Minderjährige Asylsuchende: Zahl sinkt, Herausforderungen bleiben

BETREUUNG ⋅ Die Kantone haben bei der Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden Fortschritte gemacht. Insbesondere bei der schulischen und beruflichen Integration liegt gemäss Caritas Schweiz aber einiges im Argen.
13. Juni 2017, 07:20

Tobias Bär

Sie finden seit Jahren den Weg in die Schweiz, doch lange taten sie dies mehrheitlich ausserhalb der öffentlichen Wahrnehmung: asylsuchende Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung eines sorgeberechtigten Erwachsenen sind. Zwischen 200 und 800 von ihnen kamen jedes Jahr – 2015 schoss die Zahl dann in die Höhe, mehr als 2700 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) stellten damals ein Gesuch.

Aufgrund der Zunahme verteilte der Bund die Minderjährigen auf sämtliche Kantone und nicht nur auf jene, die über die nötige Infrastruktur verfügten. Kinder und Jugendliche geniessen durch die Bundesverfassung und die Kinderrechtskonvention einen besonderen Schutz. Ihre Unterbringung und Betreuung während des Asylverfahrens muss dementsprechend höheren Anforderungen genügen. Die spezifischen Bedürfnisse der Minderjährigen würden von den Kantonen aber sehr unterschiedlich erfüllt, hielten die kantonalen Sozialdirektoren (SODK) im Mai 2016 fest. Und sie formulierten Empfehlungen. Unter anderem sei die Unterbringung von Jugendlichen im schulpflichtigen Alter zusammen mit erwachsenen Asylsuchenden «wenn immer möglich zu verhindern».

Separate Unterbringung auch in den Bundeszentren

Inzwischen ist die Zahl der UMA zusammen mit dem generellen Rückgang bei den Asylgesuchen wieder gesunken. 2016 stellten noch knapp 2000 unbegleitete Minderjährige ein Gesuch. Und im laufenden Jahr waren es bis Ende April erst 238, wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf Anfrage festhält.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Schweizer Behörden der besonderen Situation von Minderjährigen im Asylverfahren nicht in allen Kantonen und nicht in allen Bereichen gerecht werden. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Caritas Schweiz in einer Analyse, die heute vorgestellt wird. «Die Unterkunftssituation hat sich verbessert, sicher auch dank der Empfehlungen der Sozialdirektoren», sagt Martin Flügel, Leiter Politik bei Caritas. Eine Auswertung der SODK vom vergangenen November ergab, dass nur jeder zehnte Minderjährige in einer Asylunterkunft mit Erwachsenen ohne kinderspezifische Betreuung und ohne Abgrenzung untergebracht war. Auch in den Zentren des Bundes sollen die unbegleiteten Minderjährigen in Zukunft konsequent getrennt von den Erwachsenen untergebracht werden – dies hielt der Bundesrat kürzlich in einer Antwort auf einen Vorstoss aus dem Parlament fest.

Andernorts seien die Fortschritte aber bescheidener, so Flügel. Die SODK-Empfehlung betreffend Betreuung werde von vielen Kantonen nur ungenügend umgesetzt. Den Kindern fehlen also etwa ausgebildete Ansprechpersonen oder stabilisierende Tagesstrukturen. Die grösste Baustelle ortet Flügel im Bereich Schule und Ausbildung. Problematisch sei die Situation bei nicht mehr schulpflichtigen Jugendlichen, also bei den 16- bis 18-Jährigen. «Zu meinen, ein Sprachkurs genüge, damit diese Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt reüssieren, ist illusorisch», sagt Flügel.

Berner Modell nach Volks-Nein unter Druck

Lobende Worte finden die Flüchtlingsorganisationen für den Kanton Bern. Dieser hat vor vier Jahren mit der Zen­trum Bäregg GmbH eine spezialisierte Organisation mit der Unterbringung und Betreuung der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden beauftragt. Derzeit sind es rund 400 Minderjährige, wie Sprecherin Daniela Enzler sagt. Neben dem Rechtsbeistand bekommt jedes Kind und jeder Jugendliche einen Fallmanager zur Seite, der die Minderjährigen etwa zu Behördenterminen begleitet. Jene, die aufgrund ihres Alters oder aus anderen Gründen nicht eingeschult werden können, besuchen die zentrumsinterne Schule oder Brückenangebote wie Praktika oder Vorlehren. Durchaus mit Erfolg: «Ende Januar befanden sich 95 Prozent der Jugendlichen auf einem Bildungsweg», sagt Enzler

Diese Anstrengungen kosten: Pro UMA gibt der Kanton Bern über 5000 Franken pro Monat aus, vom Bund erhält er aber lediglich rund 1500 Franken pro Monat. Mit einem Kredit von 105 Millionen Franken sollte die Differenz während vier Jahren gedeckt werden. Doch das Stimmvolk sagte vor wenigen Wochen Nein – der Kanton Bern hofft deshalb ganz besonders auf die Erhöhung der Bundespauschale, die derzeit diskutiert wird.


Leserkommentare

Anzeige: