Praxisärzte sträuben sich

DIGITALISIERUNG ⋅ Das elektronische Patientendossier kann sich nur dann etablieren, wenn möglichst viele Leistungserbringer mitmachen. Doch gerade bei den Praxisärzten ist die Skepsis noch immer gross.
19. Juni 2017, 07:27

Michel Burtscher

Der Bundesrat verspricht sich viel vom elektronischen Patientendossier, sehr viel sogar: Damit soll – unter anderem – die Qualität der medizinischen Behandlung gestärkt, die Patientensicherheit erhöht und die Effizienz des Gesundheitssystems gesteigert werden (siehe Kasten). Im März hat die Landesregierung die Details geregelt und die entsprechenden Verordnungen verabschiedet. Spitälern und Heimen bleiben nun noch knapp drei Jahre Zeit, um das E-Patientendossier einzuführen. Pflegeheime und Geburtshäuser haben zwei Jahre mehr.

Freiwillig bleibt die ganze Sache für ambulante Leistungserbringer wie Praxisärzte, Apotheker oder Chiropraktiker. Gerade bei den Praxisärzten ist die Skepsis gegenüber dem elektronischen Patientendossier noch immer gross, wie das jüngste eHealth Barometer des Forschungsinstituts Gfs.Bern zeigt: Demnach wollen nur gerade 19 Prozent der Praxisärzte ihren Patienten in Zukunft selbst ein elektronisches Patientendossier anbieten. 48 Prozent wissen es nicht oder geben keine Antwort. Ein ganzes Drittel der Befragten lehnt das gar ab.

Viele Ärzte arbeiten noch mit Papier

Dabei kann das E-Patientendossier die hohen Erwartungen nur erfüllen, wenn möglichst viele Leistungserbringer mitmachen: vom Hausarzt über den Apotheker bis zum Spezialisten. Laut den Studienautoren sind es die Spitäler, die beim Thema eHealth in vielerlei Hinsicht Speerspitze und Motor zugleich sind, während die Praxisärzte eher auf der Bremse stehen. Dabei sei aber die ganze Ärzteschaft «essenziell für den Erfolg von eHealth in der Schweiz». Gerade die Hausärzte haben eine wichtige Rolle: Bei ihnen nämlich würden gemäss der Gfs-Befragung 65 Prozent der Patienten am liebsten ihr E-Dossier eröffnen. Woher kommt also die Skepsis der Mediziner? Laut der Studie haben sie im Moment noch Bedenken wegen des Datenschutzes. Für Yvonne Gilli, Vorstandsmitglied der Ärztevereinigung FMH und zuständig für den Bereich eHealth, sind auch die Kosten ein entscheidender Punkt: «Praxisärzte müssen die Investitionen in ihre Infrastruktur selber übernehmen – was viele abschreckt.» Hinzu kommt, dass es auch heute noch viele Praxen gibt, die noch nicht voll digitalisiert sind, viele Ärzte, die noch mit Papier arbeiten. «Für sie kommt eine Umstellung teuer», betont die Ärztin.

Gilli selbst sieht die Vorteile eines elektronischen Patientendossiers vor allem bei standardisierten Prozessen, etwa bei der Medikation. Grundsätzlich zeigt sich Gilli aber überzeugt, dass mit der Zeit immer mehr Praxisärzte ihren Patienten ein E-Patientendossier anbieten werden. Einerseits, weil immer mehr ältere Ärzte in Pension gehen. «Praxen mit jungen Ärzten sind bereits jetzt voll digitalisiert, für sie ist das kein Problem», sagt die ehemalige grüne Nationalrätin. Andererseits ist sie sich sicher, dass sich auch ältere Ärzte vom elektronischen Patientendossier überzeugen lassen, wenn sie erst einmal «ein fertiges Produkt sehen und erfahren, dass es funktioniert».

Zwang wurde im Parlament diskutiert

Es gab aber auch immer wieder Stimmen, die das E-Patientendossier grundsätzlich für alle ­obligatorisch machen wollten. Dieses bringe nur etwas, wenn sämtliche Leistungserbringer mitmachen würden, sagte der SVP-Nationalrat und Gesundheitspolitiker Sebastian Frehner (BS) während der Debatte im Parlament. Ein solches Obligatorium wurde denn auch diskutiert, schliesslich aber wieder verworfen – nachdem der FMH mit dem Referendum gedroht hatte. Auch Gilli sagt, dass es eine Herausforderung werde, das Patientendossier zu etablieren, wenn es für einen Teil der Leistungserbringer freiwillig bleibt. Gleichzeitig werde so aber Druck auf die Entwickler ausgeübt, ein gutes System zu erarbeiten. Für sie ist denn auch klar: «Das Wichtigste ist, dass die Ärzte und dadurch auch die Patienten diesem vertrauen können.» Denn die Patienten sind es, die am Schluss entscheiden, ob und wo sie ein elektronisches Patientendossier eröffnen wollen. Und laut der Gfs-Studie gibt es auch bei ihnen noch Vorbehalte.


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