US-Firma erfasst Schweizer Handydaten: Staumeldungen sollen so genauer werden

MOBILITÄT ⋅ Die US-Firma Inrix soll künftig im Auftrag des Bundes die Verkehrssituation in der Schweiz erfassen. Ziel ist es, präzisere Angaben zu Staus zu liefern. Auch die Swisscom hatte sich beworben – ging aber leer aus.
08. Oktober 2017, 08:19

Maja Briner

Bessere Stauprognosen dank Handydaten: Das erhoffte sich der Bund von einem Pilotprojekt, das er vor drei Jahren lancierte. Die Swisscom wertete dafür Bewegungsdaten von Handys auf gewissen Strecken aus. Nun folgt der nächste Schritt: Neu soll der Verkehr auf dem ganzen Nationalstrassennetz erfasst werden. Einen entsprechenden Auftrag hat das Bundesamt für Strassen (Astra) an den Verkehrsdatenanbieter Inrix vergeben. Er soll bereits nächstes Jahr Informationen zu Staus liefern – und auch Angaben dazu, wie viel Zeit Autofahrer für eine Strecke brauchen.

Das sei wichtig, erklärt das Astra. «Die Staulänge ist relativ einfach zu messen, aber entscheidender ist der Zeitverlust», sagt Astra-Sprecher Thomas Rohrbach. «Der Autofahrer will wissen, wie lange er braucht für eine Strecke – und nicht nur, wie viele Kilometer Stau es hat.»

Autofahrer bei Stau richtig lenken

Durch präzise Zeitangaben soll es auch gelingen, die Autofahrer beispielsweise bei einem Stau richtig zu lenken. So soll verhindert werden, dass bei einem Unfall auf der Autobahn Tausende Verkehrsteilnehmer auf dieselbe Alternativroute ausweichen – und diese verstopfen. «Der Platz auf den Strassen ist knapp», sagt Rohrbach. «Je besser wir die Nutzer leiten können, desto effizienter wird der Asphalt genutzt.» Deshalb sei es wichtig, Autofahrern via Radio oder Textanzeigen auf den Autobahnen Empfehlungen zum schnellsten Weg geben zu können. «Je besser die Reisezeitangaben sind, desto eher glauben die Autofahrer allfälligen Empfehlungen», sagt er.

Dienste wie Google Maps bieten solche Informationen bereits teilweise an. Warum überlässt der Bund diese Aufgabe nicht einfach privaten Firmen? Das gehe nicht, sagt Sprecher Rohrbach, denn das Verkehrsmanagement sei Aufgabe des Bundes. Und Daten wie jene von Google Maps dürfe der Staat nicht einfach nutzen.

Swisscom prüft Beschwerde

Um den neuen Astra-Auftrag hatte sich auch die Swisscom beworben. Den Zuschlag erhielt bei der öffentlichen Ausschreibung jedoch Inrix, da sie ein günstigeres Angebot eingereicht hatte. Swisscom-Sprecher Sepp Huber sagt: «Es hat mehrere Anbieter gegeben, diesmal haben wir nicht gewonnen. So ist es bei einer Ausschreibung.» Der Entscheid ist indes noch nicht rechtskräftig. Die Swisscom prüft derzeit, ob sie Beschwerde einlegen wird.

Inrix hat nach eigenen Angaben in 60 Ländern über 500 Kunden. Ihren Hauptsitz hat die Firma in den USA; der Astra-Auftrag wird indes über Inrix Europe in München abgewickelt. Für das dreijährige Mandat würde die Firma vom Bund rund 5,5 Millionen Franken erhalten. Das ist gut dreimal mehr, als die Swisscom für das Pilotprojekt erhielt. Der neue Auftrag sei «wesentlich umfassender», begründet Rohrbach den Preisunterschied.

Datenschützer nicht informiert

Welche Daten Inrix in der Schweiz auswerten will, ist unklar. Die Firma könne dazu im Moment keine Auskunft geben, teilt der für Europa zuständige Marketingleiter mit. Auf der Website der Firma ist ersichtlich, dass sie unter anderem Handys, GPS und Kameras für ihre Verkehrsanalysen nutzt. Der Datenschutz dürfte daher noch zu reden geben.

Dem Eidgenössischen Datenschützer wurde das neue Astra-Projekt bisher noch nicht vorgelegt, wie Sprecher Francis Meier sagt. Generell gelte, dass Behörden bei der Bearbeitung von Personendaten gewisse Regeln einhalten müssen. So müssen sie etwa gewährleisten, dass die Daten nur zum angegebenen Zweck verwendet werden. «Werden hingegen anonymisierte Daten bearbeitet, entfallen diese Pflichten», erklärt Meier. Genau dies sei beim Pilotprojekt der Swisscom der Fall gewesen: Die Daten waren anonymisiert. «Ob dies auch auf die Reisezeiterfassung durch Inrix zutrifft, entzieht sich unserer Kenntnis», sagt der Sprecher des Datenschützers.


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