Kapuziner setzen Kommission ein

SEXUELLER MISSBRAUCH ⋅ Der Fall des pädophilen Paters Joël A. wird von einer neutralen Kommission untersucht. Diese soll prüfen, ob im Umgang mit dem fehlbaren Priester Fehler gemacht wurden.
19. Mai 2017, 08:50

Dominik Weingartner und Balz Bruder

Die Schweizer Kapuziner machen Ernst mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in ihrem Orden. Wie der Schweizer Provinzial Agostino Del-Pietro auf der Webseite der Kapuziner mitteilt, sei eine «neutrale Untersuchungskommission» eingesetzt worden, welche die «Vorfälle und die getroffenen Massnahmen» rund um den pädophilen Pater Joël A. überprüfen soll (wir berichteten).

Der heute 76-jährige Pater hat über Jahrzehnte Dutzende Kinder vergewaltigt. Während die Schweizer Fälle 2008 für verjährt erklärt wurden, ist Joël A. in Frankreich, wo er ebenfalls tätig war, 2012 verurteilt worden. Doch der pädophile Pater war bereits 2005 in die Schweiz zurückgekehrt, nachdem gegen ihn in Frankreich ein Strafverfahren eröffnet wurde – auf Geheiss des damaligen französischen Provinzials, wie die Schweizer Kapuziner heute behaupten. Diese Vorgänge sollen nun untersucht werden. «Alle Entscheide werden überprüft», sagt Kapuziner-Sprecher Willi Anderau auf Anfrage.

Auch Einsicht in französische Akten?

Die Kommission besteht aus drei Personen: Alexandre Papaux, Anwalt und ehemaliger Kantonsrichter, Francis Python, emeritierter Professor für Zeitgeschichte, und Yves Mausen, Professor für Rechtsgeschichte und Religionsrecht. «Die Kommission hat vollständigen Zugang zu den Archiven, sowohl zu jenen der Kapuziner als auch zu jenen der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg», heisst es in der Mitteilung der Kapuziner. Unklar ist, ob die Kommission auch Zugang zu den Akten der Diözese Grenoble erhalten wird. «Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Grenoble den Zugang verwehren wird», sagt Anderau.

Wann die Untersuchungsergebnisse vorliegen werden, ist offen. Anderau spricht von «mehreren Monaten», die die Kommissionsarbeit in Anspruch nehmen werde. Im Interesse der Schweizer Kapuziner sei es, dass die Ergebnisse möglichst rasch vorlägen, so Anderau. Denn: Bald soll in Deutschland die deutschsprachige Ausgabe des Buches von einem der Opfer von Joël A. erscheinen.

Weitere Kommission mit Genugtuung beschäftigt

Das Thema ist nicht nur bei den Kapuzinern, sondern bei den Katholiken generell in Arbeit. Die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) hat letztes Jahr das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» geschaffen. Die von Rechtsanwältin Liliane Gross, stellvertretende Generalsekretärin der Katholischen Kirche im Kanton Zürich, präsidierte unabhängige Kommission Genugtuung befasst sich mit den Ansprüchen von Opfern verjährter Delikte. Derzeit bekannt sind rund 20 Fälle – die exakten Zahlen kennt die SBK aufgrund der noch laufenden Erhebung nicht. Aber: Es ist, wie von den Bischöfen Anfang Jahr in Aussicht gestellt, davon auszugehen, dass erste Genugtuungszahlungen bis Mitte Jahr erfolgen werden. Nach Aussage von Kommissionspräsidentin Gross sind bisher sechs Anträge eingegangen, in vier Fällen wurde entschieden, in drei Fällen wird eine Zahlung aus dem mit 500 000 Franken dotierten Fonds erfolgen. Bei den beiden hängigen Fällen sind noch offene Punkte zu klären.

Gross ist bezüglich der Umsetzung der Vorgaben und des Umgangs mit dem schwierigen Thema zuversichtlich, auch wenn die Arbeit in menschlicher Hinsicht herausfordernd sei, zumal es um zum Teil sehr tragische Schicksale gehe, mit denen die Kommission konfrontiert werde.


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