Sicherheitslage bereitet Armeechef Philipp Rebord Sorgen

SCHWEIZ ⋅ «Die Lage könnte rasch eskalieren», sagt der neue Chef der Armee Philipp Rebord im Interview mit der «Zentralschweiz am Sonntag» - einem der wenigen, die er seit seinem Amtsantritt gegeben hat.Die Schweizer Armee brauche deswegen nach wie vor schwere Mittel wie Kampfpanzer, Kampfflugzeuge oder Artillerie.
03. Dezember 2017, 05:00

Korpskommandant Philippe Rebord, bald sind Sie ein Jahr lang Armeechef. Feiern Sie das?

(lacht) So oft wie möglich. Es ist ein Privileg, ein solches Amt ausüben zu dürfen. Da es die letzten Jahre meiner Karriere sind, habe ich nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren und bin frei, mich total einzusetzen.

Was hat Sie in Ihrem ersten Amtsjahr am meisten gefreut?

Dass der Bundesrat letzten Monat an drei aufeinanderfolgenden Sitzungen beschlossen hat, den Luftraum mit neuen Kampfflugzeugen und einem Boden-Luft-Lenkwaffensystem zu schützen, den Zugang zum Zivildienst einzuschränken und den Armeekadern Ausbildungsgutschriften zu gewähren. Höhere Unteroffiziere und Offiziere bekommen zwischen 3'300 und 11'300 Franken, wenn sie weitermachen.

Bei Ihrem Vorgänger war kritisch die Rede vom «System Blattmann» Gibt es jetzt ein «Système Rebord»?

Es gab mit Sicherheit ein «System Blattmann», denn als André Blattmann die Armee verliess, waren alle höheren Stabsoffiziere bis auf zwei von ihm nominiert worden. Ich hatte ihm das als Gag bei unserem letzten Treffen gesagt: Siehst du, das ist jetzt das «System Blattmann». Es ist normal, dass sich eine Organisation mit den Jahren ihrem Chef anpasst. Es ist aber nicht mein Ziel, künstlich ein «Système Rebord» aufzubauen. Ich führe die Armee mit meinen Stärken und Schwächen, und ich habe den Eindruck, dass mir die meisten folgen. Das ist das Wichtigste.

Was ist denn Ihre grösste Stärke, was die grösste Schwäche?

Man muss natürlich und konstant sein. Ich kann mich noch an die erste Qualifikation erinnern, die ich als neu ernannter Divisionär 2014 von Korpskommandant Blattmann bekam. Unter besonderen Bemerkungen hatte er geschrieben: «Nicht spektakulär, aber effizient.» Das entspricht meinem Führungsstil. Für mich zählt das Resultat. Wer die Tore geschossen hat, ist mir egal. Wichtig ist, dass man Tore erzielt.

Welches Problem hat Sie im ersten Jahr am meisten beschäftigt?

Die Mittel, welche der Armee zur Verfügung gestellt werden, in Einklang zu bringen mit den Leistungen, die sie zu erbringen hat. Es ist ein permanenter Kampf, damit es klappt. Mit der Weiterentwicklung der Armee WEA sollte es etwas einfacher werden, und noch mehr nach dem Entscheid des Bundesrates, das Armeebudget ab 2021 um 1,4 Prozent pro Jahr zu erhöhen. Das führt dazu, dass 2029 die 6-Milliarden-Grenze überschritten wird. 

Reichen die vom Bundesrat beantragten 16 Milliarden Franken?

Sie öffnen einen möglichen Weg. Das war ein schwieriger strategischer Entscheid, denn das Kampfflugzeug wird erst ab 2030 fliegen, vermutlich 40 Jahre lang. Allein zu sagen, wie die Lage in Europa in ein paar wenigen Jahren sein wird, ist schon mutig. Prognosen für nach 2030 aufzustellen, ist noch mutiger. Am Nato-Gipfel 2010 in Lissabon hiess es, es gebe nur noch eine einzige Bedrohung, und das sei der Terrorismus. Sieben Jahre später sagt das keiner mehr. Und wenn sich die weltweite Sicherheitslage weiter so verschärft, wo stehen wir dann 2024?

Nochmals: Reichen die 16 Milliarden?

Der Entscheid ist ein Kompromiss, der der Armee aber grossen Handlungsspielraum gibt, sich nicht nur in der Luft zu entwickeln, sondern auch am Boden. Als Chef der Armee bin ich sehr froh darüber. Dass der Bundesrat die Armee als Gesamtsystem betrachtet, freut mich besonders. Die Armee muss den Entscheid respektieren, denn der Bund selber ist auch ein Gesamtsystem.

Wie viele Kampfflugzeuge braucht die Schweizer Armee mindestens, damit man noch von einer Luftwaffe sprechen kann? Gilt die Zahl von 40 noch, die Sie mal genannt hatten?

Da wurde ich gefragt, welche von zwei Optionen der Expertengruppe zum Neuen Kampfflugzeug ich vorziehe. Ich habe geantwortet, wenn Sie so fragen, dann jene mit 40 Kampfjets, denn diese Option verdoppelt die Durchhaltefähigkeit der Luftwaffe. Jetzt eine Zahl zu nennen, ist schwierig. Zuerst muss die Evaluation zeigen, was die Kampfflugzeuge können. Wenn ein Kampfflugzeug mehr kann, brauchen wir weniger davon. Die Anzahl hängt auch von den Wartungszeiten der Flugzeuge ab. Je kürzer diese sind, desto höher ist die Verfügbarkeit der Flotte.

Parlamentarier beklagen, Sie seien kaum präsent. Planen Sie jetzt eine Charmeoffensive?

Nein, ich plane keine Charmeoffensive. Jedes Mal, wenn ich von einer Kommission aufgeboten werde, bin ich da. Ich anerkenne das Primat der Politik und bin jederzeit bereit, mit Politikern zu diskutieren. Ich habe nie einen Kontakt verweigert, inszeniere das aber auch nicht. Mein Vorgänger bekam oft den Vorwurf zu hören, er mache zu viel Politik. Vielleicht bekomme ich nach meinem ersten Jahr den Vorwurf zu hören, ich mache zu wenig Politik. Doch ich glaube, das Parlament und ich, wir finden langsam unserem Rhythmus. Das habe ich in keiner Schule gelernt…

Die Umsetzung der WEA beginnt Anfang 2018. Sie haben schon die letzten drei Reformen samt all den Umsetzungsproblemen miterlebt, auch das Chaos zu Beginn der Armee XXI. Wie anspruchsvoll ist verglichen damit die WEA?

Bei der Umsetzung der Armee XXI war das Problem, dass die Armee das für die Reform vorgesehene Budget nicht bekam. Was die WEA betrifft: Es ist ein Prozess, der sich über 5 Jahre erstreckt. In dieser Zeit wird sich die Armee permanent optimieren. Wir haben jetzt eine Marschrichtung, wir haben die Meilensteine definiert, und das Parlament wir sehr genau beobachten, wo wir stehen. Denn das Parlament führt die Armee an der kürzesten Leine, was in einer Demokratie zu begrüssen ist.

Wo liegen die grössten Herausforderungen?

Ich sehe zwei, sofern wir unser Budget kriegen – wobei das Ende Dezember jeweils nur für das nächste Jahr erfolgt. Erstes Problem ist die Alimentierung der Armee mit Personal. Ich brauche die 18’000 RS-Absolventen, um sie einzuteilen. Und wir erreichen diese Zahl wirklich nur knapp. Nächstes Jahr ist ein besonderes Jahr. Wir werden mehr Rekruten haben, weil es heuer keinen dritten RS-Beginn gab. Um definitive Schlussfolgerungen zu ziehen, ist es deshalb noch zu früh.

Zu Beginn der Armee XXI gab es wegen Logistikproblemen nicht genügend Kappen und Handschuhe für alle. Werden diesmal keine Rekruten und WK-Soldaten frieren müssen?

Frieren ist sehr individuell. Ich kann nicht garantieren, dass keiner frieren wird, aber jeder wird seine Ausrüstung kriegen. Doch zurück zur Kern der Sache: Die Zahl der Zivildienstler wird dieses Jahr um acht bis zehn Prozent steigen und wieder die Höchstzahl von 2009 und 2010 erreichen, als es gegen 6'800 waren. Besonders weh tut, dass wir viele Spezialisten nach absolvierter Rekrutenschule an den Zivildienst verlieren. Das wird sich zwar mit der Revision des Zivildienstgesetzes korrigieren, aber erst in drei, vier Jahren.

Warum machen Sie nicht den Militärdienst noch attraktiver, über die Jokertage und den sanfteren Einstieg in die RS hinaus?

Lassen Sie mich das an einem Beispiel erklären: Ich habe vor ein paar Wochen mit zwei Tessiner Soldaten diskutiert, die am Ende des zweiten WK zum Zivildienst wechseln wollten. Beide sagten, eigentlich hätten sie nichts gegen die Armee, zumal sie da nur noch vier WKs leisten müssten, im Zivildienst jedoch deren sechs. Aber im Zivildienst könnten sie die Art des Dienstes wählen – und mit ein bisschen Glück vielleicht in dieser Branche später einen Job finden. Zweitens könnten sie den Dienstort wählen, der mit Garantie weder auf dem Simplon noch in Bure sein werde, sondern südlich der Alpen, was für einen Tessiner eine Rolle spielt. Und drittens könnten Sie bestimmen, wann genau sie ihren Dienst leisten. Dass diese beiden Jungen ihre Möglichkeit nutzten, geht für mich in Ordnung. Es gibt aber keinen Ersatz für die Sicherheit. Meine Aufgabe als Armeechef ist es, Alarmglocke zu läuten, denn es wird langsam zu einem Problem.

Umso wichtiger wäre es, den Dienst noch attraktiver zu gestalten. Fällt Ihnen nichts Weiteres ein?

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wehrpflicht einst eingeführt wurde, um Sicherheit zu produzieren. Dazu muss man eine professionelle Leistung erbringen können, sonst bekommt man ein Problem mit der Gegenseite. Das muss nicht unbedingt der grosse Kriegsfall sein. Wenn Sie zum Beispiel ein Schlüsselobjekt am Frankophonie-Gipfel in Montreux bewachen, und die Regierung des Kantons Waadt gibt den Feuerbefehl, bekommt es rasch eine andere Dimension. Dann ist es zu spät, um Ausbildung zu betreiben.

Was ist die zweite Herausforderung?

Die Wiedereinführung der Mobilmachung. Das beginnt bei der Logistik: In der Armee XXI wurde das Material zentralisiert, und jetzt müssen wir dezentralisieren. Ausserdem müssen wir die ganze Armee ausbilden, vom Bataillonskommandanten bis zum Soldat. Wir haben dieses Jahr damit begonnen. Schliesslich müssen wir Überzeugungsarbeit leisten. Denn die Gesellschaft hat vergessen, was Mobilmachung heisst.

Was heisst es?

Wenn man mobilisiert, verlassen die Leute den Arbeitsplatz. Da gibt es noch Erklärungsbedarf bei den KMUs, damit haben wir ebenfalls dieses Jahr begonnen. Nächstes Jahr werden erste Übungen stattfinden, und wir werden Schritt für Schritt Erfahrungen sammeln.

Allenthalten wird aufgerüstet. Macht die globale Sicherheitslage dem Chef der Schweizer Armee Sorgen?

Das macht mir grosse Sorgen, vor allem die steigende Geschwindigkeit der Entwicklung. Die Machtpolitik ist zurück, wenn auch nicht ganz gleich wie im Kalten Krieg. Das führt dazu, dass die Nato mit einem Transformationsprozess beginnt, wobei wir mit der WEA noch früher dran sind und ebenfalls aufrüsten. Wir müssen in Zukunft weiterhin in der Lage sein, zu kämpfen, zu schützen, und zu helfen. Anders formuliert braucht unsere Armee nach wie vor schwere Mittel wie Kampfpanzer, Kampfflugzeuge oder Artillerie.

Welche geopolitischen Entwicklungen bereiten Ihnen die grössten Sorgen?

Zurzeit ist es die Machtpolitik, denn die Lage könnte rasch eskalieren. Alle Schlüsselspieler auf der Weltebene bringen sich wiederum stark in Stellung. Denken Sie etwa an die russischen Manöver von diesem Sommer mit mehr als 100'000 Soldaten, an die Gegenmanöver der Nato und der Schweden. Das haben wir seit mehr als 20 Jahren nicht mehr erlebt.

Malen Sie nicht etwas schwarz?

Nehmen wir mal China. Bis vor zehn Jahren verfolgten die Chinesen strategisch betrachtet eine neutrale Politik. Jetzt rüsten sie unglaublich auf, und sie wollen ihr Einflussgebiet erhöhen. Das eröffnet Konfliktpotential mit den USA und öffnet freie Räume für Russland. Es ist eine Art Schachspiel. Ich sehe eher schwarz, ja.

Rechnen Sie wieder mit einem kriegsähnlichen Konflikt, der die Schweiz tangieren könnte?

Die Situation ist wie gesagt nicht mit dem Kalten Krieg vergleichbar, unter anderem weil Russland schwächer als damals ist und wir indirekt vom Schirm der Nato profitieren. Die Frage lautet aber, wie sich die Lage nach 2030 entwickeln wird, wenn die Schlüsselspieler, die jetzt aufzurüsten beginnen, all ihre Rüstungsmittel haben. Deswegen versuchen wir ja, ein Bild für die Zeit nach 2030 zu definieren.

Was ist wichtiger: Konventionelle Verteidigung oder Cyberverteidigung?

Beides ist wichtig, ebenso wie die subsidiären Einsätze im Katastrophenfall.

Warum machen sie dann bei der Aufrüstung im Cyberspace nicht vorwärts?

Wir haben im VBS proaktiv unseren Aktionsplan Cyberdefence entwickelt und müssen ihn noch mit der nationalen Cyberstrategie für die gesamte Bundesverwaltung abstimmen, die im Finanzdepartement entwickelt wurde. Bis 2023 investieren wir 3,4 Milliarden Franken in Rechenzentren, Führungsnetze und die Telematik, da sind wir daran. Jetzt müssen wir die Spezialisten rekrutieren. Wir können schon viel, sind aber noch keine Grossmacht wie die Amerikaner und die Deutschen. Zurzeit haben wir 50 Berufsmilitärs und 100 Milizler. Nächstes Jahr starten wir dann mit der Gründung der ersten Cyberkompanie. Bis wird diese alimentiert haben, wird es mindestens drei, vier Jahre dauern. Denn wir bekommen keine zusätzlichen Stellen vom Parlament.

Ist das nicht zu spät? Die Hackerangriffe erfolgen schon seit vielen Jahren.

Ja, aber wir verteidigen uns ja auch, dazu haben wir Einrichtungen zur elektronischen Kriegsführung in Zimmerwald. Und wir profitieren vom grossen Knowhow der Milizsoldaten.

Interview: Eva Novak

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