Branche Goldgräberstimmung. Bei der eidgenössischen Zollverwaltung sind inzwischen 250 Hersteller registriert; Anfang Jahr waren es noch 5. Die Anbaufläche dehnt sich stetig aus. Alleine der Marktführer Bio Can baut in Gewächshäusern und Industriehallen diesen Sommer Hanfpflanzen auf rund 50'000 Quadratmetern an; das entspricht rund acht Fussballfeldern.

SVP-Politiker warnen vor verschlafenen Schülern

Ursprünglich vor allem online vertrieben, taucht der CBD-Hanf zunehmend an Verkaufsstellen auf. Der Grosshändler Webstar beliefert 1800 Schweizer Kioske, Tankstellen und Shops mit Produkten. Seit Anfang Jahr im Sortiment: Hanfblüten. Sie tragen Namen wie Avalon, Hempy oder Sonnenfeld. Inzwischen stehen acht verschiedenen Sorten zur Auswahl. Der Logistikverantwortliche John Bürge spricht von einem «rasanten Umsatzzuwachs». Auch die Hersteller stünden Schlange. «Es gibt praktische jede Woche ein, bis zwei neue Lieferanten, die uns ihre Produkte verkaufen wollen», sagt er. Spätestens ab dem 24. Juli, wenn in den Coop-Kiosken flächendeckend Hanfzigaretten im Regal stehen, wird der Anblick von Hanferzeugnissen in der Schweiz alltäglich.

Diese Aussicht schreckt Politiker von rechts auf. «Je einfacher der Hanf erhältlich ist, desto mehr wird konsumiert», sagt etwa SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler (BE). Die Präsidentin des Dachverbands Drogenabstinenz Schweiz befürchtet, dass insbesondere Jugendliche vermehrt zum Joint greifen. «Folge wird sein, dass sie verschlafen zur Schule erscheinen und die Schulleistungen darunter leiden.»

Vom Bund ist sie enttäuscht. «Anstatt zuerst die genaue Wirkung abzuklären, gibt man den Stoff einfach frei», sagt sie. Geissbühler vergleicht den CBD-Hanf mit einem Schlaf- und Beruhigungsmittel, das man nur in Apotheken unter fachkundiger Beratung erhält. «Das Cannabis hingegen kann man kaufen wie ein Päckchen Kaugummi», ärgert sie sich. Für Geissbühler wiegt das umso schwerer, als dass sie im CBD-Hanf für viele Jugendliche nur den ersten Schritt zum berauschenden THC-Hanf sieht.

Ähnlich äussert sich SVP-Nationalrätin Verena Herzog (TG). Sie geht insbesondere mit Coop hart ins Gericht. «Was Coop tut, ist absolut verantwortungslos», sagt sie. «Coop bereichert sich auf Kosten der Gesundheit unserer Jugendlichen.» Herzog hält die Prävention gegen den Drogenkonsum für nicht mehr glaubwürdig, wenn das legale Cannabis allgegenwärtig wird. «Man vermittelt damit das Gefühl, dass Cannabis harmlos ist – doch das ist es nicht!»

Blosser Deckmantel für illegales Gras?

SVP-Nationalrat Thomas de Courten (BL) hat im Parlament einen Vorstoss mit kritischen Fragen eingereicht. «Der Bund muss endlich aufwachen», fordert er. Ihn stört weniger das CBD-Hanf an sich, sondern die Gefahr, dass unter dessen Deckmantel berauschender THC-Hanf angebaut wird. THC-Hanf ist zwar illegal, auf dem (Schwarz-)Markt aber etwa viermal so viel wert wie legaler Hanf. «Der finanzielle Anreiz umzusteigen, ist sehr gross», sagt de Courten. Optisch und vom Geruch sind die beiden Arten nicht zu unterscheiden. De Courten geht deshalb davon aus, dass heute schon auf vielen Feldern nicht nur legales, sondern auch illegales Hanf angebaut wird.

Der Bund jedoch sieht keinen Grund einzugreifen. Er sieht im CBD-Hanf nichts weiter als ein Tabakersatzprodukt, das denselben Regeln unterliegt wie herkömmlicher Tabak. Demnach muss ein neues Produkt den Behörden gemeldet, mit Warnhinweisen beschriftet und versteuert werden. Auch spezifische Prä­ventionsmassnahmen lehnt der Bund ab. De Courten hat dafür kein Verständnis. «Entweder sind die Verantwortlichen völlig naiv oder verschanzen sich hinter Paragrafen», sagt er.

So einig sich die Drogengegner über den Missstand sind, so wenig wissen sie, wie sie ihn politisch bekämpfen sollen. De Courten sieht das Heil in einer restriktiveren Kontrolle der kantonalen Behörden; Herzog liebäugelt mit einem tieferen THC-Grenzwert; und Geissbühler räumt ein, dass sie von der Geschwindigkeit der Entwicklung schlicht überrollt worden sei. In erster Linie fordert sie eine Studie, um die Langzeitfolgen des CBD-Hanfs abzuklären. «Und dann muss man schauen, welche weiteren Massnahmen nötig werden.»


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