Albiner Gemeindepräsident: «Ihr spinnt doch alle!»

ABWANDERUNG ⋅ Mit einem monetären Zückerchen will Albinen junge Familien ins Dorf locken. Der Präsident der Walliser Berggemeinde schlägt an der Urversammlung dramatische Töne an.
02. Dezember 2017, 07:48

Jonas Schmid

Endlich kann er Frust ablassen: «Ihr spinnt doch alle», tadelt Beat Jost die gut zwanzig Jour­nalisten im Feuerwehrdepot. Der Albiner Gemeindepräsident zupft sich am Schnauz, murmelt «absurde Geschichte» und stampft davon. Was bringt den Mann, den Einwohner als «zu­packend», «charismatisch» und «sachorientiert» charakterisieren, so aus der Fassung?

Grund ist die Wohnbauförderung, die einen weltweiten Hype ausgelöst hat. Jetzt, kurz vor der Abstimmung, fürchtet er, die Bürger könnten ihm die Gefolgschaft verweigern – aus Angst, von Fremden überrollt zu werden. Die Gegner hätten sich keine bessere Kampagne ausdenken können, schimpft er – und unterschlägt geflissentlich, dass die Gemeinde einen einmaligen PR-Coup gelandet hat. «Albinen ist jetzt bekannter als Zermatt», munkelt man im Dorf.

Albinen, 1300 Meter über Meer, ist ruhig, sonnig und punktet mit einer fantastischen Aussicht. Doch wie andere Rand­gebiete kämpft die Gemeinde gegen die Abwanderung. Eine Gruppe junger Bewohner fordert in einer Initiative, dass Einzelpersonen 25000 und junge Paare 50000 Franken von der Gemeinde erhalten, wenn sie im Dorf ein Haus (um-)bauen oder kaufen wollen. Für jedes Kind gäbe es 10000 Franken obendrein. Der Geldsegen ist an strenge Bedingungen geknüpft: Es müssen mindestens 200000 Franken investiert werden, wer vor Ablauf von zehn Jahren nach Baubeginn wieder wegzieht, muss das Geld zurückzahlen, und Ausländer benötigen die Niederlassungsbewilligung C.

Italiener tauchen mit Koffern im Dorf auf

Nachdem im August einzelne Medien über den unkonventionellen Schritt der Gemeinde berichteten, bot das Thema der Gratiszeitung «20 Minuten» vor zwei Wochen Stoff für eine schöne Weihnachtsgeschichte: «Würden Sie für 70000 Franken hierhin ziehen?», titelte das Blatt. Die hohen Hürden für den Geldbezug wurden nur am Rande vermerkt. Dankbar griffen Onlineplattformen rund um den Globus die Meldung auf. Das Echo liess nicht lange auf sich warten: Tausende Anfragen aus allen Kontinenten prasselten auf Albinen nieder: Das Lachen verging den Verantwortlichen zu dem Zeitpunkt, als Italiener mit vollgepackten Koffern im Dorfladen standen und sich erkundigten, wo sie das Geld abholen können.

Dabei geht es um Menschen wie sie: Amina Clénin. Die Berner Seeländerin wohnt erst seit sechs Wochen im Dorf – der Liebe wegen. Ihr Freund Severin Hermann ist hier verwurzelt. Kennen gelernt hat sich das Paar während des Studiums in Wädenswil. Die Umweltingenieure sind die einzigen Jungen, die noch im historischen Dorfkern wohnen – und da auch ihre Zukunft planen: «Ich kann mir gut vorstellen, hier eine Familie zu gründen», sagt Amina Clénin.

Albinen ist der Prototyp eines Walliser Dorfes. Die urchigen, teils über 500-jährigen Holzhäuser stehen eng aneinander geschmiegt am Hang. Am liebsten würde sie eines der Häuser innen aushöhlen und umbauen. Macht die 26-Jährige ihre Bleibe von der Wohnbauförderung abhängig? «Nein, ich werde so oder so hier bleiben», meint sie. Der Zustupf aus der Gemeindekasse helfe aber, etwas aufzubauen.

Jeder zweite Bewohner ist pensioniert

Junge Dorfbewohner stehen am Scheideweg. Bleiben oder wegziehen ins Tal? Dort, wo es Arbeit hat, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, einen ausgebauten ÖV und mehr Kultur? Alleine in den letzten Jahren sind drei junge ­Familien aus dem 240-Seelendorf weggezogen. Zurück bleiben die Alten. Im nächsten Jahr ist schon die Hälfte der Albiner im Rentenalter. Ein Alarmzeichen.

Mit den Jungen geht die Grundversorgung bergab. Die Schule ist schon lange zu, auch die Poststelle hat nicht überlebt. Viele Liegenschaften stehen seit Jahren zum Verkauf. «Wir liegen auf dem Sterbebett», warnt Jost. Noch sei es nicht zu spät: «Ein Dutzend Junge ist hier verwurzelt, sie wollen bleiben.» Um ­ihnen das zu ermöglichen, müsse die Gemeinde in die Tasche greifen. Mit der Massnahme erhofft sich die Gemeinde eine Frischzellenkur von fünf bis zehn neuen Familien. Im besten Fall würde das heissen, dass die Schule wieder aufgeht.

Konzentrationsprozesse, in deren Folge die Jungen in die ­regionalen Zentren abwandern, fänden im Alpenraum überall statt, sagt Thomas Egger, CSP-Nationalrat (VS) und Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete. Er ­begrüsst Albinens Stossrichtung: «Die Gemeinden müssen etwas tun.» In der Not zeigen sich diese erfinderisch: Ausserbinn etwa suchte Neuzuzüger per Zeitungsannonce und Inden gewährt ­Rabatte für den Einkauf im Dorfladen. Vom Bund zeigt sich Egger enttäuscht: «Er foutiert sich um diese Bergdörfer.» Das Beispiel Albinen zeige deutlich, dass die Regionalpolitik zu kurz greife.

Übrigens wurde das Ganze an der Urversammlung dann doch nicht ganz so heiss gegessen wie gekocht: Die Albiner sagten nach einer sachlichen Debatte deutlich Ja zu dem Geschäft. Die Jungen frohlockten, Gemeindepräsident Jost atmete auf und trat auf einmal bereitwillig vor die Kameras. Er war mit sich und der Welt wieder im Reinen.


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