Wer hat Angst vorm weissen Hund?

FREIZEIT ⋅ Zunehmend setzen Schafhalter Hunde ein, um ihre Herden in den Alpen vor dem Wolf zu schützen. Das birgt Gefahren für Wanderer. Sie sollen nun besser informiert werden.
17. Juli 2017, 05:01

Fabian Fellmann

Mehr als 200 Herdenschutzhunde bewachen rund 100 Schafweiden in den Schweizer Alpen. Die Zahl ist steigend – weil der Wolf stets neue Gegenden besiedelt. Die mächtigen weissen Schutzhunde legen sich aber nicht nur mit Räubern an: Sie schützen ihre Schafherden vor jeglichen Eindringlingen. Und zu denen können auch Wanderer gehören.

Diese bereiten sich besser auf die Begegnungen vor: Die mehr als hüfthohen Hunde der Rasse Montagne des Pyrénées oder Maremmano Abruzzese verteidigen ihre Herden bei Bedarf mit Vehemenz. Neun Personen erlitten Kratz- oder Bisswunden bei Begegnungen mit Herdenschutzhunden im vergangenen Jahr, wie die Statistik von Herdenschutz Schweiz ausweist. Die Verletzungen waren jedoch meist ganz leicht und oberflächlich, etwa kleine Blutergüsse. Um Wanderer besser zu schützen, stellt der Bund neu auf der Internetversion der Landeskarte jene Alpen dar, welche durch Hunde bewacht werden. Wanderer können mit Hilfe der Online-Karten ihre Touren so planen, dass sie geschützte Alpweiden meiden können .

Jeder fünfte Freizeitsportler hat Angst davor, von Schutzhunden gebissen zu werden. Das zeigt eine Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften vom vergangenen Sommer. Grösser noch ist jedoch die Furcht vor Mutterkühen oder Hunden anderer Wanderer. Und nur in einem Drittel aller Begegnungen mit Schutzhunden kamen diese den Menschen überhaupt näher.

«Die Halter der Schutzhunde nehmen in der Regel Rücksicht auf Wanderrouten und versuchen mögliche Konflikte zwischen Wanderern und Hunden zu minimieren», sagt Felix Hahn, Leiter der Fachstelle Herdenschutzhunde, die im Auftrag des Bundesamts für Umwelt arbeitet. Schutzhund mit Bundessubventionen können auch nur Tiere werden, die einen Test bestehen. Sie werden im Alter von einem Jahr unter anderem darauf geprüft, wie sie auf Menschen zugehen. «Wir versuchen die Hunde optimal zu sozialisieren, damit sie auf Menschen nicht aggressiv reagieren», sagt Hahn. Doch Zwischenfälle sind nicht auszuschliessen: Die Aufgabe der Hunde ist es, ihre Herde zu beschützen.

Velofahrer sollen absteigen

Stossen Freizeitsportler auf einen bellenden Herdenschutzhund, so empfiehlt Hahn, ruhig zu bleiben. Velofahrer steigen besser ab. Hört der Hund nicht auf zu bellen, so soll man sich zurückziehen, bis sich das Tier beruhigt. Danach kann man langsam und in einigem Abstand an der Schafherde vorbeigehen. Wenn der Hund es zulässt, können Wanderer die Herde auch durchqueren – wobei der Hund ihnen oftmals folgen wird. Diese Verhaltensregeln sind auch auf grossen Informationstafeln zu lesen, die bei beschützten Alpen aufgestellt sind. Diese hat Herdenschutz Schweiz jüngst überarbeitet. Strenger geworden sind die Empfehlungen für Wanderer, die selbst mit Hunden unterwegs sind. Sie sollen beschützte Weiden konsequent umgehen, rät Hahn: «Gegenüber Begleithunden können und wollen wir nicht garantieren, dass diese durch die Schutzhunde nicht auch mal schwerer verletzt würden, weil sie schliesslich Angreifer abwehren sollen. Würden sie Begleithunde in Ruhe lassen, könnte die Schutzeffizienz leiden.»

Die Informationstafeln und -angebote im Internet begrüsst Michael Roschi, Geschäftsleiter des Verbands Schweizer Wanderwege. Die Zusammenarbeit mit Herdenschutz Schweiz laufe gut, doch gebe es Verbesserungspotenzial: Halter von Schutzhunden könnten etwa noch professioneller arbeiten und informieren. Die Zahl der Bisse hält Roschi jedoch für tief, «wenn man betrachtet, wie viele Wanderer unterwegs sind. Aber jeder Biss ist einer zu viel.» Roschi rät darum, die Herdenschutzkarte zu konsultieren, speziell wenn man Angst hat vor Hunden oder mit dem eigenen Hund unterwegs ist.

Mehr Hunde in Schweizer Alpen

Die Vorbereitung wird umso wichtiger, weil künftig mehr Schutzhunde auf den Schweizer Alpen eingesetzt werden dürften. In den vergangenen 15 Jahren hat sich ihre Zahl verfünffacht, «und mittelfristig wird der Bestand sicher zunehmen», sagt Herdenschutz-Fachmann Felix Hahn. Im vergangenen Jahr zogen Schweizer Züchter nur 22 Welpen gross, 9 Tiere wurden aus Italien, Frankreich und Deutschland importiert. Mittelfristig aber sollen hierzulande 70 bis 80 Welpen jährlich zur Welt kommen, damit die Schafe vor dem Wolf auch wirklich sicher sind.


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