Tessiner FDP setzt auf ein Einerticket

KANDIDAT ⋅ Ignazio Cassis will Bundesrat werden. Als Kantonsvertreter sieht sich der Tessiner FDP-Nationalrat zwar nicht. Es sei aber wichtig, dass der italienische Landesteil in der Landesregierung Einsitz habe, sagt er.
Aktualisiert: 
11.07.2017, 23:00
11. Juli 2017, 11:22

Gerhard Lob

Ein nüchterner Raum in nüchternem Umfeld. Das Sekretariat der Tessiner FDP befindet sich in unmittelbarer Nähe zur Autobahnausfahrt Bellinzona Nord in einem Geschäftsneubau zwischen Parkplätzen und Strassenverkehrsamt. Camorino ist kein Ort von Tessiner Postkartenromantik. Vier Männer sitzen hinter dem Konferenztisch: Kantonalpräsident Bixio Caprara, sein Stellvertreter Michele Morisoli, Parteisekretär Andrea Nava und Ignazio Cassis. Davor haben sich etliche Medienvertreter aus der ganzen Schweiz postiert.

Die Präsenz des Tessiner FDP-Nationalrats macht sofort klar, was gleich dar­auf Gewissheit wird. Für die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter ist der 56-jährige Cassis der einzige Kandidat, den das Präsidium der Tessiner FDP vorschlagen wird. Andere Namen hatten in jüngster Zeit kursiert. Etwa jener von alt Regierungsrätin Laura Sadis, die der Linken mehr gefällt. Oder jener ihres Nachfolgers als kantonaler Finanz- und Wirtschaftsminister, Christian Vitta, auch er weiter links positioniert als Cassis. In umständlichen Formulierungen hatten sie jeweils erklärt, zur Verfügung zu stehen, wenn es denn der Strategie ihrer Partei zuträglich sein sollte. Seit Dienstag wissen wir: Das ist es nicht. Sadis wäre etwa für Europagegner eine leichte Zielscheibe gewesen: Sie sitzt im Vorstand der Neuen Europäischen Bewegung Schweiz (Nebs), welche die Schweiz in die EU führen will.

Parteiversammlung muss Vorschlag noch absegnen

Caprara wiederholt einen Satz wie ein Mantra: «Wir sind überzeugt, mit einer Einerkandidatur von Cassis die meisten Chancen zu haben, den Bundesratssitz wieder ins Tessin zu holen.» Das habe man in etlichen Gesprächen, auch mit Vertretern der nationalen FDP, genauso wie mit «unseren Freunden im Welschland» herausgefunden. Zudem geht man davon aus, dass die Westschweizer FDP eigene Kandidaten präsentieren wird. Am Ende werde es wohl zu einem Zweierticket zuhanden der Bundesversammlung kommen: Mit einem Tessiner sowie einem Mann oder einer Frau aus der Romandie.

Caprara spricht lange über das Prozedere. Das Parteikomitee, eine Art internes Parlament, das am 1. August am Nationalfeiertag bei Mendrisio zusammenkommt, wird offiziell über die Kandidatur abstimmen. Doch dies scheint nur eine Formalität zu sein. Denn selbst Vitta und Sadis befürworten angeblich die Strategie der Einerkandidatur. Und beide sind nicht Typen, die sich selbst als Sprengkandidaten in der eigenen Partei hergeben.

Cassis auferlegte sich selber eine Schweigepflicht

Fast 30 Minuten sitzt Cassis, im sommerlichen Anzug und ohne Krawatte, stumm neben dem Präsidenten. Man merkt ihm die Anspannung an, er weicht den Blicken aus, lächelt selbst für die Fotografen kaum. Nur einen Tag nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter am 14. Juni hatte er sich eine Schweigepflicht auferlegt. Er war damals umgehend als Kronfavorit für die Nachfolge gehandelt worden. Nun scheint für ihn der Moment der Befreiung gekommen zu sein. «Es ist nun das erste Mal, dass ich mit den Medien spreche.» Die Kandidatur erfolge nach einer intensiven Phase des Nachdenkens und der Klärung seiner persönlichen und familiären Situation.

Die Begründung, warum er überhaupt kandidieren will, liefert er erst ganz zum Schluss: «Weil ich mein Land liebe, weil ich der Schweiz und ihren Bürgern dienen will und weil mir Herausforderungen gefallen.» Natürlich spielt auch der Aspekt der italienischen Schweiz eine Rolle. Schon immer habe er die Ansicht vertreten, dass der italienischsprachige Landesteil im Bundesrat vertreten sein müsse. Sprachkenntnisse allein genügten nicht, es brauche die jeweilige Kultur und Denkweise. «Auch wenn ich ganz passabel deutsch spreche, könnte ich nie einen Bundesrat aus St. Gallen ersetzen, genauso wenig, wie ein Deutschschweizer, der italienisch spricht, einen Tessiner ersetzen kann», sagt er.

Ein Bundesrat sei aber kein Kantonsvertreter, betont Cassis nach entsprechenden Fragen. Unausweichlich ist auch die Frage, ob er als Präsident vom Krankenversichererverband Curafutura nicht einfach ein «Lobbyist der Krankenkassen» sei. Cassis entgegnet: «Ich finde es nichts Schlimmes, ein Lobbyist zu sein.» Denn schliesslich sei der Nationalrat ein Milizparlament.

SP-Nationalrätin verweist auf die Frauenfrage

Während die Nachricht von der Kandidatur Cassis’ über die Nachrichtenagenturen läuft, haben die Tessiner Onlinemedien schon erste Stimmen eingeholt, wie die Kandidatur in seinem Heimatkanton beurteilt wird. Dabei kann Lega-Nationalrat Lorenzo Quadri den Entscheid für eine Einerkandidatur voll nachvollziehen: «Ignazio Cassis hat die besten Karten.»

Der kantonale CVP-Präsident Fiorenzo Dadò hingegen hätte ein Ticket mit mehreren Kandidaten bevorzugt. SP-Nationalrätin Marina Carobbio wiederum zeigt sich überrascht, «dass die Frauenfrage gar keine Rolle gespielt hat». Diese hatte unter anderem der nationale SP-Präsident Christian Levrat ins Spiel gebracht, der von der FDP fordert, sogar zwei Frauen zu portieren. Bixio Caprara meinte bloss: «Wir brauchen keine Lehrmeister.»

Video: Das sagt Ignazio Cassis zur Bundesrats-Kandidatur

Der Chef der FDP-Bundeshausfraktion, Ignazio Cassis, soll Nachfolger von Bundesrat Didier Burkhalter werden - so stellt es sich die Spitze der FDP Tessin vor. Im Interview erklärt der 56-jährige Arzt, warum er Bundesrat werden will, warum er der passende Kandidat ist und wie es jetzt weitergeht. (Nicolai Morawitz / SDA, 11.7.2017)



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