Mehr Anzeigen wegen Belästigung

ÜBERGRIFFE ⋅ Die Polizei hat im vergangenen Jahr fast 1200 Fälle von sexueller Belästigung registriert. Das sind über 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch das ist wohl nur die Spitze des Eisbergs.
03. Dezember 2017, 04:38

Maja Briner

Erst als die Affäre um CVP-Nationalrat Yannick Buttet bekannt wurde, brachen einige Parlamentarierinnen ihr Schweigen. Teils anonym erzählten sie von anzüglichen Sprüchen, unerwünschten Annäherungen und anderen Formen der sexuellen Belästigung. Solche Fälle landen immer häufiger bei der Polizei: Schweizweit ist die Zahl der Anzeigen wegen sexueller Belästigung zuletzt um über 10 Prozent gestiegen, wie die Kriminalstatistik des Bundes zeigt. Im vergangenen Jahr gingen bei der Polizei 1190 Anzeigen wegen sexueller Belästigungen ein; im Vorjahr waren es 1058.

Zugenommen hat auch die Anzahl der registrierten Sexualdelikte insgesamt. Darunter fallen neben sexueller Belästigung unter anderem Vergewaltigung und Nötigung, aber auch Pornografie und unzulässige Prostitution. Fast 7330 solcher Straftaten wurden der Polizei 2016 gemeldet, ein Jahr zuvor waren es rund 6760 gewesen. Ein eindeutiger Trend lässt sich über die Jahre indes nicht erkennen.

«Je näher die Beziehung, desto schwieriger»

Die Dunkelziffer dürfte zudem hoch sein, auch bei der sexuellen Belästigung. Längst nicht alle Betroffenen gehen zur Polizei. Annette Uebelhart von der Berner Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern sagt: «Oft verzichten Opfer aus Angst oder Scham darauf, den Täter anzuzeigen.» Zudem könne es eine grosse Belastung sein, vor der Polizei ­aussagen zu müssen. «Je näher die Beziehung zum Täter, desto schwieriger kann es unter Umständen sein, Anzeige einzureichen», sagt sie. Wenn es sich um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz handelt, könne auch die Furcht, die Stelle zu verlieren, von einer Anzeige abhalten.

Für manche Betroffene könne es eine Belastung sein, Anzeige einzureichen, sagt auch Brigitte Huber, Co-Geschäftsleiterin der Opferhilfe St. Gallen und der beiden Appenzell. Für andere sei es jedoch eine Möglichkeit, um sich nachträglich zu wehren. Bei den Betroffenen, die sich wegen sexueller Belästigung meldeten, gehe es oft um unerwünschtes Berühren, auch unter den Kleidern, oder wenn jemand mehrmals belästigt werde, sagt Huber. «Bei einmaligen unerwünschten Annäherungen oder bei anzüglichen Bemerkungen wenden sich Betroffene kaum an eine Beratungsstelle.»

Ein Weinstein-Effekt?

Spätestens seit dem Skandal um den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein sind sexuelle Übergriffe ein grosses Thema. Ob diese Debatte dazu führt, dass in der Schweiz mehr Opfer Beratung suchen, konnte Annette Uebelhart nicht sagen: Die Zahlen schwankten generell stark, deshalb lasse sich noch keine Aussage dazu machen. Brigitte Huber hingegen sagt: «Bei uns melden sich mehr Betroffene, der Anstieg ist aber nicht eklatant.»

Video: «Inakzeptabel»: CVP-Präsident Gerhard Pfister zum Fall Buttet

CVP-Vizepräsident Yannick Buttet ist wegen sexueller Belästigung angeklagt worden. Mehrere Frauen erheben Vorwürfe gegen ihn. Der Walliser Nationalrat entschied zusammen mit der Parteispitze, sich von der CVP suspendieren zu lassen. «Inakzeptabel», sagte CVP-Präsident Gerhard Pfister zu den Vorwürfen gegen Buttet. (Silva Schnurrenberger/SDA, 30. November 2017)




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