Kopf des Tages

Mehr Kandidat als Zürcher «Stapi»

FILIPPO LEUTENEGGER ⋅ Der frühere Medienmann und Nationalrat nimmt Anlauf auf das Zürcher Stadtpräsidium. Das ist gut für den Wahlkampf an der Limmat. Und die Politik.
11. September 2017, 04:39

Balz Bruder

Ist nun das Sechseläuten der höchste Tag im Zürcher Kalender? Oder doch das heutige Knabenschiessen? Einerlei – vielleicht ist ab nächstem Jahr alles ganz anders, und der 25. November läuft den traditionellen Feiertagen in der Limmatstadt den Rang ab. Dies für den Fall, dass der an diesem Tag vor 65 Jahren in Rom geborene Filippo Leuten­egger bei den Stadtratswahlen im kommenden Frühling die amtierende Stadtpräsidentin Corine Mauch vom Thron stossen sollte.

Auch wenn die Chancen des ehemaligen Chefredaktors des Schweizer Fernsehens,«Arena»-Dompteurs und «Basler Zeitung»-Verlegers im linken Zürich überschaubar sind: Der frühere FDP-Nationalrat und heutige Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungs­departements hat sich in den vergangenen drei Jahren politischen Kredit verschafft. Und dies, obwohl ihm seine Amtsvorgänger mit den zum Himmel stinkenden Vorgängen bei Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) ein faules Ei ins Nest gelegt haben.

Doch das ist auch Leuten­egger. Weder liess er sich provozieren noch zu überzogener Kritik an früheren Departementschefs hinreissen. Vielmehr zeigte er sich entschlossen, das Innenleben des Müllhaufens, der ihm vor die Bürotür gekippt wurde, peinlich genau zu durchforsten. Und die für die Misswirtschaft verantwortlichen Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Der ERZ-Chef wurde von seinem Posten entfernt. Eine Parlamentarische Untersuchungskommission ist an der Arbeit.

Dass dem umtriebigen Tausendsassa die geerbte Affäre am Ende selber um den Kopf fliegen wird, ist nicht anzunehmen. Dies umso weniger, als Leutenegger eher dazu neigt, bei Schäden als Selbstverursacher in Erscheinung zu treten. Wie sonst ist zu erklären, dass in seiner Amtszeit schon ein Roller- und ein Velounfall mit entsprechenden Blessuren zu beklagen waren. Nicht zu reden vom gescheiterten Test mit den schicken, aber schitteren Sonnenschirmen auf dem Sechseläutenplatz. Das Leuten­egger-Produkt vermochte der erstbesten steifen Sommerbrise nicht standzuhalten, was die Aufmerksamkeit der Stadtzürcher über Tage bannte. «Schatten über Filippo», titelte die NZZ.

Dabei hat Leutenegger ein gutes Gespür dafür, was es wann für wen braucht – und wenn es ein leichtgewichtiger Aufreger ist zwischendurch. Er beherrscht den Part des souveränen Staatsmannes ebenso wie den des jovialen Teamplayers. So betont er, seine Kandidatur für das Stadtpräsidium richte sich nicht gegen die Amtsinhaberin, vielmehr habe er die besseren Strategien für die Stadt, die einige schwere Brocken am Bein hat. Die Palette reicht von der Standortattraktivität für Unternehmen bis zu den öffentlichen Betrieben wie den Stadtspitälern.

Filippo Leutenegger ist übrigens kein Ersttäter, wenn es um den Kampf um das prestigeträchtige Stadtpräsidium geht. Schon vor drei Jahren nahm er als Newcomer in der Stadtpolitik einen Anlauf, blieb jedoch chancenlos. Nun stehen die Aktien des lizenzierten Juristen und Ökonomen besser, wenn auch vielleicht nicht gut genug. Dankbar dürfen ihm die Zürcherinnen und Zürcher allemal sein: Auch auf die vergleichsweise blasse Corine Mauch wird etwas von der Aura des Tiefbauchefs abfallen. Auch wenn er als Stapi-Kandidat am Ende entsorgt werden sollte.


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