Gesundheitswesen

Teures Pflaster

Dominik Buholzer über die Gesundheitskosten in der Schweiz
18. Juni 2017, 04:38

«Warum brauchen wir diese unglaubliche Spitzenmedizin? Ich habe gar nicht die Absicht, 120 Jahre alt zu werden. Mir wäre lieber, das Mittelmass würde wieder Einzug halten», ereifert sich der User mit dem sinnigen Internet-Namen «Motzer». Man muss «Motzer» ein Stück weit gar Recht geben. Laut dem jüngsten Bericht der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) wachsen die Gesundheitskosten in der Schweiz in den kommenden Jahren rasant weiter und betragen schon bald 10 000 Franken pro Person. Das ist ein stolzer Betrag, immerhin macht dies 27 Franken pro Person und Tag aus. Die Schweiz ist ein teures Pflaster – im doppelten Sinne des Wortes.

Die KOF führt für den Kostenanstieg unter anderem das Wirtschaftswachstum ins Feld, aber auch die Demografie, den wachsenden Anteil der älteren Bevölkerung. Dies ist natürlich nicht falsch. Redlicher wäre es aber, man würde auch das Mengenwachstum und die Ausweitung des Leistungskatalogs als Gründe für den Kostenschub erwähnen. Salopp formuliert: Wir in der Schweiz wollen stets die beste Behandlung, ohne dafür aber etwas bezahlen zu müssen. Es ist ja nicht so, dass wir uns ein solches Gesundheitssystem nicht leisten könnten. Im Gegenteil. Wie ein Bericht der Krankenkasse Hel­sana von Ende vergangenen Jahres zeigt, nimmt das Bruttoinlandprodukt bereinigt um die Gesundheitskosten gar immer noch zu. Das heisst: Die Gesundheitskosten sind kein Wohlstandshemmnis. Das Problem ist aber die Lastenverteilung auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

Im Kampf gegen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen will Gesundheits­minister Alain Berset auf das kommende Jahr hin ein einheitliches Tarifsystem für ärztliche Leistungen einführen. Das führt bei einzelnen Ärzten zu Umsatzeinbussen von bis zu 50 Prozent (Dermatologen beispielsweise), wird letzten Endes aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein sein. Statt nur über die steigenden Kosten zu sprechen, wäre es höchste Zeit, wir würden auch über den Nutzen und die Qualität diskutieren. Dass wir ein teures Gesundheitssystem haben, bedeutet noch lange nicht, dass es auch das beste ist. Und in Sachen Effizienz liegt sicherlich auch noch ein gutes Stück drin. Zumindest kommt man schnell zu diesem Schluss, wenn man mal mehr als nur einen Arzt aufsuchen muss.

Dominik Buholzer, Leiter «Zentralschweiz am Sonntag»

dominik.buholzer@luzernerzeitung.ch


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