Ansturm zwingt Onlineshops in die Knie

BLACK FRIDAY ⋅ In den USA Tradition, hierzulande noch in den Kinderschuhen: Am vierten Freitag im November locken Händler ihre Kundschaft mit hohen Rabatten. Die Nachfrage war für manche Onlinehändler gestern zu gross.

25. November 2016, 21:31

Federico Gagliano/Sasa Rasic

Tausende Kunden, leere Regale, verlockende Schnäppchen: Bilder des amerikanischen Shoppingtags Black Friday gehen jedes Jahr um die Welt. Mittlerweile hat die Jagd nach günstigen Angeboten auch die Schweiz erreicht. Bereits letztes Jahr führte Manor den Termin in der Schweiz ein. Damals machte die Kaufhauskette dreimal mehr Umsatz als an einem vergleichbaren Freitag. Das blieb nicht unbemerkt: Viele Detailhändler haben nachgezogen. Radau und Krawall bleiben aber hierzulande bisher noch aus, denn die Preisschlacht findet eher online als in den Läden statt – obwohl auch diese regen Besuch verzeichneten (siehe Kasten). Die Gelegenheit, früh und günstig Weihnachtsgeschenke zu besorgen, lassen sich nur wenige entgehen. Dies haben die hiesigen Detailhändler besonders stark zu spüren bekommen.

Kurz nach Mitternacht verzeich­neten die Homepages von Melectronics, Manor, Microspot und Interdiscount so viele Zugriffe, dass die Seiten ausfielen. Auch Digitec hatte beim Startschuss kurz Mühe: «Bis anhin verzeichneten wir den grössten Ansturm um Mitternacht. Wir hatten sogar so viele Zugriffe, dass die Onlineshops zeitweise überlastet waren», sagte Digitec-Kommunikationsleiterin Stefanie Hynek gestern Nachmittag. Ähnlich tönt es bei Interdiscount: Die Zahlen hätten auch am Nachmittag nicht abgenommen, sagte Interdiscount-Mediensprecherin Na­dine Käser gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Auch die Migros bestätigt, dass die Besucherzahlen bis um 14.30 Uhr bereits höher waren als an jedem anderen kompletten Tag.

Elektronikartikel sind besonders gefragt

Zum ersten Mal war auch Media-Markt mit von der Partie. Dort ist man von der Resonanz begeistert: «Die Aktion lief sensationell an. Wir hatten einen zehnmal höheren Traffic auf unserem Onlineshop und haben mehr Umsatz gemacht als in einer Woche», sagt Séverine de Rougemont, Pressesprecherin bei Media-Markt. Der deutsche Elektronikriese hatte keine Schwierigkeiten mit dem grossen Ansturm. «Unsere Systemarchitektur ist auf Spitzenbelastungen ausgelegt», erklärt Rougemont.

Obwohl sich die Reichweite an Angeboten über alle Gebiete erstreckt, ist das Interesse wie in den Vereinigten Staaten bei Elektronikartikeln besonders gross. Tablets, Fernseher und Handys waren nach wenigen Stunden bereits ausverkauft. Besonders Angebote, die um rund 1000 Franken reduziert wurden, waren bereits gestern Morgen vergriffen. Der Kaufrausch ist noch nicht zu Ende: Bei Händlern wie Media-Markt und H & M laufen die Sonderangebote über das ganze Wochenende.

Danach geht es gleich weiter: Am Wochenende nach Thanksgiving folgt in den USA der «Cyber Monday», welcher ursprünglich von Onlineshops ins Leben gerufen wurde, um dem Black Friday die Stirn zu bieten, an dem sich vorher nur traditionelle Händler beteiligten. Inzwischen profitieren Onlineshops doppelt. So zum Beispiel auch Microspot: Neben der gestrigen Black-Friday-Aktion wird am Montag auch eine Cyber-Monday-Variante folgen.

Die starke Präsenz von Onlinehändlern beim Black Friday hat auch Thomas Hochreutener, Detailhandelsexperte beim Marktforschungsunternehmen GfK, bemerkt. «Die Vermischung zwischen Onlinehandel und den üblichen Läden beim Einkaufen schreitet voran. Oft ist es so, dass, falls man genau weiss, was man will, die Onlinebestellung einfacher ist und man eher bei Unentschlossenheit in den Laden geht», sagt Hochreutener. Der Black Friday findet in den USA nach dem Feiertag Thanksgiving am 4. Donnerstag im November statt. Die Leute haben an diesem Freitag in der Regel frei und Zeit zum Einkaufen. «In der Schweiz funktioniert das Datum, weil viele Arbeitnehmer Ende November auch den 13. Monatslohn überwiesen bekommen – das Geld ist also vorhanden», sagt Hochreutener. Daher sei der Tag in der Schweiz «einfach eine der vielen Varianten, die Leute wieder einmal in die Läden zu bewegen».

Der Dezember ist im Detailhandel unbestritten der wichtigste Monat. Bei GfK hat man festgestellt, dass der Dezember um 27 Prozent besser läuft als ein Durchschnittsmonat. Ansonsten gibt es je nach Markt grosse Unterschiede: Bei den Lebensmitteln steigt der Absatz um 20 Prozent, bei der Bekleidung um 40 Prozent, im Elektronikbereich um 60 Prozent. Bei Spielwaren steigen die Verkäufe sogar weit um das Doppelte an. Für Hochreutener ist damit klar: «Eine Konkurrenz zu den Weihnachtseinkäufen stellt dies nicht dar.» Dies sei auch darauf zurückzuführen, dass bei weitem nicht alle Händler bei der importierten Marketingmassnahme mitmachen. Hochreutener: «Der Black Friday lohnt sich in der Regel, falls man weiss, was man will und dies mit 20 bis 30 Prozent Rabatt kaufen will.» Laut Hochreutener nutzen einige Anbieter wie etwa Manor den Black Friday für zusätzliche Impulse: Durch die Koppelung von Rabatten an hauseigene Kundenkarten «können sie neue Kunden dazugewinnen und Adress- sowie Einkaufsdaten erheben.»

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Prosecco und Umsatzrekorde in der Luzerner Altstadt

Shopping Kichernd und mit Ballonen in den Händen schlenderten die vier Gymischülerinnen Kim, Yael, Indra und Emilia gestern durch die Luzerner Altstadt. Ihr Ziel: Sie wollen schauen, welche guten Aktionen die Läden zu bieten haben. In der Regel bleiben die Schülerinnen am Mittag in der Schule.

Doch gestern war der sogenannte Black Friday: Ein Brauch aus den USA, der nun auch hier praktiziert wird. An diesem Tag – und das wissen die Teenager – gibt es in den meisten Geschäften Preisreduktionen. «Wenn wir heute Weihnachtsgeschenke finden, wäre das ideal», sind sich die vier 15-Jährigen einig. Wie hoch ihr Budget für Einkäufe ist, wissen sie selber nicht so genau. Ebenfalls unklar bleibt, ob die vier Freundinnen noch fündig geworden sind, bevor an der Kanti Musegg die Glocke geläutet und damit der Chemieunterricht begonnen hat.

Monika Kwasigroch wurde fündig: Die 28-Jährige hat den Kinderwagen ihres eineinhalb Jahren alten Sprosses voll beladen und mit zwei Ballonen flankiert, die für die Aktionen in den Geschäften werben. Die aus Polen stammende Frau, die seit der Geburt des Kindes hier wohnt, findet den Black Friday super. «Ich konnte vergünstigt Material für die Weihnachtsdekoration und Geschenke kaufen.» Sie sei via E-Mail vom Schuhgeschäft Dosenbach darauf aufmerksam geworden.

Doch nicht nur Frauen, die generell etwas shoppingaffiner sind als Männer, haben den Anlass gestern ausgekostet. Auch Ramon Bühl, ein 17-jähriger Lehrling aus Richenthal, war in der Mittagspause an der Manor-Kasse anzutreffen. «Eigentlich hatte ich vor, ein paar Kleidungsstücke zu kaufen. Nun musste ich aber feststellen, dass ich gar nichts brauche», sagt der junge Mann. Er verlässt das Geschäft mit ein paar neuen Farbstiften für die Berufsschule.

Für die Detailhändler ist der amerikanische Brauch ein gutes Geschäft, wie Felix Thöny, Direktor des Warenhauses Manor in Luzern, sagt: «An diesem Tag machen wir mehr Umsatz als an einem Weihnachtstag», sagt Felix Thöny. Er rechnet mit doppelt so viel Frequenz wie an einem regulären Freitag. Bei Manor erhielten die Kunden mit der Kundenkarte gestern zwischen 10 bis 30 Prozent Rabatt.

Beim Kleidergeschäft C&A wurde man als Kunde gestern nicht nur mit Preisreduktionen verwöhnt. Die Angestellten schenkten Getränke aus und verteilen Snacks. Am Mittag wurde sogar Prosecco offeriert. Die Angestellten haben den Black Friday wörtlich umgesetzt. Alle Mitarbeiter trugen schwarze Kleidung, geschmückt mit einem goldenen Pin – identische Farben hatten auch die Ballone, die verteilt wurden. Inge Zibung, Detailhandelsfachfrau im C&A, sagt zum Event: «Die Aktion läuft sehr gut, wir haben deutlich mehr Kunden.» Zudem fügt sie an, dass die Stimmung heute «locker» sei. «Die Leute sind besonders gut gelaunt.»

«Das ist vorwiegend billige Werbung»

Franz Stalder, Präsident der Cityvereinigung, ist nicht begeistert vom Black Friday. «Ich finde, das ist vorwiegend auch billige Werbung, insbesondere dann, wenn der Rabatt an eine Bedingung geknüpft ist.» Und er fügt an: «Der Umsatz wird nur verlagert: Während den Tagen vor und nach diesem Freitag wird wieder weniger gekauft.» Stalder, Inhaber des gleichnamigen Kaffeemaschinen-Centers in der Stadt Luzern, reduziert die Preise für seine Produkte nicht, wie er sagt. Er räumt aber ein, den Kunden gestern ein Zubehör geschenkt zu haben. Der Cityvereinigung sind rund 240 Geschäfte angeschlossen. Wie viele davon gestern Rabatt gewährten, weiss Stalder nicht. Er vermutet jedoch, dass die wenigsten Geschäfte dies getan haben.

Gemäss Lustat Statistik Luzern hatten im dritten Quartal über 40 Prozent der Luzerner Detailhändler weniger Kundschaft. Nun hoffen die Detaillisten auf ein gutes letztes Quartal: Jeder zweite geht von einem positiven Weihnachtsgeschäft aus, schreibt Lustat.

Yasmin Kunz

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