Pro Tell sucht einen Präsidenten – und sich selbst

WAFFEN ⋅ Nach prominenten Abgängen versucht der Waffenlobby-Verein Pro Tell, sich einen gemässigteren Anstrich zu geben. Radikalen Forderungen erteilt er eine Absage – zumindest vorerst. Der Präsidentenposten bleibt indes verwaist.
15. April 2018, 08:52

Es sind turbulente Zeiten bei Pro Tell. Erst setzte der Vorstand der Waffenlobby den langjährigen Präsidenten ab, später warf sein Nachfolger den Bettel hin – auch, weil ihm einige Vorstandsmitglieder zu radikal waren. Gestern versuchte die Pro-Tell-Spitze an der Generalversammlung, die Reihen zu schliessen. «Geeint sind wir stark», hiess es auf der Einladung, und SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor, derzeit Übergangspräsident, wiederholte den Satz mehr als einmal.

Wie chaotisch es beim Verein zu und her geht, auch organisatorisch, zeigte sich jedoch erneut. Kandidaten für den verwaisten Präsidentenposten gab es keine. Und Uneinigkeit herrschte im Vorstand offenbar auch darüber, ob Journalisten an der Versammlung dabei sein durften. Ja, hiess es im Vorfeld. Doch gestern galt das plötzlich nicht mehr: Pro-Tell-Mitglieder in gelben Westen verwehrten Journalisten und Fotografen den Zugang zur Kaserne in Bern, wo die Versammlung stattfand. Man habe keine Geheimnisse, sagte Addor, aber man wolle in Ruhe diskutieren.

Ein heikler Auftritt

Die rund 400 angereisten Pro-Tell-Mitglieder aus allen Landesteilen blieben also unter sich – zumindest fast: SVP-Bundesrat Guy Parmelin war als Gast eingeladen. Ihm kam die heikle Aufgabe zu, die geplante Verschärfung des Waffenrechts zu verteidigen, die neben Pro Tell auch die SVP bekämpft. Parmelin versicherte nach seinem Auftritt vor den Medien, er habe selbstverständlich die Position des Bundesrats vertreten. Nach Ansicht der Regierung braucht es die Gesetzesrevision, weil sonst das Schengen-Abkommen gefährdet ist. Viel ändern werde sich aber nicht, sagte Parmelin. Pro Tell sieht das ganz anders: Das Waffenrecht werde dadurch noch weiter verschärft. Der Verein will deshalb das Referendum ergreifen.

Auf diesen Kampf wolle man sich nun konzentrieren, hiess es gestern. Vom Tisch sind dagegen – zumindest für den Moment – Forderungen nach einer Liberalisierung des Waffenrechts. Die Versammlung lehnte es ab, eine Initiative zu lancieren, die das Recht auf Tragen von Waffen verlangte. Auch in den Statuten soll diese Forderung nun doch nicht verankert werden. Selbst Addor, der sich in der Vergangenheit dafür starkgemacht hatte, sprach sich dagegen aus. «Es geht jetzt darum, das heutige Recht zu verteidigen», erklärte der Walliser. Das dürfte vor allem Taktik sein: Die radikalen Töne haben einige Mitglieder vor den Kopf gestossen; die Aargauer SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger gab gar den Austritt.

Ein Diplom und ein Gewehr

Immerhin ein interner Streit wurde gestern beigelegt: Die Generalversammlung ernannte den langjährigen Präsidenten Willy Pfund, der 2016 vom damaligen Vorstand abgesetzt worden war, zum Ehrenpräsidenten. Als Geschenk erhielt der 78-Jährige ein Diplom und ein Gewehr. Bei dieser Ehrung durften die Medien übrigens dann doch dabei sein: Ein solch versöhnliches Bild zeigt man offensichtlich gerne. Bleibt die Frage, wie lange es geht, bis dieses wieder Risse erhält.

 

Maja Briner


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