Wissenschaft bangt um Tierversuche

FORSCHUNG ⋅ Die Baselbieter Nationalrätin Maya Graf will belastende Tierversuche mit Affen verbieten. Forscher wehren sich in einem offenen Brief gegen das Anliegen.
11. September 2017, 05:00

Kari Kälin

Für die einen sind Tierversuche unabdingbar für den medizinischen Fortschritt, für andere handelt es sich um Quälerei. In der dritten Woche der Herbstsession wird sich der Nationalrat mit dem Thema befassen. Traktandiert ist eine Motion, in der Maya Graf (Grüne, BL) ein Verbot von «belastenden Versuchen» an Primaten fordert. Vereinfacht gesagt bedeutet dies: Versuche mit Affen, die Schmerzen und Ängste verursachen, sind untersagt. Es gehe ihr nicht darum, Tierversuche grundsätzlich zu verbieten, sagt Graf. Doch: «Belastende Versuche an Primaten sind aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen aber nicht mehr zeitgemäss. Sie verursachen sehr viel Leid, aber ein Erkenntnis­gewinn ist nicht feststellbar.»

Der Verein Forschung für Leben, bestehend aus Wissenschaftern von Universitäten und der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH), warnt derweil vor einem «De-facto-Verbot» mit Primaten-Versuchen. In einem offenen Brief an Graf schreibt der Verein, die ­Annahme der Motion würde den medizinischen Fortschritt massiv behindern. Die Schweiz profitiere von den Errungenschaften der Grundlagenforschung mit Primaten. Dazu gehörten zum Beispiel Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln oder Kinderlähmung.

Warnung vor Auslandabhängigkeit

Die Wissenschafter befürchten zudem Nachteile für den Forschungsstandort Schweiz. «Versuche mit Primaten sind in gewissen Bereichen der Immunologie und Hirnforschung schlicht unersetzbar», heisst es im Brief ­weiter. Ein Verbot von Primaten-Versuchen lasse sich nur rechtfertigen, wenn die Bevölkerung bereit sei, auf neue Therapien und Medikamente zur Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Querschnittlähmung, Krebs, Hepatitis und vielen anderen zu verzichten.

Michael Hottiger ist Tierarzt und Präsident des Vereins Forschung für Leben. Der Professor, der am Institut für Molekulare Mechanismen bei Krankheiten an der Universität Zürich lehrt, formuliert seine Einwände gegen Grafs Vorschläge so: «Wir sind als Wissenschafter überzeugt, dass die Bevölkerung auch in Zukunft auf sichere und getestete Medikamente zurückgreifen will. Zudem würden wir völlig vom Fortschritt im Ausland abhängig werden, wenn die Forschung an Primaten in der Schweiz faktisch verboten würde.»

Graf spricht von Angstmacherei

Maya Graf kontert die Darstellung der Wissenschafter. Ein Verbot dieser grausamen Affenversuche gefährde die biomedizinische Forschung und die Sicherheit der Medikamente in keiner Weise, sagt sie. Und: «Tausende Affen werden und wurden durch die Forschung geopfert, ohne dass daraus in den letzten Jahrzehnten neue Therapien oder Medikamente zur Behandlung von Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Krebs resultiert hätten.» Die moderne Forschung zeige immer deutlicher auf, dass Resultate von Tierversuchen, auch mit Primaten, nicht eins zu eins auf Menschen übertragen werden könnten. Ausserdem gebe es heute unendlich viele Möglichkeiten, ganze Organismen und die Auswirkungen von Krankheiten an Computermodellen oder anderen Technologien zu studieren. Graf wirft dem Verein Forschung für Leben Angstmacherei vor. Ein grosser Teil der im offenen Brief erwähnten Fortschritte sei nicht oder längst nicht mehr auf die Erkenntnisse aus Tierversuchen mit Primaten zurückzuführen.

Zahl der Versuche sinkt

16 Mitglieder des Nationalrats haben Grafs Vorstoss mitunterzeichnet. Der Bundesrat lehnt ihn hingegen ab. Die bestehenden Vorschriften zur Durchführung von Tierversuchen hätten sich bewährt, schreibt er in der Antwort auf die Motion.

Die Zahl der für wissenschaftliche Tierversuche eingesetzten Primaten ist in den vergangenen Jahren gesunken. 2016 wurden 198 Affen für Tierversuche verwendet, 90 davon für belastende Versuche. Noch im Jahr 2004 forschten die Wissenschafter an 504 Primaten, damals 386 Mal in belastenden Versuchen.

Schmerzhafte Tierversuche an grossen Menschenaffen wie Bonobos, Gorillas oder Schimpansen sind in der Schweiz verboten. Für Versuche an anderen Primaten wie Pavianen oder ­Makaken erachten die Eidgenössische Kommission für Tierversuche und die Eidgenössische Ethikkommission für die Biotechnologie im Ausserhuman­bereich eine Güterabwägung für zulässig. Anders als für Menschenaffen empfahl die Mehrheit der Kommissionsmitglieder damals kein Verbot.


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