Kopf des Tages

Zürcher CVP-Stadtratskandidat Hungerbühler: Vaterfreuden eines Rastlosen

OUTING ⋅ Der Zürcher CVP-Stadtratskandidat Markus Hungerbühler ist Co-Vater eines Kindes, das per Leihmutter zur Welt kam. Seither ist vieles anders in seinem Leben.
15. Juli 2017, 08:39

Eines kann ihm sicher nicht vorgeworfen werden: Er stelle sich um des Rampenlichts willen auf die Bühne. Denn bei wahrem Licht besehen ist er eher der hartnäckige, fiebrig engagierte Schaffer als der Blender. Was nicht heisst, dass er den Scheinwerfer nicht zu nutzen weiss, wenn es die Sache erfordert. Jene der CVP vorzugsweise, der er im zarten Alter von 20 Jahren beigetreten ist.

Er, Markus Hungerbühler (43), entspricht dem Profil des zivilisierten politischen Überzeugungstäters, das auf den Parteisekretariaten in Bern, im Aargau und im Thurgau geschliffen wurde. Danach koordinierte er die politischen Geschäfte des jüngst verstorbenen ehemaligen Aargauer CVP-Finanzdirektors Roland Brogli, ehe er sich in einem Telekommunikationsunternehmen den Public Affairs widmete und seit drei Jahren die Geschäfte des Baumeisterverbands Zürich/Schaffhausen leitet.

So weit eher auffällig unauffällig als laut und schrill – wäre da nicht das Gender-Thema, das den in eingetragener Partnerschaft lebenden Hungerbühler immer wieder einmal an die Schlagzeilen-Oberfläche spült. So geschehen diese Woche, als bekannt wurde, dass er seit ein paar Wochen eine Tochter hat, die von einer Leihmutter in den USA zur Welt gebracht wurde. Etwas, das in der Schweiz verfassungsrechtlich verboten ist.

«Mein Freund ist der leibliche Vater, die Mutter eine anonyme Eizellenspenderin, mit der sich eine enge Freundschaft entwickelt hat», erzählte Hungerbühler dem «Tages-Anzeiger» freimütig. Unwissend, ob er aufgrund der Rechtslage hierzulande dereinst selber als Vater anerkannt wird. Klar ist hingegen, dass das Kind mit Nanny aufwachsen wird und sich Hungerbühler und sein Partner Erwerbs- und Familienarbeit ­teilen werden.

Alles paletti also? – Nicht ganz. Hungerbühlers Vater-Outing fand just am Nominations­parteitag der Stadtzürcher Christdemokraten statt. In der «Werte-Partei» rumorte es daraufhin vernehmlich. Und die Medien waren angesichts der prickelnden Themen-Melange aus Höchstpersönlichem, Gesellschafts- und Parteipolitischem auch nicht weit. Auf den Punkt brachte Hungerbühlers Dilemma die NZZ so: «Der wandelnde Widerspruch wechselt Windeln.» Eine Sicht der Dinge, die der Jungvater in

Bezug auf den ersten Satzteil selbstredend nicht teilen mag: «Ich glaube, dass meine gesellschaftspolitischen Auffassungen auch in der CVP ihren Platz haben», sagt er. Wohlwissend, dass die Kinderfrage – von der Adoption bis zur Samenspende – kontrovers diskutiert wird. Und mit offenem Ausgang.

Dass Markus Hungerbühler abgesehen von seinen streitbaren Ansichten über die Elternschaft von gleichgeschlechtlichen Paaren ein strammer Bürgerlicher ist, geht derzeit fast vergessen.

Dabei gilt der CVP-Stadt- und Kantonalparteivizepräsident im Zürcher Gemeinderat eher als Sekundant von SVP und FDP denn als Liebling von Rot und Grün. Was zur Frage führt, ob Hungerbühler der gelebte gesellschaftliche Liberalismus auf der einen Seite mehr schaden und auf der anderen mehr nützen wird.

Er selber gibt sich optimistisch. Auch in Bezug auf seine Auszeit: Der Stadtratskandidat will sich vor dem Wahlkampf einen Monat lang ausschliesslich um sein Töchterchen kümmern. Irgendwie werde es schon klappen, meint der Rastlose.

 

Balz Bruder


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