«Journalisten waren schon immer subventionierte Bauern»

MEDIEN ⋅ Zum Tod von Kurt Imhof lesen Sie hier ein Interview vom 27. Juli 2013 zur Medienförderung.

Die SP ging diese Woche hart mit der Schweizer Medienlandschaft ins Gericht. Unter anderem wird den Medien mangelnde Qualität und Vielfalt vorgeworfen. Deshalb sollen über Abgaben auf Werbeumsätzen und eine Steuer auf Datenverkehr im Internet unter anderem Zeitungen gefördert werden. Bürgerliche Politiker lehnen die Idee ab, da die Medien auf diese Weise künstlich am Leben gehalten werden. Aus der Medienforschung melden sich aber nun gegenteilige Meinungen.

Die SP attestiert der Schweizer Medienlandschaft Marktversagen sowie eine Abnahme an publizistischer Vielfalt.
Kurt Imhof*:
Diese Entwicklung lässt sich messen. Es ist so, dass es in der Schweizer Medienlandschaft zu einer massiven, vorher noch nie da gewesenen Konzentration gekommen ist. Vor allem die Presse und der Onlinebereich sind betroffen. Die grossen Verlage haben sich die Gebiete aufgeteilt. Innerhalb dieser «Claims» oder Ansprüche herrscht kaum noch Konkurrenz. Ausserdem sank die Auflage bei den Abonnementszeitungen seit 2001 um 32 Prozent und die Titelzahl um 26 Prozent, und die Kopfblatt- und Mantelsysteme nahmen massiv zu. Kurz: Wir haben eine Medienkrise, und das ist schlecht für eine Demokratie.

Wie steht es um die Qualität?
Imhof:
Auch die Qualität der Medienprodukte hat abgenommen. Redaktionen wurden aufgelöst, der Allroundund Multikanaljournalismus nahm zu. Es kann weniger eingeordnet werden. Es gibt weniger Recherche. Dafür erscheinen mehr Agenturbeiträge sowie Unterhaltung. Ökonomisch wirft nur noch Billig- Journalismus kräftig Rendite ab.

Was sind die Gründe dafür?
Imhof:
Zunächst die Kommerzialisierung bei Print und Rundfunk in der Schweiz der 1980er- und 1990er-Jahre, das heisst die Orientierung an Nutzung und Rendite und die Krise dieses Geschäftsmodells seit dem Platzen der Internetblase um 2000. Dann die zeitgleiche Lancierung von Gratismedien, die die Werbe- und Abonnementseinnahmen der Kaufzeitungen kannibalisieren und das Preisbewusstsein für journalistische Leistungen zerstören, und schliesslich der Strukturwandel des Informationswesens durch die Digitalisierung. Die Werbeeinnahmen online decken bei weitem nicht die Werbeverluste offline, und die Online-Bezahlmodelle bringen viel zu wenig ein. Im Effekt führte die Renditeorientierung zum einen, die Einnahmeausfälle zum anderen zu einschneidenden Sparrunden der Verlagshäuser. Dadurch leidet der Informationsjournalismus, die Attraktivität des Berufs sinkt, und viele flüchten in den PR-Bereich.

Wie bewerten Sie die Idee des Fördertopfes, um die Situation zu verbessern? Und ist es nicht unrealistisch, Firmen wie Google und Facebook per Steuer auf Datenverkehr zur Kasse zu bitten?
Imhof:
Das ist nicht unrealistisch. In Frankreich besteht dieses Modell einer Werbeabgabe beim Privatfernsehen, bei Telekomund Internetdienstleistern, und es funktioniert. Wir haben das Problem, dass die uralte «Ehe», welche redaktionelle Inhalte durch Werbung finanziert hat, zerbricht. Die Werbung fliesst von der Publizistik ab, belohnt im Rundfunk ausgeprägt das private Unterhaltungsfernsehen und orientiert sich über Suchmaschinen und Social Media an immer spezifischeren Zielgruppen.

Ist die Sorge der Verleger berechtigt, dass eine Abgabe auf Werbeumsätze die angespannte Inseratelage noch verschärfen würde?
Imhof:
Eigentlich würden die Verleger von diesem Modell profitieren. Denn es würden Einnahmen aus der Werbung beim Unterhaltungsfernsehen und im Internet in den Informationsjournalismus zurückfliessen. Eigentlich ist diese Massnahme der Forderung der Verleger, Google für die Verwendung ihrer Inhalte zur Kasse zu bitten, nicht unähnlich.

Was halten Sie vom oft vorgebrachten Vergleich, dass Journalisten auf diese Weise zu einer neuen Art «subventionierter Bauern» werden würde?
Imhof:
Wenn man so will, waren die Journalisten eigentlich schon immer «subventionierte Bauern». Die Presseförderung in der Schweiz ist nichts Neues. Seit Gründung des Bundesstaats achtete man auf die Meinungsvielfalt, da diese die Voraussetzung für eine lebendige Demokratie ist. Die neuen Instrumente wären einfach eine gezielte Förderung im Gegensatz zum heutigen Giesskannenprinzip, welches Vergünstigungen bei der Post und Mehrwertsteuerreduktionen beinhaltet.

Sind die Befürchtungen berechtigt, dass mit den Fördergeldern die Unabhängigkeit der Journalisten auf eine andere Art als heute beeinträchtigt wird?
Imhof:
Diese Befürchtungen sind unberechtigt. Den Redaktionen werden mit den Fördergeldern keine inhaltlichen Vorgaben gemacht.

Mit Radio und Fernsehen haben wir bereits staatlich geförderte Medien. Diese finden sich jedoch bezüglich Qualität auch ziemlich oft im Kreuzfeuer der Kritik wieder. Ist die staatliche Förderung doch nicht der Weisheit letzter Schluss?
Imhof:
Diese Medien gehören zum Service public und haben umfangreiche Vorschriften bezüglich des Programms. Sie haben vor allem auch die Aufgabe, der Einheit der Schweiz über ihre Sprachregionen hinweg zu dienen, und sie machen ihren Informationsjournalismus im Vergleich gut. Im Jahrbuch «Qualität der Medien» steht das öffentliche Radio an der Spitze bezüglich Qualität. Das Fernsehen befindet sich im vorderen Mittelfeld. Daher kann man von der Qualität her keine Defizite bei dieser Art von Förderung feststellen.

Aus dem bürgerlichen Lager wird argumentiert, dass eine staatliche Förderung eine eher linkslastige Berichterstattung mit sich bringt. Ist Ihrer Ansicht nach daran etwas dran?
Imhof:
Das ist ein Mythos. Skandinavien hat eine lange Tradition bezüglich direkter Medienförderung, und dort stimmt dies überhaupt nicht. In Schweden trägt eine konservative Regierung ein derartiges Fördermodell mit. In Finnland genauso.

Bürgerliche Politiker argumentieren damit, dass mit der Förderung Medien künstlich am Leben gehalten werden.
Imhof:
Darum geht es ja gar nicht. Die Medien sollen nicht auf Leben und Tod gefördert werden. Die Anforderungen an Qualität und Vielfalt gelten auch für die Berichterstattung, wenn sie vom Print- in den Onlinebereich verschoben wird.

Sie haben angedeutet, dass in Basel keine wesentlichen, nichtsubventionierten Medien bestehen. Ist dies nicht zugespitzt formuliert?
Imhof:
Überhaupt nicht. Neben den mit öffentlichen Geldern geförderten privaten Runfunkmedien in Basel bleiben die «Basler Zeitung», welche durch «politisches Geld» (der Familie Blocher und der Holding von Investor Tito Tettamanti, Anm. d. Red.) subventioniert wird, und die «Tageswoche», welche durch eine Stiftung unterstützt wird. Daneben existiert noch ein nichtsubventioniertes Info- Portal und dank der Expansion des AZ Verlags die «Basellandschaftliche Zeitung» als Investitionsprodukt.

Laut SP herrscht in vielen Regionen kein Wettbewerb mehr.
Imhof:
Nur in Zürich bestehen mit dem «Tages-Anzeiger» und der NZZ zwei gewichtige Zeitungen, die direkt gegeneinander antreten. Die anderen Regionen sind unter den Verlagshäusern aufgeteilt. So gehen auch den Journalisten die Arbeitgeber verloren, was Auswirkungen auf die Berichterstattung hat.

* Kurt Imhof (57) ist Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich
und im Stiftungsrat des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG). Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs «Qualität der Medien».

Jahrbuch soll Qualität messen

Seit 2010 gibt das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich das Jahrbuch «Qualität und Medien» heraus. Dabei werden die Mediengattungen Presse, Radio, Fernsehen und Online untersucht. 2012 wurden folgende Medien und Formate lobend erwähnt: «Echo der Zeit», «Rendez-vous am Mittag», «Radiogiornale» (alle SRGRadios), NZZ, «NZZ am Sonntag», «Le Temps» und «Corriere del Ticino ». Bei den Regionalzeitungen war es einzig die «Neue Luzerner Zeitung».


Login


 

Anzeige: