No Billag: Werdet erwachsen!

ANSICHTEN ⋅ Gastautor Gabriel Felder über die No Billag Initiative.
01. Dezember 2017, 07:11

Die sogenannte No-Billag-Initiative scheint derzeit, so vernehme ich in meiner britischen Wahlheimat, hohe Wellen zu schlagen im Schweizerland. Für die Initianten habe ich zwei Worte parat: Werdet erwachsen. Und ich darf mir hier eine pointierte Meinung erlauben: Schliesslich erlebe ich Tag für die Tag, wie eine noch monumentalere populistische Schnapsidee – der Brexit – derzeit den gesamten politischen Diskurs lahmlegt und sämtliche Energien absaugt. Energien, die in Bereichen wie Schul- und Gesundheitswesen um ein Vielfaches konstruktiver eingesetzt werden könnten. 

«No Billag» hinkt dem Brexit denn auch kaum hinterher in Sachen atemberaubender Kurzsichtigkeit. Wie jedes Grossunternehmen kann auch die SRG nicht von sich behaupten, dass alles rosig aussieht in ihren Sendestudios und Redaktionsstuben. Mit einer gewissen Grösse und Marktpräsenz scheint sich ein unausgesprochener Anspruch auf Unantastbarkeit einzuschleichen, beabsichtigt oder nicht. So gesehen leistet das Schreckgespenst eines potenziellen Jas zu «No Billag» der SRG einen wertvollen Dienst als Weckruf. Das mir vertraute Modell der britischen BBC zeigt auf, dass eine amtlich bewilligte Sendeanstalt die Treue ihrer Konsumentinnen und Konsumenten nicht als selbstverständlich voraussetzen kann. Im Zeitalter von Netflix and Amazon Prime bietet sich vor allem einer jüngeren Generation ein Angebot, das es möglich macht, ein Medienleben unabhängig von traditionellem Apparaten und Konsumgewohnheiten zu führen. 

Der iPlayer der BBC etwa, der auf allen elektronischen Plattformen eine selbstbewusste und von allen Altersgruppen genutzte Präsenz geniesst, beantwortet die Bedürfnisse dieser neuen On-Demand-Generation mit beweglichen Extras. Diese ergänzen das übliche Programmraster innovativ (auf dem iPlayer findet sich zum Beispiel ein ganzer Jugendkanal). Das Budget der SRG ist zugegebenermassen um einiges bescheidener als dasjenige der British Broadcasting Corporation. Trotzdem werden die momentanen Diskussionen um die Raison d’être des öffentlichen Dienstes als Erinnerung dazu dienen, dass eine neu heranwachsende Medienmentalität ernst zu nehmen und mit einem attraktiven Angebot anzusprechen ist. 

Die Fernseh- und Radioproduktionen der SRG sind schnell kritisiert. Für die Alternative einer schönen neuen privaten Medienwelt ohne Billag gibt es allerdings weder Qualitätszertifikate noch Garantien. Genau so wie niemand weiss, wie Grossbritannien mit einer Realität ausserhalb der EU fertig werden wird. «No Billag» und Brexit befriedigen gutgemeinte ideologische Ideenskizzen. Realitätstauglich sind in meinen Augen beide nicht.

Es wäre meiner Meinung nach fatal, wenn Verschiebungen im Konsumverhalten ein System bedrohen würden, das eine ganze Gesellschaft – im Schweizer Fall vier Landesteile – erfolgreich zusammenhält und das kulturelle, wirtschaftliche wie auch politische Leben darin aktiv inspiriert. Das Gebührensystem der Billag spiegelt eine Haltung wider, nach der das Individuum einen Beitrag zum Nutzen der ganzen Gemeinschaft leistet. Aus diesem Blickwinkel stellt die No-Billag-Initiative einen zynischen Angriff auf die Schweizer Gesellschaft im weiteren Sinn dar. Statt den Umstand zu feiern, dass hier zwischenmenschliche Solidarität zum Ausdruck kommt, träumen die Initianten von einer «ungeheuren Kaufkraft» in Milliardenhöhe, welche die Annahme der Initiative «freisetzen» würde. Wie in der Brexit-Kampagne wird mit Fantasie ein sogenannter Gewinn schöngeredet, der vor einem nicht zu beziffernden Verlust wie Kleingeld aussehen würde. Für das Schweizer Wahlvolk habe ich daher aus der Ferne zwei Worte anzubieten: Finger weg. 



Gabriel Felder
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