Bund warnt: Mit Bergstürzen ist häufiger zu rechnen

UMWELTSCHUTZ ⋅ Der Chef des Bundesamtes für Umwelt erklärt, warum nicht nur der Klimawandel der Schweiz zu schaffen macht, und was die Behörden und die Bevölkerung dagegen unternehmen können.
04. November 2017, 20:10

Interview: Eva Novak und

Balz Bruppacher

Marc Chardonnens, wie tragen Sie als Chef des Bundesamtes für Umwelt persönlich zum Schutz der Umwelt bei?

Ich reise täglich mit dem Zug. Beruflich benütze ich nur öffentliche Verkehrsmittel. Zu Hause haben wir aber ein Auto für unsere vierköpfige Familie. Soweit möglich versuche ich auch, einheimische, saisonale Produkte zu kaufen. Im Winter esse ich aber gerne ab und zu Orangen und tue damit etwas für die Gesundheit.

Felsstürze und Gletscherschwund bei uns, eine Serie von Hurrikanen in der Karibik und ein Tropensturm in Irland: Sind das die Folgen des Klimawandels?

Der Klimawandel ist komplex, die Kausalketten sind es ebenso. Sicher ist, dass die Temperatur steigt, ganz besonders in der Schweiz. Seit Messbeginn 1864 ist die Temperatur um 2 Grad gestiegen. Damit unmittelbar hängt der Gletscherschwund zusammen, der dieses Jahr besonders markant war.

Felsstürze nicht?

Felsstürze hat es in den Alpen immer gegeben, es gibt dafür mehrere Ursachen. Die Geologie und die Topografie spielen unabhängig von der Temperatur eine Rolle, aber auch das Auftauen des Permafrostes, welches sehr wohl temperaturbedingt ist. Deshalb müssen wir davon ausgehen, dass solche Ereignisse künftig oberhalb von 2500 Metern über Meer häufiger werden. Anders als im Hochwasserschutz, wo wir in den letzten 150 Jahren Erfahrungen gesammelt und sehr viel unternommen haben, stehen wir beim systematischen Beobachten der Massenbewegungen im Gebirge hingegen noch ganz am Anfang.

Nach der Ratifizierung durch das Parlament ist das Klimaabkommen von Paris für die Schweiz heute in Kraft getreten. Jetzt muss das CO2-Gesetz revidiert werden. Bleibt es dabei, dass höchstens 20 Prozent der CO2-Emissionen im Ausland reduziert werden dürfen?

Dazu wird der Bundesrat demnächst dem Parlament einen Vorschlag unterbreiten. Sicher ist, und das ist auch im Sinn des Pariser Übereinkommens, dass jedes Land etwas auf seinem eigenen Territorium leisten muss.

Sollen Verbrennungsmotoren für Autos verboten werden?

Die Klimapolitik der Schweiz basiert auf einem Mix von Massnahmen und auf der Idee, dass jeder Sektor beiträgt, was er selber leisten kann. Im Verkehr haben wir das noch nicht erreicht. Eine Massnahme ist das Nachbessern der Emissionsvorschriften. Wenn Sie Städte wie Paris oder London anschauen, wird auch klar, welcher Druck auf dem Verbrennungsmotor lastet. Der elektrische Motor ist im Vormarsch.

Verbote sind für Sie also nur die Ultima Ratio?

Das ist in der Politik immer so.

Morgen beginnt in Bonn die Weltklimakonferenz. Was sind die umstrittensten Punkte?

An der Klimakonferenz geht es eher um technische Aspekte. Wir müssen die Spielregeln erarbeiten, damit das Pariser Abkommen ab 2020 wirklich greifen kann. Trotz der Probleme, die wir in den USA haben, ist es wichtig, dass die internationale Gemeinschaft ein Bekenntnis abgibt, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Der Bund hat soeben ein Pilotprojekt abgeschlossen, bei dem Pensionskassen und Versicherungen ihre Anlageportefeuilles auf die Klimaverträglichkeit prüfen konnten. Ein Erfolg?

Ja, viele Pensionskassen und Versicherungen haben mitgemacht. Viele waren sich nicht bewusst, dass die Finanzanlagen ein grosser Hebel sind. Im Pariser Abkommen haben sich die Länder verpflichtet, auf klimaverträgliche Finanzflüsse hinzuarbeiten. Der Bund wird durch Grundlagenarbeit für günstige Rahmenbedingungen sorgen.

Der Gewerbeverband wirft Ihnen vor, ohne gesetzliche Grundlage die Pensionskassen unter Druck zu setzen und die Altersvorsorge zu ideologisieren.

Als Partei des Pariser Abkommens sind wir verpflichtet, auf die Klimaverträglichkeit der Finanzströme zu achten. Zudem kann die Verwaltung auf der Basis des Umweltschutzgesetzes Grundlagen erarbeiten. Wenn man sieht, wie positiv die Versicherungen und Pensionskassen auf das Projekt reagiert haben, wird klar, dass hier ein Interesse besteht und auch Verantwortung wahrgenommen wird.

Der mit Abstand grösste öffentliche Investor, die Nationalbank, kümmert sich aber kaum um die Klimaverträglichkeit seiner Anlagen.

Der Bundesrat hat erklärt, dass er die Anlagepolitik der Nationalbank nicht direkt beeinflussen wird. Er will das Thema aber bei den regelmässigen Kontakten mit der Notenbank ansprechen.

Die Umweltverbände bezeichnen den Aktionsplan Pestizide des Bundesrats als unbrauchbar. Hat sich die Bauern- und Chemielobby durchgesetzt?

Nein, es handelt sich um eine gemeinsame Arbeit der Verwaltung. Alle Interessierten wurden angehört, auch die Nichtregierungsorganisationen. Die Ziele des Aktionsplans stellen eine grosse Herausforderung dar und enthalten einschneidende Massnahmen. Zudem können wir nun erstmals ein Boden­monitoring durchführen.

Ist es nicht eher so, dass das Bundesamt für Landwirtschaft zusammen mit der Chemieindustrie diktiert, was bei den Pflanzenschutzmitteln gut oder schlecht für die Umwelt ist?

Wir haben uns sehr stark eingebracht, sonst sähe der Aktionsplan anders aus. Grosse Bedeutung kommt nun der Umsetzung zu, in der alle Akteure gefordert sind.

Bei der Zulassung von Pestiziden haben Sie aber bloss eine beratende Funktion.

Nach dem bestehenden Modell kann ein neuer Wirkstoff nur genehmigt werden, wenn wir zustimmen. Zudem können wir Beobachtungen aus dem Umweltmonitoring einbringen. Vor allem aber kann das Ziel des Aktionsplans unabhängig von der Aufgabenverteilung zwischen den Ämtern erreicht werden.

Wird der Aktionsplan Biodiversität trotz knapper Finanzen umgesetzt?

Wir hoffen, dass das Parlament die rund 80 Millionen Franken pro Jahr bewilligt, denn der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist schlecht, obwohl das der grösste Teil der Bevölkerung nicht wahrnimmt. Anders als einen verschmutzten See oder die hohe Ozonbelastung im Sommer sieht und fühlt man es nicht. Die Wiesen, Wälder und Weiden sehen gesund aus. Trotzdem ist ein Drittel der Arten gefährdet, und die Hälfte der Habitate ist in einem schlechten Zustand.

Wie wollen Sie all das verbessern?

In kleinen Schritten, zusammen mit den Kantonen, entlang der Gewässer, der Nationalstrassen und der Bahnen. Wir alle können dazu beitragen. Auch in den Städten, indem wir im eigenen Garten auf exotische Pflanzen verzichten und das Laub auch mal liegen lassen. Der Hauptbahnhof Zürich zum Beispiel ist ein prächtiger Standort für Wildbienen. Es gibt viele Möglichkeiten, die Biodiversität zu fördern.

Um Wolf und Bär wurde auch schon heisser diskutiert als im Moment.

Dieser Sommer war wirklich ruhiger, die zwei Bären etwa haben sich normal verhalten. Im Frühling hatten wir einen Wolf, der in der Ostschweiz für Aufsehen sorgte, weil er über Herdenschutzzäune sprang und in Ställe eindrang. Solche Tiere wollen wir nicht. Das neue Jagdgesetz, welches das Parlament nun berät, sieht vor, dass wir einen auffälligen Wolf künftig schon «entnehmen» können, bevor die Lage eskaliert.

Es fällt auf: Je mehr Wölfe es gibt, desto ruhiger wird die Diskussion.

Grundsätzlich ist der Umgang mit Wolfsrudeln berechenbarer als mit umherstreifenden Einzeltieren. Doch das Thema bleibt emotional. Die Massnahmen wie Herdenschutz und die Begleitung und Entschädigung der Landwirte zeigen Wirkung. Ganz einfach ist es dennoch nicht, zumal der Schutz der Arten in der Verfassung steht. Ich glaube aber, auch in der Schweiz können Menschen, Bären und Wölfe zusammenleben.


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