Als Luzern die grösste Buchungsplattform hatte

HOTELLERIE ⋅ Buchungsplattformen wie Booking.com sind in aller Munde. Eine Luzerner Firma spielte in diesem Geschäft mit. Doch dann zogen ihr die grossen Anbieter den Stecker.

01. Dezember 2016, 05:00

Sie stehen diese Woche wieder im Fokus der Öffentlichkeit: Mächtige Hotel-Buchungsplattformen wie Booking.com, HRS oder Expedia. Hotels können es sich kaum leisten, auf solchen Online-Plattformen keine Zimmer anzubieten. Andererseits wehren sie sich seit längerem gegen angebliche «Knebelverträge», weil es ihnen nicht erlaubt ist, auf ihren Websites günstigere Preise als auf den Plattformen anzubieten. Derzeit beschäftigt sich die zuständige Kommission des Ständerats mit der Marktmacht dieser Plattformen ( Ausgabe vom Mittwoch ).

Kaum bekannt ist, dass es bis vor kurzem eine Schweizer Website gab, die es mit den Grossen aufnehmen konnte: Hotelguide.com. Vergangene Woche ist die Firma mit Sitz in Luzern liquidiert worden. «Die grossen Plattformen waren letztlich zu mächtig für uns. In diesem Geschäft überlebt nur, wer über die nötige Grösse verfügt», sagt Bruno Gabriel, der zuletzt CEO und Teilhaber der Hotelguide.com AG war.

Gabriel ist kein Unbekannter: Er gründete 1984 zusammen mit Uli Sigg und Elmar Wohlgensinger den IT-Distributor und Logistiker Also. Ausserdem war der gross gewachsene 70-Jährige aus Emmen eine Zeit lang Handballer bei Amicitia Zürich. 1986 brachte er Also an die Börse, zwei Jahre später übernahm der Lifthersteller Schindler die Mehrheit. Rund zehn Jahre später – mit dem nötigen Kleingeld im Sack – kaufte Bruno Gabriel zusammen mit anderen Investoren 16 Prozent der 1991 gegründeten Hotelguide.com AG.

Das Unternehmen hatte vor Gabriels Einstieg dicke Hotelverzeichnisse gedruckt. Bruno Gabriel räumte mit dieser Vergangenheit auf. «Wir merkten relativ schnell, dass wir zu wenige Inserate-Einnahmen für das Verzeichnis hatten, also mussten wir nach einer Alternative suchen.» Im Jahr 2000 hiess diese Alternative: Internet. Die Firma begann, ein Online-Hotelverzeichnis zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt existierten bereits Konkurrenten wie Booking.com oder HRS. Also musste man sich etwas einfallen lassen. «Statt selber Verträge mit den Hotels abzuschliessen, gingen wir mit den grossen Plattformen eine Kooperation ein», erzählt Gabriel. Dieser Schachzug zahlte sich aus. Hotelguide.com trat als Wiederverkäufer von Booking.com und anderen Plattformen auf: Hotelguide.com wurde zur Metasuchmaschine, die über 600000 Hotels von anderen Plattformen auf der eigenen Seite aggregierte. 50000 bis 60000 Besucher pro Tag hatten die Luzerner damals. Zeitweise beschäftigte die Firma, die in Meggen, Sursee, Kriens und zuletzt in Luzern beheimatet war, um die 20 Mitarbeiter.

Um die Reichweite zu steigern, traf Hotelguide.com vor ungefähr zehn Jahren eine Vereinbarung mit Google: Wer in der Bildersuche nach Hotels forschte, stiess so praktisch immer auf Hotelguide.com. Die Plattform war damals für Google interessant, weil sie am meisten Hotels vereinte. «Auf den ersten Seiten führten 80 Prozent der Bilder zu uns», so Gabriel. Doch dann spielte Booking.com nicht mehr mit: «Die fanden es überhaupt nicht lustig, dass wir mit ihren Inhalten auf Google die Nummer eins waren», sagt Gabriel. Also beendete Booking.com die Kooperation mit Hotelguide.com. In der Folge waren die Luzerner für Google nicht mehr interessant. Die Zahl der täglichen Besucher schrumpfte auf rund 4000. «Das war der Beginn vom Ende», erinnert sich Gabriel.

Nie Gewinn gemacht

Gewinn gemacht hat er mit der Firma in all den Jahren nie, im Gegenteil: «Es war ein Verlustgeschäft, aber wenn wir die Kooperation mit Google hätten aufrechterhalten können, wäre die Firma zum Fliegen gekommen», ist Gabriel überzeugt. Die Wirtschaftsgeschichte gibt ihm Recht: Mit Kayak aus den USA und Trivago aus Deutschland entstanden zwei Metasuchmaschinen, die das gleiche machten wie Hotelguide. 2012 übernahm der Booking.com-Besitzer Kayak für 1,8 Milliarden US-Dollar, im gleichen Jahr ging Trivago für eine halbe Milliarde Euro an Expedia.

Rückblickend bleibt Bruno Gabriel die Gewissheit, den richtigen Riecher gehabt zu haben, in der Umsetzung aber auch Fehler begangen zu haben. «Dafür haben wir Lehrgeld bezahlt.» Die Investoren hätten zwar Geld verloren, Dritte seien aber nicht zu Schaden gekommen.

Maurizio Minetti


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