Gewerkschaften verlangen zwei Prozent mehr Lohn

ARBEITSMARKT ⋅ Die Lohnverhandlungen für 2018 sind lanciert. Nach den letzten mageren Jahren wollen die Gewerkschaften jetzt generelle Lohnerhöhungen. Bei den Arbeitgebern stossen sie damit vorerst aber auf taube Ohren.
09. August 2017, 04:39

Für den Gewerkschafts-Dachverband Travail.Suisse ist der Fall klar: «Es ist Zeit für spürbare Lohnerhöhungen», sagte Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik, gestern vor den Medien in Bern. Die meisten Unternehmen hätten wieder genug Spielraum, den meisten Angestellten bis zu 2 Prozent mehr Lohn zu gewähren. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr einigten sich die Sozialpartner auf effektive Lohnerhöhungen von 0,5 bis 1,0 Prozent.

Die Gewerkschaften sprachen von einem «knapp zufriedenstellenden» Ergebnis. Verlangt hatten sie freilich mehr. Fischer und seine Mitstreiter von den Gewerkschaften Syna, Transfair und Hotel & Gastro Union rechtfertigen ihre neuen Forderungen mit der anziehenden Wirtschaft: «Wir stehen am Beginn eines Aufschwungs.»

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) etwa prognostiziert für 2017 ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent; für 2018 gar von 1,9 Prozent. Das Barometer der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich und auch der Einkaufsmanagerindex (PMI) der Credit Suisse befinden sich deutlich über dem längerfristigen Durchschnitt. Zudem hat sich der Euro-/Franken-Kurs deutlich über der Marke von 1.10 eingependelt. Der Grund für die erfreulichen Zahlen sind laut den Verbänden auch die Arbeitnehmenden, die «mit grossem Einsatz, viel Flexibilität und bescheidener Lohnentwicklung» die Unternehmen wettbewerbsfähiger gemacht hätten.

«Beschämende Frauenlöhne»

Von Nullrunden will Fischer von Travail.Suisse nichts mehr wissen. «Es gibt Nachholbedarf», sagte er. Generelle Lohnerhöhungen stärkten auch die Kaufkraft der Beschäftigten und folglich den privaten Konsum als Konjunkturstütze. Im Fokus stehen auch die Mindestlöhne und die Frauenlöhne. Die noch immer bestehende Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern bezeichnen die Gewerkschafter als «beschämend und verfassungswidrig». Die Diskriminierung der Frauenlöhne von 7,4 Prozent sei stossend.

Ebenfalls ein Dorn im Auge sind den Gewerkschaften die zunehmenden individuellen Lohnerhöhungen. Demnach kämen seit 2013 die Lohnerhöhungen noch zu 40 Prozent allen zugute, 60 Prozent würden individuell verteilt – «oft nach sehr undurchsichtigen Kriterien», kritisierte etwa Syna-Präsident Arno Kerst.

Die ersten Signale von den Unternehmen seien positiv, sagte Kerst. «Es gibt einige, die bereit sind, zu geben.» Positiv auswirken könnte sich ihm zufolge die Tatsache, dass die Angestellten ihren Arbeitgebern in den Krisenjahren mehrfach entgegengekommen sind. «Wir sitzen nun am gleichen Verhandlungstisch wie damals.» Wenn die Arbeitgeber ob der Forderungen dennoch nur mit den Schultern zucken würden, sind laut Kerst verschiedene Mittel vorhanden, um Druck auszuüben: «In einzelnen Verträgen haben wir eine Streikmöglichkeit.» Dieses Instrument sei aber als Ultima Ratio zu verstehen. Vorher würden alle Möglichkeiten für eine einvernehmliche Lösung angestrebt.

Eine solche scheint aber noch in weiter Ferne zu sein. «Bei den Löhnen ist kein Nachholbedarf ausgewiesen», schreibt der Arbeitgeberverband in seiner Stellungnahme. Zwar hätten sich die konjunkturellen Aussichten jüngst tatsächlich verbessert. Doch sei es noch zu früh, daraus bereits auf den Ausgang der Lohnverhandlungen für das kommende Jahr zu schliessen. Die Arbeitgeber zitieren ihrerseits verschiedene Wirtschaftszahlen wie beispielsweise die jüngste Lohnumfrage der UBS. Demnach sind die Reallöhne, also die teuerungsbereinigten Löhne, zwischen 2008 und 2016 um jährlich 1,2 Prozent gestiegen – deutlich stärker als in den Jahrzehnten davor. (sda)


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