Politik um Kartoffel und Kuh

ABSTIMMUNG ⋅ In zwei Wochen stimmen wir über einen Verfassungsartikel dazu ab. Ein Blick in die jüngere Geschichte verdeutlicht die Interessenkonflikte, welche die Versorgung mit Lebensmitteln prägen.
12. September 2017, 07:32

Urs Bader

Woher kommen unsere Nahrungsmittel – oder genauer: woher sollen sie kommen? Gleich drei aktuelle Volksinitiativen stellen diese Frage. Eine erste Antwort gibt das Schweizer Stimmvolk am 24. September, wenn über den Bundesbeschluss über die Ernährungssicherheit abgestimmt wird (vgl. Box). Er ist der Gegenentwurf von Bundesrat und Parlament zu einer Volksinitiative des Bauernverbandes.

Die Frage nach der Herkunft der Lebensmittel ist in den letzten Jahren brisanter geworden. Das hat zu tun mit stärker globalisierten Märkten, mit Freihandel und Landwirtschaften, die darin unter Druck geraten sind. Es hat aber auch mit kritischer gewordenen Konsumentinnen und Konsumenten zu tun, die wissen wollen, woher und in welcher Qualität das Brot, die Kartoffeln oder das Rindsfilet auf den Tisch kommen und unter welchen Bedingungen sie produziert wurden. Ein Politikum ist die Frage seit Jahrzehnten. Sicher aber seit der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg, die vom späteren Bundesrat F. T. Wahlen initiiert wurde. Die politische Überhöhung dieser Anbauschlacht und der daraus erwachsene Mythos hat die Landwirtschaftspolitik unseres Landes seither geprägt – und privilegiert. Und er klingt in den aktuellen Diskussionen immer noch nach. Die Ernährungssouveränität als Ausdruck der politischen Souveränität und als Propagandavehikel für diese.

Symbol für die politische Unabhängigkeit

Der Berner SVP-Nationalrat Andreas Aebi etwa schrieb in einem Beitrag, der auf der Homepage der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) nachzulesen ist: «Viele ziehen die Anstrengungen der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg ins Lächerliche. Umringt von Feinden versuchte die Schweiz damals, sich selbst zu versorgen: Fussballfelder wurden umgepflügt und mitten in der Stadt wurden Kartoffeln gepflanzt. Ein Kampf um die Versorgung der eigenen Bevölkerung wurde mit grosser Leidenschaft geführt. Heute machen sich viele Leute lustig über die Anstrengungen unserer Grosseltern; für diese aber war Hunger eine bittere Realität.» Weniger Abhängigkeit von anderen Ländern und Grosskonzernen, das sei echte Ernährungssicherheit, wie sie der Staat zu garantieren habe. Aebi weibelte für die Initiative des Bauernverbands und schrieb: «Wenn die Politik nicht handelt, muss das Volk es tun und seine Zukunft selber gestalten. Mit der Initiative für Ernährungssicherheit können wir ein Zeichen setzen, dass wir eine starke und unabhängige Schweiz wollen.»

Tatsächlich ging es in der Anbauschlacht (auch «Plan Wahlen») ab 1940 um mehr als um die bessere und sicherere Versorgung der Bevölkerung. Der Historiker Albert Tanner schreibt im «Historischen Lexikon der Schweiz»: «Der Nutzen der Anbauschlacht ging indes weit über die Sicherung der Ernährung hinaus. Mit ihrer Unterordnung aller unter ein gemeinsames Ziel förderte sie die gesellschaftliche Integration nachhaltig.» Sie sei zum Symbol geworden für die Volksgemeinschaft, den Widerstandswillen und die Selbstbehauptung der Schweiz – nicht zuletzt wegen einer gut organisierten Propaganda. «Diese deutete den Kampf gegen Hunger und für Selbstversorgung nie als Selbstzweck, sondern setzte ihn immer mit dem Kampf für Vaterland und Unabhängigkeit gleich und stellte damit das Anbauwerk auf die gleiche Stufe wie die militärische Landesverteidigung.»

In den Kriegsjahren von 1939–45 gelang es laut Tanner durch Umwandlung von Wiesen zu Äckern, durch Rodungen und Trockenlegungen sowie durch die Förderung der Kleinpflanzer, die Anbaufläche von 183000 auf 352000 Hektaren auszuweiten. Das Ziel von 500000 Hektaren wurde allerdings nicht erreicht. Von der Selbstversorgung blieb die Schweiz aber auch damals weit entfernt. Der Selbstversorgungsgrad stieg von 52 auf 59 Prozent, verbunden jedoch mit einer Senkung der durchschnittlichen Kalorienmenge pro Person von 3200 auf 2200.

Kampf um Boden und offene Grenzen

Und dabei blieb es mehr oder weniger. Der Netto-Selbstversorgungsgrad – bei der Berechnung werden anteilsmässig jene tierischen Nahrungsmittel abgezogen, die mit importierten Futtermitteln produziert werden – schwankt seit 1990 zwischen 50 und 60 Prozent. Er ist aber insgesamt leicht rückläufig. Ursache ist laut Agristat, dem statistischen Dienst des Bauernverbandes, der wachsende Futtermittelimport. Der für 2016 geschätzte Netto-Selbstversorgungsgrad sinkt erstmals unter 50 auf etwa 48 Prozent. Grund dafür seien «extrem schlechte Ernten». Würde auch der Einkaufstourismus noch in Rechnung gestellt, ginge er auf 46 Prozent zurück.

Die starke Forcierung der Selbstversorgung beziehungsweise die Versuche zur Abschottung des Marktes stiessen stets auf Vorbehalte der exportorientierten Industrie. Auch die Anbauschlacht wurde nur als kriegswirtschaftliches Notprogramm akzeptiert. Insbesondere ging es auch um den Einsatz der neben dem Wehrdienst verbliebenen Arbeitskräfte. Heute fokussiert dieser Konflikt auf den Abschluss von Freihandelsabkommen und möglichen Konzessionen, die der Landwirtschaft abverlangt werden könnten.

Eine Konstante in der Debatte um die Nahrungsmittelproduktion war und ist auch, wie viel vom Boden für die Viehwirtschaft und wie viel für den Ackerbau eingesetzt werden soll. In den Viehwirtschaftsregionen regte sich in der Kriegszeit Widerstand gegen die Anbauschlacht, die den Ackerbau forcierte. Heute ist diese Frage eher internationalisiert: Ist es, zum Beispiel, sinnvoll, auf Äckern in Brasilien Futtermittel für unsere Viehwirtschaft zu produzieren, wo eben erst noch Regenwald stand? Diese Kontroverse weist über das Erstellen von Energiebilanzen für einzelne Lebensmittel hinaus. Sie macht aber deutlich, wie hochkomplex inzwischen das System zur Versorgung mit Lebensmitteln geworden ist. Und damit auch die Ernährungssicherheit.


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