Am Dienstag gilt es ernst für das Dreierticket der FDP

HEARINGS ⋅ Am Dienstag stellen sich die Bundesratskandidaten der FDP den Fragen der Parlamentarier von SVP, CVP und Grünen. Während Favorit Ignazio Cassis seine Ansichten zur Drogenpolitik verteidigen muss, wird Isabelle Moret über Persönliches reden müssen.
11. September 2017, 04:39

Ignazio Cassis: Mit Geduld und Sympathie zum Ziel

Der Favorit Es war eine der letzten Veranstaltungen, bevor FDP-Nationalrat Ignazio Cassis in die Hearings bei SVP, CVP und Grünen muss. Doch für einmal wurde nicht über seinen Herkunftskanton Tessin diskutiert, als das Gespräch auf bundesratslose Stände fiel. Vielmehr wurde am Freitag in Brunnen über die fehlende Vertretung des Kantons Schwyz in der Landesregierung gesprochen, als die Gesellschaft zur Promotion von Schweizer Produkten, Swiss Label, zum Apéro anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens lud. Eigentlich hätten die Schwyzer bei diesem Thema noch mehr Grund für Unmut als der Südkanton – der Urkanton war noch gar nie im Bundesrat vertreten.

Doch Cassis, der im Vorstand der Gesellschaft sitzt, versteht es, die Gelegenheit für sich zu nutzen: Er spekulierte darüber, dass die Schwyzer FDP-Nationalrätin und Parteipräsidentin Petra ­Gössi zur ersten Schwyzer Bundesrätin werden könnte, und sammelte damit Wohlwollen bei der deutschsprachigen Fraktion seiner Partei. Cassis prophezeit Gössi noch mindestens 20 Jahre politischer Karriere und sagt: «Wenn man schaut, wie gut sie als FDP-Präsidentin jetzt schon ist, dann wird sie in zehn Jahren noch viel besser sein.»

Doch zunächst geht es um Cassis’ eigene Bundesratsambitionen. Mit den Hearings von morgen und drei weiteren in einer Woche geht die Suche nach der Bundesratsnachfolge definitiv in die heisse Phase, und Cassis hält sich in dem Wahlkampf, bei dem er als Favorit gilt, wacker, mit ­Geduld und Sympathie.

Finger, Drogen und der italienische Pass

Die Geschichte um den Verlust seines Fingers hat Cassis stoisch, aber freundlich wohl so viele Male wiedergeben müssen, wie es Medien in der Schweiz gibt. Mit Ausdauer rechtfertigt der frühere Tessiner Kantonsarzt auch wiederholte Fragen zu seinen Ansichten in der Drogenpolitik: Jüngst hat er wieder Schlagzeilen geschrieben mit seiner Forderung nach einer Liberalisierung von Kokain. Zeigen wird sich, inwiefern ihm vor allem die SVP dies übel nehmen wird. Angriffsfläche hat Cassis bei der Rechten reduziert, indem er präventiv seine italienische Staatsbürgerschaft aufgab – bei den ­Sozialdemokraten hinge­gen fuhr der einstige Doppelbürger damit Kritik als Opportunist ein.

Neben dem immer reifer werdenden Tessiner Anspruch wird ihm wohl auch helfen, dass seine Konkurrenten bei aussenpolitischen Fragen als linker wahrgenommen werden als jene von Cassis. Angesichts dessen wird wohl so mancher konservative Parlamentarier über Cassis’ gesellschaftsliberale Positionen hinwegsehen müssen.

Sasa Rasic

Isabelle Moret: Mühen mit dem Scheinwerferlicht

DIE BRÜCKENBAUERIN Die politischen Inhalte wurden bei Isa­belle Moret in den vergangenen Wochen überlagert von der Debatte über ihre grundsätzliche Eignung für das Bundesratsamt. Sie schien sich mit dem Scheinwerferlicht nie anfreunden zu können, wirkte oft überfordert. Der erste Auftritt bei der Tour de Suisse des Kandidatentrios sei ihr in der Tat nicht optimal gelungen, sagt Moret. Danach aber sei es besser geworden.

Die Waadtländerin meint, sie werde als Frau schneller kritisiert als ihre männlichen Kontrahenten. Zusätzliche Unruhe in die Kampagne brachte die Information, dass sich Moret mit ihrem Ehemann um die Obhut für die beiden gemeinsamen Kinder streitet. Die 46-Jährige muss sich bei den Hearings auf kritische Fragen gefasst machen.

«Es braucht kein Rahmenabkommen»

Moret wird vor den Fraktionen wie schon während ihrer Kampagne ihre Kompromissfähigkeit herausstreichen. Mit der Linken weise sie etwa in der Familienpolitik Gemeinsamkeiten auf. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik bezeichnet sich Moret hingegen als stramm bürgerlich.

Als Bundesrätin wolle sie den Anliegen von Wirtschaftsminister und Parteikollege Johann Schneider-Ammann zum Durchbruch verhelfen – ein Seitenhieb gegen Didier Burkhalter, der dafür verantwortlich gemacht wird, dass sich die bürgerliche Mehrheit von FDP und SVP im Bundesrat nicht immer durchsetzt. Rechts zu punkten, versuchte die Anwältin zudem, indem sie ihre harte Haltung in sicherheitspolitischen Fragen unterstrich. Vage blieb sie, wenn es um das künftige Verhältnis mit der EU ging – also um die drängendste Frage, mit der sich der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Burkhalter im Aussendepartement konfrontiert sieht. Im Interview mit unserer Zeitung sprach sie vergangene Woche dann doch noch Klartext: «Ich schlage vor, dass wir unser künftiges Verhältnis mit der EU weiterhin Schritt für Schritt regeln – und nicht mit einem Rahmenabkommen.»

Die FDP habe in der Westschweiz einen höheren Wähleranteil als in der Deutschschweiz, eine Kandidatur aus der Romandie sei deshalb durchaus legitim, sagt Moret. Und: «Es sassen auch schon zwei Zürcher gleichzeitig in der Regierung, derzeit sind es zwei Berner. Warum soll neben Guy Parmelin also nicht ein zweiter Bundesrat aus der Waadt kommen, dem drittgrössten Kanton?» Auf die Feststellung, dass vier Bundesräte aus zwei Kantonen doch eine allzu grosse Machtballung darstellen würden, entgegnet Moret, der Berner Schneider-Ammann bleibe ja nicht mehr ewig im Bundesrat.

Tobias Bär

Pierre Maudet: «Extrem konzentriert» vor seiner Prüfung

DER PROFI Nervös sei er nicht, «aber extrem konzentriert auf diese Prüfung», sagt Pierre Maudet. Die Prüfung, die besteht in den ersten drei Hearings vor den Bundeshausfraktionen morgen Dienstag. Nervös braucht der Genfer Regierungsrat aus zwei Gründen nicht zu sein.

Erstens ist es für den 39 Jahre jungen Karrierepolitiker keineswegs die letzte Chance, den Sprung in die Landesregierung zu schaffen. Verfehlt er diesmal das Ziel, dürfte er erneut zum Kandidatenkreis gehören, wenn dereinst der lateinische FDP-Sitz wieder frei wird.

Zweitens ist Maudet als Aussenseiter ins Rennen gestartet und hat nichts zu verlieren. Eine kleine Sensation hat er bereits geschafft, indem er in die Endausmarchung vorgedrungen ist. Das hatten dem Genfer noch vor den Sommerferien wenige zugetraut, unter anderem, weil Maudet als Kantonspolitiker in der Bundesversammlung keine Hausmacht hinter sich hat.

Doch er hat gepunktet, indem er eine professionelle Kampagne aufgezogen hat – mit aufmüpfigem Wahlprogramm, unzähligen Medienauftritten und gutem Lobbying. «Die Kampagne ist packend», sagt Maudet. Weil er selbst kein eidgenössischer Parlamentarier sei, habe er auf diese zugehen müssen, begründet er. Auch die Bürger hätten ein Anrecht darauf, über ihn informiert zu werden, selbst wenn sie den Bundesrat nicht selbst wählen könnten. Maudet stört nicht, dass die drei Kandidaten nach ihren Steuererklärungen gefragt wurden, ein Novum. Grenzen zieht er dennoch: «Das Privatleben muss absolut respektiert werden.»

Nur ein bisschen Homestory

Homestorys gibt es mit dem Genfer nicht. Seine Frau begleite ihn punktuell zu Anlässen. Sonst aber gebe er seine drei Kinder, seine Familie und sein Zuhause nicht der Öffentlichkeit preis. «Meine Familie soll nicht die Konsequenzen meines öffentlichen Lebens tragen müssen», sagt Maudet. Doch auch er liess sich von der «Schweizer Illustrierten» begleiten, als er mit Frau und Kindern ans Unspunnenfest nach Inter­laken fuhr, um für seine Kandidatur zu werben.

Die Parlamentarier will Maudet nun überzeugen mit seiner Erfahrung als Sicherheits- und Wirtschaftsdirektor eines Grenzkantons, als Liberaler, der für eine Verständigung mit der EU plädiert, als strenger Asylpolitiker, der für Sans-Papiers ein umstrittenes Legalisierungsprogramm gestartet hat, als erfolgsverwöhntes Animal politique. Nervös macht Maudet das nicht. «Aber ich werde wohl ein bisschen beeindruckt sein von der Wichtigkeit des Moments und des Orts», gesteht er dann ein.

Fabian Fellman


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