Trügerische Idylle: Das Freilichtmuseum Ballenberg in der Existenzkrise

BRIENZ ⋅ Dieses Wochenende beginnt die 40. Saison des Freilichtmuseums. Eigentlich ein Grund zur Freude. Wären da nicht die Diskussionen um Ausrichtung und Inhalt, der Besucherrückgang und die ewigen Geldsorgen.
14. April 2018, 07:12

Samuel Thomi, Ballenberg

Alle kennen den Ballenberg. 109 historische Häuser aus allen Regionen der Schweiz, für die Nachwelt vor dem ­Abriss gerettet, auf einer Fläche von 66 Fussballfeldern bei Brienz im Berner Oberland fein säuberlich zu einer heilen Welt zusammengebaut. Nur: Herr und Frau Schweizer besuchen ihr Freilichtmuseum nicht mehr so häufig. In zehn Jahren ist die Zahl der Eintritte um ein Drittel auf 200000 Gäste gesunken. Damit nicht genug: Auch letztes Jahr schrieb man rote Zahlen, minus 950000 Franken. Rekordverdächtig.

Unruhe in der heilen Welt

Wenn das Freilichtmuseum dieses ­Wochenende zum 40. Mal seine Tore öffnet und die Stiftung das 50-Jahre-­Jubiläum feiert, bekommen die Besucher von all dem nichts mit. Auf dem Ballenberg ist die Welt in Ordnung. Ein paar Schritte nach der Kasse lugt die Villa Schafroth aus den Bäumen. Bald zieht der Besucher am Haus eines Textilfabrikanten vorüber. Wir lassen das Städtische hinter uns und treten hinein ins Land- und Handwerkerleben des ­Ber- ner Mittellandes vor ein-, zweihundert ­Jahren.

Doch zurück ins Hier und Jetzt. Ist ein Produkt erst einmal so bekannt wie der Ballenberg, dessen Name Synonym ­geworden ist für eine Schweiz, die es nicht mehr gibt, dann, denkt man, sollte es kein Problem sein, Besucher anzu­locken. Swissness und die neu entdeckte Authentizität lassen grüssen. Doch weit gefehlt. Offenbar genügt es heute auch für eine Institution mit Kultstatus nicht mehr, einfach nur bekannt zu sein. Sie muss mehr bieten. Aber was?

«Es ist jetzt der Moment, den ­Gründerinnen und Gründern Danke zu sagen», sagt Peter Flück mit Verweis auf das Jubiläum. «Mit der Eröffnung der historischen Ziegelei aus Péry im Berner Jura ist das Museum beinahe fertiggebaut», sagt der Stiftungspräsident. Und ja, die sinkenden Besucherzahlen, erst recht das happige Defizit, bereiten ­Sorgen.

Gesucht: Junge Besucher

Der Kanton Bern hat seinen jährlichen Beitrag zwar um 0,5 auf 1,1 Millionen Franken verdoppelt, und der Bund zahlt weiterhin eine halbe Million. Kopfzerbrechen bereitet Flück jedoch die ­Frage, wie die nächste Generation auf den Ballenberg findet: «Der städtischen Jugend fehlt der Bezug zum Landleben.» Diese hätte keine Grosseltern mehr, die davon erzählen. Auch der Bezug zu den Nutztieren gehe verloren; woher die Milch, die Wurst oder die Eier kommen, das wüssten längst nicht mehr alle.

Erschwerend komme hinzu, dass Landschulwochen und Ausflüge an den Schulen oft weggespart wurden. «Einmal im Leben sollte doch jedes Kind den Ballenberg sehen», sagt Peter Flück. «Hier könnten wir punkten, wenn wir esAABB22geschickt machen.» Statt Häuser, ­Maschinen oder Werkzeuge soll darum der Mensch ins Zentrum rücken. ­Zuschauen, selber machen, mitnehmen ist die neue Devise.

Offenbar fehlt dazu jedoch ein überzeugendes Marketing. Schlagzeilen machte der Ballenberg in den letzten Jahren vorab negative. Dabei schien alles gut aufgegleist, vor sechs Jahren: Nach dem Rücktritt des langjährigen Geschäftsführers Walter Trauffer und dessen langjährigem wissenschaftlichen Leiter wurde mit Katrin Rieder eine engagierte und kritische Historikerin ­gewählt. Bekannt geworden war sie mit ihrer Dissertation über die unrühmliche Geschichte der Burgergemeinde der Stadt Bern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Schnell war klar: Die junge Frau hat eine Vision und findet den Draht zu den 200 Mitarbeitern. Dennoch musste sie nach zweieinhalb Jahren wieder ­gehen. Im Machtkampf gegen den ­geschäftsleitenden Ausschuss zog sie den Kürzeren. Die Zeitung «Bund» schrieb darauf von einer Verschwörung rechtsnationaler, ländlicher Kreise im Stiftungsrat gegen die urbane Historikerin. Gar vom letzten Gefecht ums Erbe der Geistigen Landesverteidigung war die Rede. Für die «Berner Zeitung» ­dagegen war es ein Generationenkonflikt, wie er in besten Firmen vorkommen kann. Auch Ballenberg-Vertreter stellten politische Gründe in Abrede. Rieder hält sich eisern an das vereinbarte Stillhalteabkommen.

Inzwischen hat der Ballenberg wieder einen Betriebsdirektor. Einen Mann aus der Region. Und nach dem jüngsten Personal-Eklat im vergangenen Sommer verantwortet auch das Marketing wieder ein Berner Oberländer. Damit ist die Leitung wieder in Einklang gebracht mit ­lokalen Bedürfnissen. Ballenberg-Syndrom in Reinkultur. Fürs Haslital ist der Ballenberg nämlich immer noch ein einträgliches Geschäft. Nebst Fest- und Teilzeitstellen hängen auch viele Zuliefer­betriebe vom Museum ab.

Ungenügend ist derweil die Ausstrahlung in die übrige Schweiz. Dar­über, ob mehr Familien, mehr Asiaten oder Individualtouristen aus Fernost ­angesprochen werden sollen, gibt es verschiedene Ansichten. Während andernorts junge Besucher mit Museumsnächten, Feierabendbier oder Nachtwandern angelockt werden, droht der Ballenberg den Anschluss zu verlieren. Sparen, damit es einschenkt, führt nämlich vorab zu Kürzungen beim personalintensiven Rahmenprogramm.

Der Ballenberg funktioniert wie ein Zoo

Szenenwechsel. Zürich, Kreis 8, Villa ­Patumbah, Sitz des Schweizer Heimatschutzes. Als der Bundesrat in den 1960er-Jahren entscheiden musste, wo das Freilichtmuseum der Schweiz entstehen soll, opponierte ausgerechnet der Heimatschutz. Viele Mitglieder waren dagegen, dass alte Häuser und die ­bäuerliche Tradition in ein «totes» Museum verpflanzt würden. «In der Industrialisierung und vor ­allem in der Hochkonjunktur hat man aber schnell gemerkt, dass der Ballenberg eine gute neue Heimat ist», sagt Patrick Schoek. Wichtig ist dem stellvertretenden Direktor des Heimatschutzes, dass Kantone und Gemeinden ihre Geschichte nicht einfach im Freilichtmuseum entsorgen.

Ähnlich klingt es in Bern, am Sitz der Stiftung Landschaftsschutz. Sie kämpft für den Erhalt, die Pflege und Aufwertung des kulturhistorischen Erbes. Aber nicht in einem Museum, sondern zur Weiternutzung vor Ort. «Die Bedeutung des Ballenbergs als Denkmalzentrum und Archiv ist in den letzten Jahren ­gestiegen», sagt Geschäftsführer Raimund Rodewald. «Der Ballenberg funktioniert heute wie ein Zoo, der hilft, die Artenvielfalt zu erhalten.» Dessen sei man sich im Berner Oberland «leider zu wenig bewusst».

Zurück ins Berner Oberland. Einer, der mit dessen Klischees längst seine Marketingmaschine schmiert, ist der Sänger Marc A. Trauffer. Von der Musikszene gemieden, in die Schmuddel-Folklore-Ecke gedrängt, füllt der selbst ­ernannte «Alpentainer» inzwischen auch im Flachland Konzerthallen. Der 38-Jährige ist aber auch ein gewiefter ­Geschäftsmann, führt in Brienz seit acht Jahren in dritter Generation die Holzspielwaren Trauffer AG. Das ist die Firma mit den rot oder grün gefleckten Holzkühen. Was dieser Marc A. Trauffer mit dem Ballenberg zu tun hat? Nichts. Vordergründig jedenfalls nichts mehr. Doch die Geschichte des Freilicht­museums ist eng verknüpft mit jener der Familie Trauffer. Der langjährige Direktor vor Katrin Rieder war Marc A. Trauffers Onkel und Götti. Und seine Tante führte einen Museumsshop. Und ja, kurzzeitig war der Sänger, Holzspiel­warenfabrikant und Gemeinderat von Hofstetten auch Stiftungsrat und in der Gastronomie des Ballenbergs leitend.

Doch nach dem Rücktritt Rieders hat sich alsbald auch deren Gegenspieler und zwischenzeitlich neuer starker Mann im Ballenberg zurückgezogen. Stellung zu den Turbulenzen bezog Marc A. Trauffer nie. Auf Anfrage schweigt der Haslitaler Tausendsassa auch heute.

Ist die Talsohle erreicht?

Auch Peter Flück ist ein richtiger Lokalmatador. Nach turbulenten Jahren ist der 60-Jährige nun zuversichtlich, die Talsohle erreicht zu haben. «Die Besucherzahl steigt wieder an.» Und ab nächster Saison sollen auch «die Defizite Geschichte» sein. Statt bei der Politik die hohle Hand zu machen, will der Stiftungspräsident den Ballenberg nun schrittweise à jour halten. «Jedem Kanton, der bei uns ein Haus hat, werden wir aufzeigen, was dessen Unterhalt in den nächsten zehn Jahren kostet.» So solle die Substanz erhalten bleiben. Denn eines ist klar: Öffentliche Gelder gibt es nur als Museum mit wissenschaftlichem Anspruch.

Eine Vision in knackigen Sätzen gibt es vom Brienzer keine. Und so befürchten Kenner der Szene, dass das Profil des Ballenbergs verwässert wird. Die abgesetzte Direktorin war da klarer unterwegs: Nach vier Jahrzehnten Aufbau verordnete sie Faktentreue und wissenschaftliche Tiefe und wollte zugleich beim Besucherangebot in die Breite ­gehen. Ein Sanierungsplan wurde ausgeheckt, ein Depot für die Sammlung war in Planung, und es sollte Geld in die Kulturvermittlung gesteckt werden. Aber eben, Geld fehlt auf dem Ballenberg, ­obschon die Institution seit je stolz auf ihren Eigenfinanzierungsgrad verweist (aktuell gut 80 Prozent, einst über 90).

Unterwegs auf den Kieswegen, durch saftig grüne Matten und entlang von bunten Bauernhausgärten, fallen in der Mini-Schweiz immer wieder die Mitarbeiter auf. Sie tragen keine Trachten oder historische Gewänder, sondern ­Berufskleider mit «Ballenberg»-Logo. Das soll signalisieren, dass das Spinnrad, das die Mitarbeiterin bedient, zwar ­original ist. Doch eine heile Welt soll nicht mehr vorgegaukelt werden.


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