Pyro-Werfer muss 18 Monate ins Gefängnis – Verteidigerin zieht vor Bundesgericht

FANGEWALT ⋅ Ein Fan des FC St. Gallen muss eineinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Bundesstrafgericht verurteilte ihn zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 36 Monaten, weil der junge Mann während eines Spiels im Luzerner Fussballstadion Pyro-Gegenstände auf das Spielfeld geworfen hatte.
Aktualisiert: 
10.08.2017, 15:00
09. August 2017, 11:48

Das Gericht ist den Argumenten der Bundesanwaltschaft in den wesentlichen Punkten gefolgt. Die Behörde hatte eine Freiheitsstrafe von vier Jahren gefordert. Sie verneinte während des Prozesses in Bellinzona, dass es sich um ein Piloturteil handle.

Bundesanwalt hofft auf Signalwirkung

Nach der mündlichen Urteilsverkündung sagte der Bundesanwalt auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda, er hoffe, dass der Entscheid für zukünftige Spiele eine Signalwirkung habe - für alle Fussballfans.

Das Bundesstrafgericht entschied, dass der heute 24-jährige Pyro-Werfer 18 Monate der 36-monatigen teilbedingten Freiheitsstrafe absitzen muss. Zudem hat es eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 50 Franken und eine Busse von 700 Franken ausgesprochen.

Das Gericht befand den jungen Mann schuldig der mehrfachen Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht, der schweren Körperverletzung zum Nachteil eines Zuschauers, der mehrfachen Sachbeschädigung und der mehrfachen Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz.

Die Verteidigerin des nun erstinstanzlich Verurteilten hatte einen Freispruch beantragt. Lediglich die Sachbeschädigung, die durch die Pyro-Gegenstände auf dem Rasen verursacht wurde, anerkannte sie. Die Schadensumme von 800 Franken ist bereits an die Swissporarena überwiesen worden.

Genugtuung von 12'000 Franken

Der 24-Jährige schuldet dem an einem irreversiblen Hörschaden leidenden Geschädigten eine Genugtuung von 12'000 Franken. Er muss zudem einen Teil der Verfahrenskosten von 15'000 Franken zahlen. Dem Geschädigten und der Swissporarena muss er zudem Aufwendungen von total rund 26'000 Franken bezahlen.

Der Angeklagte hatte bereits bei der ersten Befragung zugegeben, die vier Pyro-Gegenstände während der Begegnung zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen in Luzern auf das Spielfeld geworfen zu haben. Er und seine Verteidigerin bestritten jedoch die rechtliche Würdigung der Tat.

Entgegen der Auffassung der Verteidigerin fallen die beiden sogenannten Kreiselblitze, die der Ostschweizer bei seinem dritten und vierten Wurf auf das Spielfeld schleuderte, gemäss Gericht unter den Begriff Sprengstoff, wie ihn der Straftatbestand der Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht vorsieht. Kein Sprengstoff seien hingegen die beiden Rauchtöpfe, die zuerst auf dem Spielfeld gelandet waren.

Der vorsitzende Richter hielt in der Urteilsbegründung fest, dass der Ostschweizer mit den beiden Sprengkörpern eine konkrete Gefahr für Spieler, Zuschauer und weitere Anwesende geschaffen habe. Keine Rolle spiele, dass der erste der beiden Kreiselblitze nicht explodiert sei.

Für einen Kreiselblitz sei ein Mindestabstand von 55 Meter einzuhalten. Dieser sei bezüglich einer Vielzahl von Personen nicht gegeben gewesen. Aus "primitiven Gründen und auf rücksichtslose Art" habe der jung Mann gehandelt, führte der Richter aus.

Das Bundesstrafgericht sieht es zudem als erwiesen an, dass der irreversible Hörschaden des einen Zuschauers eine Folge des explodierten Kreiselblitzes ist. Der Betroffene hat seit den Ereignissen im Luzerner Stadion auch einen Tinnitus und bekundet grosse Mühe, das Erlebte zu verarbeiten.

Unsachgemässe Lagerung

Für schuldig befunden hat das Bundesstrafgericht den Fan des FC St. Gallen auch im Zusammenhang mit dem Sprengstoffgesetz. Nicht nur den Besitz der 100 Kilogramm pyrotechnischer Gegenstände erachtete das Gericht als verboten - diese Menge hat die Polizei bei einer Durchsuchung im März 2016 im WG-Zimmer des 24-Jährigen gefunden.

Auch die Lagerung in Kartons und Plastiksäcken entspreche nicht den Sicherheitsvorkehrungen, die gemäss Sprengstoffgesetz hätten getroffen werden müssen.

Die Verteidigerin des Ostschweizers erklärte nach der Eröffnung des Urteils, dass sie den Entscheid oder Teile davon wahrscheinlich ans Bundesgericht weiterziehen wolle. Definitiv entscheiden könne sie dies allerdings erst, wenn das begründete Urteil vorliege.
 
  

 

Verteidigerin geht höchstwahrscheinlich vor Bundesgericht  


Bellinzona. Die Verteidigerin des verurteilten FCSG-Fan wird das Urteil des Bundesstrafgerichts höchst wahrscheinlich ans Bundesgericht weiterziehen. Der Bundesanwalt hingegen zeigte sich zufrieden mit dem verhängten Strafmass.

In einer ersten Stellungnahme hielt Verteidigerin Manuela Schiller fest, dass die Urteilsbegründung zu den beiden Hauptpunkten ausgesprochen emotional und weniger juristisch ausgefallen sei. Es hänge nun von der Begründung ab, ob sie das Urteil oder Teile davon an die nächste und letzte Instanz - das Bundesgericht - weiterziehen werde.

Aufgrund der mündlichen Urteilsbegründung bleibt gemäss Schiller unklar, warum es für den Besitz des beim 24-Jährigen gefundenen Sprengkörper eine Bewilligung braucht. Im Gesetz sei dies nicht nicht explizit festgehalten, sagte sie.

Positiv wertet Schiller, dass die beiden ersten geworfenen Pyro-Gegenstände, sogenannte Rauchtöpfe, nicht unter Sprengstoffe fallen, wie es der Straftatbestand der Gefährdung durch Sprengstoffe und giftige Gase in verbrecherischer Absicht vorsehe.

"Ansonsten würde bald alles darunter fallen. Das heisst aber nicht, dass ich das Werfen von Rauchtöpfen an Fussballspielen befürworte", sagte Schiller.

Der Bundesanwalt dagegen zeigte sich soweit zufrieden mit dem Urteil. Man habe insgesamt fast die beantragten vier Jahre Freiheitsstrafe erreicht. Ob das Urteil aufgrund einzelner Punkte weitergezogen werde, konnte er am Mittwoch noch nicht sagen.

sda

Video: Hans-Jürg Käser: «Das Urteil ist ein starkes Zeichen»

Hans-Jürg Käser, Präsident der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), zeigt sich zufrieden mit dem Urteil gegen einen 24-jährigen Fan des FC St. Gallen, der bei einem Spiel Pyrogegenstände aufs Spielfeld warf. Das Urteil gehe in die richtige Richtung, sagte der Berner FDP-Regierungsrat. Die Freiheitsstrafe von 36 Monaten, die Hälfte davon unbedingt, sei ein starkes Zeichen. (Markus Böni/sda, 09.08.2017)



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