Europa braucht offenen Blick auf Rest der Welt

JEAN-CLAUDE JUNCKER: ⋅ Die berühmte Rede Winston Churchills über die Zukunft Europas hat sich am Montag zum 70. Mal gejährt. Anlässlich dieses Jubiläums warf EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker an gleicher Stätte - der Aula der Universität Zürich - ebenfalls einen Blick nach Vorne und fand mahnende Worte.

Aktualisiert: 
19.09.2016, 21:00

Juncker sagte in seinem Vortrag, dass sich Europa, der alte Kontinent, modernisieren müsse. Es gelte, Verspätungen, beispielsweise in der Wissenschaft oder der Digitalisierung, aufzuholen.

Dabei benötige man auch einen offenen Blick auf den Rest der Welt. «Wir müssen mit den anderen auf dieser Welt zusammenarbeiten - auch wirtschaftlich», sagte er.

Juncker machte auf die künftigen Herausforderungen Europas aufmerksam: «Wir sind ein kleiner Kontinent, verlieren in der globalen Wirtschaft an Einfluss und der Anteil Europäer an der gesamten Menschheit nimmt ab.» Der Kontinent müsse daher lernen, die europäische Geschichte gemeinsam anzugehen. Kleinstaaterei sei kein Konzept für die Zukunftsgestaltung.

Er sei aber auch dagegen, dass Europa zum einheitlichen Zentralstaat werde. Man müsse die Eigenheiten der einzelnen Länder respektieren und erhalten. «Es braucht nicht mehr Europa, sondern ein besseres Europa», betonte er mehrmals.

Sich der Verantwortung stellen

Juncker bemängelte, dass sich Europa über vieles beklage, das nicht rund laufe. Es gibt aber seit der visionären Rede Churchills auch Grund zur Freude: Europa hat es geschafft, den Frieden auf dem Kontinent zu sichern. «Wir haben so lange Frieden wie noch nie.»

Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigte er, indem er auf die Konflikte in der Ukraine oder Syrien aufmerksam machte - Länder, die nicht weit von Europa entfernt sind.

Bezüglich Flüchtlingsthematik sagte Juncker, dass sich Europa der Verantwortung stellen muss, «wenn die Leute von Hunger, Not und Terror getrieben zu uns kommen». Er verstehe die Menschen, die sich auf den Weg machen würden.

«Es gibt aber zu viele Flüchtlinge. Nicht alle von ihnen werden in Europa eine Heimat finden», sagte er. Juncker schlug vor, dass man mehr in Nordafrika investieren und präsenter sein müsse.

Eine gemeinsame Erfolgsgeschichte

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hatte am Montag das Referat von Juncker eröffnet. Churchill sei ein Vordenker eines geeinten Europas gewesen. «Der Kriegspremier als Friedensstifter.»

Er wies in seiner Ansprache darauf hin, dass die Schweiz und Europa eine grosse Erfolgsgeschichte für beide Seiten sei. Europa profitiere von einer starken Schweiz und umgekehrt.

Deshalb müsse man gute und einvernehmliche Lösungen finden. Er sprach dabei das Gespräch über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative an, das er am Nachmittag mit Juncker geführt hatte.

Europa müsse ein führender Innovationskontinent sein. «Europa kann es sich deshalb nicht leisten, wenn sich in der Wissenschaft Gräben auftun», sagte der Bundespräsident. Deshalb sei es wichtig, dass die Schweiz beim Forschungsprojekt Horizon 2020 dabei sei.

Am Montagnachmittag treffen sich Bundespräsident Johann Schneider-Ammann und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu einem Gespräch in Zürich. Dabei diskutieren sie unter anderem über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Das Treffen findet anlässlich des 70. Jubiläums der Europarede von Churchill in Zürich statt. (Keystone, 19. September 2016)

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprach von einem konstruktiven Gespräch mit Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Der grüne Zweig warte aber noch. Er betonte auch, dass die EU die Schweiz brauche und umgekehrt. (Keystone, 19. September 2016)

(sda)


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