Mit Sammelwut zum Burkaverbot

EINSATZ ⋅ Ob die Volksinitiative für ein Verhüllungsverbot zustande kommt, ist offen. Massgeblichen Anteil daran hätte ein 76-jähriger Innerschweizer. Erwin Lötscher hat im Alleingang rund 9000 Unterschriften gesammelt – und er macht weiter.
24. August 2017, 08:01

Es ist gar nicht so einfach, Erwin Lötscher ans Telefon zu bekommen. Der 76-Jährige besitzt kein Handy und die Anrufe auf den Festnetzanschluss gehen ins Leere. Lötscher ist ausser Haus und sammelt Unterschriften. Wohl gibt es in der ganzen Schweiz niemanden, der dies derzeit mit mehr Leidenschaft tut als der Innerschweizer. Am Dienstag war er mit seinen Unterschriftenbogen bis spät am Abend an der Badenfahrt, gestern versuchte er unter anderem die Gäste des Biker-Treffs in Gunzwil LU von seinem Anliegen zu überzeugen.

Dieses Anliegen lautet, die Schweiz zum Burka-freien Raum zu erklären. Mitte September endet die Sammelfrist für die Volksinitiative, mit der ein nationales Verhüllungsverbot eingeführt werden soll. Und es wird knapp, so lassen sich zumindest die Aussagen der Initianten deuten. Zwar haben sie inzwischen mehr als die 100000 nötigen Unterschriften beisammen. «Ziel sind aber mindestens 120000 Unterschriften», sagt Anian Liebrand, Mitinitiant und ehemaliger Präsident der Jungen SVP Schweiz. Dies, weil etliche Unterschriften ungültig seien, etwa, weil sie doppelt eingegangen sind. Am Wochenende hat sich das federführende Egerkinger Komitee zur Krisensitzung getroffen und eine Schlussoffensive ausgerufen.

Getrieben von der Angst vor der «Überfremdung»

Erwin Lötscher jedenfalls muss sich keinen Mangel an Engagement vorwerfen lassen. Seit dem Start der Unterschriftensammlung im Frühling 2016 hat er unzählige Stunden in seinen Feldzug gegen den Ganzkörperschleier investiert. Von seinem Wohnort Willisau LU bricht er auf zu Märkten, Schwingfesten und Motorradrennen («Dort läuft es besonders gut»), besucht manchmal mehrere Anlässe pro Tag. Das erzählt er am Telefon, nachdem wir ihn doch noch erreicht haben. Der Einsatz schlägt sich in einer beeindruckenden Zahl nieder: Gegen 9000 Unterschriften hat Lötscher gemäss eigenen Angaben gesammelt. Liebrand bestätigt die Angabe. Die vom ehemaligen SVP-Nationalrat und Mitinitianten Ulrich Schlüer herausgegebene Zeitschrift «Schweizerzeit» hat sich mit einem Porträt bei Lötscher bedankt, auch der «Blick» ist auf den sammelwütigen Rentner aufmerksam geworden.

Beim Gespräch wird klar, was Lötscher antreibt: Er sieht die Schweiz durch die Zuwanderung und durch den Islam bedroht. Er stört sich an den verschleierten Touristinnen in Interlaken und befürchtet, dass diese nun auch in grösserer Zahl auf den Bürgenstock hoch über dem Vierwaldstättersee kommen – jetzt, wo dort ein von Katar finanziertes Luxusressort eröffnet wird. Einst hat Lötscher der SVP und auch den Schweizer Demokraten, die sich den Kampf gegen die «Überfremdung» auf die Fahne geschrieben haben, Beiträge überwiesen. «Damit habe ich aufgehört. Heute helfe ich, indem ich Unterschriften sammle.» Wenn er von seinen Touren nach Hause kommt, notiert er seine Erlebnisse. Und die Ausgaben für Benzin und Parkgebühren.

Bereits für die Ecopop-Initiative trug Lötscher, der vor seiner Pensionierung während 33 Jahren bei ein und demselben Arbeitgeber in der Logistik tätig war, Tausende Unterschriften zusammen. Dies noch in Begleitung seiner Frau. Im März 2016 ist sie gestorben. «Das Unterschriftensammeln hilft mir, die Wut über den Verlust abzubauen.» Dann verabschiedet sich Lötscher. Er hat zu tun. Die Burkaverbots-Ini-tianten sind auf ihn angewiesen.

 

Tobias Bär


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