Mühsamer Kampf gegen Benzinfresser

VERKEHR ⋅ Ab 2020 gelten für Neuwagen in der Schweiz strengere CO2-Grenzwerte. Doch schon die heutigen Vorschriften bereiten der Branche Mühe. Der Verband Auto Schweiz fordert darum mehr Zeit für die Umsetzung.
13. Juni 2017, 07:27

Michel Burtscher

Die Vorgabe ist klar: Neue Personenwagen dürfen im Durchschnitt nur noch 130 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen. Das besagen die Emissionsvorschriften, die seit 2012 in der Schweiz gelten. Doch wie schon 2015 haben die Schweizer Autoimporteure dieses Ziel auch im vergangenen Jahr nicht erreicht, wie das Bundesamt für Energie (BFE) gestern mitteilte. Der durchschnittliche CO2-Ausstoss der Neuwagenflotte lag 2016 bei 134 Gramm CO2 pro Kilometer. Das entspricht zwar einem leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr, liegt aber immer noch über dem Grenzwert. Die Folge für die Branche: Sanktionen in der Höhe von rund 2,4 Millionen Franken. Trotzdem betont Andreas Burgener, Direktor von Auto Schweiz, dem Verband der Automobil-Importeure: «Wir sind auf dem richtigen Weg.»

Schon bald muss die Branche aber sogar noch schärfere Vorgaben erfüllen: Im Rahmen der Energiestrategie 2050 gilt ab 2020 – analog den neuen Vorschriften in der EU – der Zielwert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Der durchschnittliche CO2-Ausstoss muss also innerhalb weniger Jahre nochmals deutlich reduziert werden.

Wobei es gemäss dem bundesrätlichen Entwurf zur Revision der CO2-Verordnung noch eine Übergangsphase geben soll. Demnach werden erst ab 2023 alle Neuwagen für die Berechnung des durchschnittlichen CO2-Ausstosses berücksichtigt. Trotzdem stellt sich die Frage, ob der neue Grenzwert überhaupt erreicht werden kann, wenn die Branche schon Mühe mit den jetzigen Vorschriften hat.

Die Antwort darauf ist für den Thurgauer SVP-Ständerat Roland Eberle klar: «Dieses Ziel ist nicht realistisch», sagt er. Zum Vergleich: Die Europäische Union ist schon viel weiter und konnte den CO2-Ausstoss bereits auf 118 Gramm senken.

Schweiz profitiert von technischem Fortschritt

Beim Bundesamt für Energie ist man trotzdem verhalten optimistisch: Das Ziel von 95 Gramm CO2 pro Kilometer sei eine Herausforderung, aber realistisch, heisst es dort auf Anfrage. Das Ziel gelte europaweit, also müssten alle Hersteller darauf hinarbeiten, so Kommunikationschefin Marianne Zünd. Von diesen technischen Fortschritten profitiere auch die Schweiz als Importland von Fahrzeugen.

Andreas Burgener kritisiert dieses Argument: «Wir haben hierzulande zwar die gleichen Produkte, nicht aber den gleichen Markt», sagt er. So sei etwa der Anteil an Allradfahrzeugen sehr hoch – und diese seien verbrauchsintensiver als normale Autos. Zudem habe man in der EU den Vorteil, dass sich die Fahrzeugmärkte in den verschiedenen Mitgliedsländern gegenseitig ausgleichen. «Wir müssen die Ziele alleine erreichen», klagt Burgener. Der Verband hofft, dass der Bundesrat diese Faktoren berücksichtigt. «Wir wollen nicht an den Grenzwerten rütteln, brauchen aber mehr Zeit für die Umsetzung», sagt Burgener. Auto Schweiz fordert darum eine längere Übergangsphase bis 2025. Das BFE will sich zu Forderungen von Interessenvertretern nicht äussern. Der Bundesrat wird die Verordnung voraussichtlich Ende Oktober oder Anfang November verabschieden.

Kein Verständnis für die Wünsche der Autoimporteure haben linke Politiker. Beat Jans, Basler Nationalrat und SP-Vizepräsident, sagt: «Das Ziel von 95 Gramm ist realistisch, wenn der Wille da ist.» Er sagt, die Importeure hätten diesbezüglich bisher zu wenig gemacht. Auch der grüne Nationalrat Bastien Girod (ZH) findet: «Die Branche muss sich mehr Mühe geben.» Es gebe bereits heute genug sparsame Fahrzeuge auf dem Markt und die Kunden hätten auch nichts gegen diese, ist Girod überzeugt. Es liege an der Branche, sie unter die Leute zu bringen.


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