Massaker von Luxor traf Schweiz ins Mark

TERRORISMUS ⋅ Das Attentat von Luxor, bei dem auch 36 Schweizer starben, erschütterte die Tourismusindustrie in dem nordafrikanischen Land nachhaltig. Trotz weiterer Rückschläge während des Arabischen Frühlings kommt sie allmählich wieder in Gang.
18. November 2017, 09:54

Susanne Knaul, Jerusalem

20 Jahre nach dem Massaker in Luxor und zahlreichen Terroranschlägen, die folgen sollten, lässt die Zahl der ausländischen Besucher die ägyptische Tourismusbranche wieder aufatmen. Mit ­insgesamt acht Millionen Touristen rechnen Mitarbeiter des zuständigen Ministeriums bis zum Ende des laufenden Jahres. Zum Vergleich: 2016 lag die Gesamtzahl der Touristen, die Ägypten besuchten, bei nur 4,5 Millionen. Der Staat hat in mehr Sicherheit investiert, vor allem an Flughäfen. Ausserdem lockt die schwache Landeswährung mit entsprechend günstigen Preisen.

Drei Viertel aller Touristen in Ägypten kommen aus Europa. Die meisten von ihnen stammen aus der Ukraine und aus Deutschland, obschon erst im Juli dieses Jahres zwei deutsche Frauen im beliebten Urlaubsort Hurghada von einem Terroristen erstochen worden waren. Viele Deutsche ziehen Ägypten der Türkei vor, die aufgrund innenpo­litischer Unruhen, Terror und der der­zeit stark belasteten Beziehungen zu Deutschland an Attraktivität einbüssen musste.

In der Serie von Terroranschlägen, die Ägypten in den letzten 20 Jahren erschütterten, blieb das Massaker von Luxor einer der folgenschwersten. 58 ausländische Touristen starben im Kugelhagel der Attentäter, darunter 36 Schweizer. Die Täter, die sich offenbar nach dem Anschlag selbst das Leben nahmen, gehörten zur islamistischen Terrororganisation El Gamaa el Islamije. Sie zielten mit dem Anschlag auf die eigene Regierung, auf Destabilisierung und schliesslich den Sturz des damaligen Präsidenten Husni Mubarak. Die Exilführung der Bewegung distanzierte sich einige Wochen später von dem Massaker. Junge Mitglieder der Organisation hätten den Anschlag verübt, ohne den Auftrag dazu erhalten zu haben, hiess es in einer Mitteilung.

Behörden völlig unvorbereitet auf Attentat

In Luxor, der Stadt des Totentempels der ägyptischen Königin Hatschepsut, hatte niemand mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Auch deshalb konnte das mit Schusswaffen und Messern verübte Massaker 45 Minuten lang dauern. Unter den Opfern befanden sich auch ein fünfjähriges Kind sowie vier japanische Paare in den Flitterwochen. Die ägyptischen Behörden waren in keiner Weise vorbereitet. Die Bergung der zum Teil verstümmelten Opfer war ein einziges Chaos, Leichen und Särge wurden verwechselt. Einige Angehörige mussten teilweise mehrere Monate warten, bis sie ihre ermordeten Ehepartner, Eltern und Kinder beerdigen konnten.

Anschlag von Luxor traf die Tourismusbranche hart

Für den Tourismus in Ägypten bedeutete der Anschlag eine lang anhaltende Dürrezeit. Viele Reiseunternehmen strichen Ägypten für Jahre komplett aus ihrem Angebot, bereits gebuchte Reisen wurden storniert. Rund 300 000 Personen in Luxor verdienen ihren Lebensunterhalt als Hotelangestellte, Souvenirhändler, Taxifahrer, Tourguides, Pferdekutscher, Köche und Kellner im Restaurantbetrieb. Gerade die kleinen Leute in der Stadt bekamen das Ausbleiben der zahlungskräftigen Besucher aus Europa schmerzhaft zu spüren. Sie zürnten den Terroristen und dem Sicherheitsapparat. Das Versagen der Polizei führte kurzfristig zu der Forderung, eine Bürgerwehr aufzustellen und Zivilisten zu bewaffnen.

Tourismus ist wichtig für die ägyptische Ökonomie. Rund ein Zehntel der staatlichen Einnahmen kommen aus der Branche. Kaum ein anderes Land auf der Welt kann mit einem so vielfältigen Angebot aufwarten. «Abenteuer, Kultur, Romantik», verspricht die Website des Kairoer Tourismusministeriums, ohne zu übertreiben: kilometerlange weisse Sandstrände am Roten Meer, Korallenriffe für Taucher und nicht zuletzt die Pyramiden und die Museen voller wertvoller Funde aus vergangenen Zeiten. In Luxor hatte die Serie der Terroranschläge erst ihren Anfang genommen. Die Zahl der ausländischen Gäste ging vor allem in den Jahren des Arabischen Frühlings mit dem Sturz von Mubarak 2011 und ­infolge der politischen Unruhen immer weiter zurück. In Gizeh bei Kairo, wo die Pyramiden stehen, und in Urlaubsorten am Roten Meer, in Dahab, Scharm el Scheich und Hurghada nahmen die militanten Fanatiker die Touristen gezielt ins Visier. Vor knapp zwei Jahren stürzte ein russisches Passagierflugzeug mit 224 Insassen auf dem Weg nach St. Petersburg über der Sinai-Halbinsel ab. Früher hatten Russen einen grossen Anteil der Touristen in Ägypten ausgemacht.

EDA warnt weiter vor Reisen nach Ägypten

Mehr ägyptisches Sicherheitspersonal und Kontrollen an den Tempelanlagen sollen dem Besucher das Gefühl der Sicherheit zurückgeben.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) warnt indes noch immer vor Reisen in das nordafrikanische Land. «Trotz erhöhter Sicherheitsmassnahmen besteht das Risiko von Terroranschlägen jederzeit im ganzen Land, dies schliesst auch die Badeorte mit ein.»


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