«Auch Roboter geben krass zu tun»

DIGITALISIERUNG ⋅ Roboter machen uns die Arbeitsplätze streitig. Ist dies eine Gefahr? Oder wie liegen die Chancen? Ein Gespräch mit Ludwig Hasler, Philosoph, Physiker und Referent.
05. März 2017, 08:58

Interview: Edith Arnold

 

Ludwig Hasler, so von Angesicht zu Angesicht, ist das noch zeitgemäss?

Es wird immer zeitgemässer.

Wir hätten auch via Skype oder Facetime sprechen können.

Trotz Vernetzung und Videokonferenz gibt es zehnmal mehr Flüge zu Sitzungen und Konferenzen. Bei aller technischen Raffinesse: Erst der leibhafte Kontakt zwischen Menschen bringt Vertrauen ins System. In eine Maschine kann man unmöglich Vertrauen haben. Dazu braucht es Augen.

Was ist mit den Robotern, die sich immer humanoider geben?

Sie können natürlich so tun, als ob. Doch das sind nur Anfängerirritationen. Woher sollen Roboter denn Gefühle haben? Ein Roboter besteht aus Blech, Draht und Kunststoff. Er hat ein Rechenzentrum, aber kein Fleisch und Blut, er weiss nicht, was Schmerz oder Enttäuschung ist, deshalb ist er komplett unglaubwürdig. Er hat keine Vergangenheit, keine Zukunft.

Keine Zukunft?

Ist ihm bewusst, dass er bald ersetzt wird? In den Neunzigerjahren sah ich in der «Süddeutschen Zeitung» diese Karikatur: Ein Mensch sitzt vor dem Computer und fuchtelt mit den Händen herum, dazu die Sprechblase «Du Idiot, du kannst alles und sonst nichts!». Ein genialer Satz.

Die Maschine ist nur ein toller Rechner?

Als Rechner sind die Maschinen den Menschen überlegen. Wir erleben gerade, wie die Maschine erwachsen wird: Sie organisiert, steuert, repariert sich selbst. Sie lernt von sich aus, entwickelt sich weiter. Schon heute ist sie ein Tausendsassa und löst Probleme im Handumdrehen. Mit gigantischen Datenmengen kann sie alles Erdenkliche anfangen, schneller, zuverlässiger als irgendein Mensch.

Was ist die Konsequenz?

Kann der Roboter etwas mit sich selber anfangen? Hat er es mal lustig, ist mal deprimiert? Seine Überlegungen bleiben Rechenoperationen, algorithmisches Mittel zu beliebigen Zwecken. Er hat weder Wille noch Leidenschaft. Diese entspringen dem Unbehagen oder der Lust. Das sind Turbulenzen in Fleisch und Blut. Wollen wir der Maschine also die Macht geben?

Arbeitsroboter sind mitten unter uns.

Alles, was mit Datenmengen zu tun hat, schafft die Maschine besser. Deshalb rechnet man damit, dass rund die Hälfte aller herkömmlichen Tätigkeiten vom Menschen zur Maschine übergehen. Das sind nicht nur schlecht bezahlte Tätigkeiten, sondern auch akademisch hoch angesehene.

An welche denken Sie?

Ein Arzt, der nur allgemeines Studienwissen auf meinen konkreten Fall herunterbricht, ist schon heute überflüssig. Digitaldiagnostik und Operationsroboter sind genauer, nie verschlafen, nie depressiv, nie, nie, nie. Und sie können nachts arbeiten – der grosse Traum mancher Ökonomen. In Boston geht man nach Feierabend in die Klinik, lässt sich operieren, nach dem Aufwachen am Morgen begibt man sich mit dem Köfferchen wieder ins Büro.

Man geht sich reparieren ...

... auch therapieren, nicht nur optimieren. Kleine, medizinisch indizierte Eingriffe werden nachts vorgenommen. Es könnte sein, dass die Unermüdlichkeit von Robotern eine ganz andere Organisation der Arbeit begünstigt: rund um die Uhr.

Welche Jobs sind bedroht?

Klassische Männerjobs, die nichts als Kraft und Geradeausdenken brauchen. Im Übrigen wird wohl nicht einfach die Hälfte bisheriger Jobs gekübelt – und die andere Hälfte weiter bearbeitet. Die Zukunft der meisten Berufe wird auf eine Symbiose von Mensch und Maschine hinauslaufen.

Was ist mit Dienstleistern?

Die rein algorithmische Welt ist eine aseptische, durchkontrollierte, rationalisierte Welt. Eine Zeit lang ist das verlockend, doch der Reiz verfliegt sehr schnell, dann wird es unheimlich. Kürzlich trabten die Silicon-Valley-Milliar­däre bei Trump an. Typische Nerds, schlau, aber harmlos, resistent gegen Verführung und Exzess.

Das Drama fehlt?

Wenn wir alles digitalisieren, machen wir die Welt eigentlich so, dass nichts mehr passieren kann. Der Störfall Mensch wird aus dem Verkehr gezogen. Läuft alles reibungslos, ist es aber zum Verzweifeln langweilig. Dann kann es plötzlich wieder ein Wettbewerbsvorteil sein, wenn in meiner Zolliker Migros ein real existierender Mensch die Regale nachfüllt – aufmerksam, lustig, knorrig.

Auf die Computerstimmen am Telefon, die einen minutenlang hin- und herleiten, hat man längst keine Lust mehr. Der Mensch will sich ins Spiel bringen. Sonst beginnt er sich parallel zu organisieren. Oder?

Wenn ich im Auto mit Navi fahre, will ich es immer austricksen. Geht nur nicht. Es wird nie wütend. Es reagiert wie ein Idiot. Ich wende, ich fahre an der Ausfahrt vorüber. Das Navi passt sich sofort an. Diese Anpasserei ist typisch. Da ist kein Gegenüber, man kann nicht streiten, nicht lachen.

Welche neuen Jobs könnten ent­stehen?

Zunächst: Auch Roboter geben krass zu tun. Bis die erfunden, gebaut, einsatzreif präpariert – und vor allem überwacht und gesichert sind! Siehe Drohnen: Sollen die nicht allzu viel Unfug anrichten, brauchen sie Unmengen von Kontrolle, also viele neue Jobs, sogar die Greifvogelzucht boomt seither, zum Zerstören unwillkommener Drohnen.

Einige haben Angst, ihre Stelle würde automatisiert. Welche Strategie empfehlen Sie für die Übergangszeit?

Es ist wie bei jedem technologischen Schub: Wer Akteur bleiben will, freundet sich mit dem neuen Zauber an, ohne sich ihm auszuliefern. Sehen Sie eine moderne Schreinerei: Da programmieren Schreiner die Maschinen, die die Holzprodukte anfertigen. Aber sie haben das Schreinerhandwerk traditionell gelernt, sie sind mehr als Maschinisten, ganz wichtig. Nur so sind wir Herren, nicht Knechte der digitalen Werkzeuge. Freiheit im 21. Jahrhundert wird technologisch. In den nächsten Jahren werden rund 17 Prozent mehr Informatiker gebraucht.

Unternehmen stellen jedoch Informatiker lieber im günstigen Ausland ein als hierzulande in der Schweiz.

Mag sein. Das kann sich schnell ändern. Es kehren auch Industrien zurück, die Robotik betreiben statt Massenproduktion. Dafür ist die Schweiz interessant. Es braucht dazu nicht allein Informatik, auch Bio-Tech, Nano-Tech, Neurologie. Davon gibt es allerhand hier, an der ETH, der Empa usw. Und hoffentlich merken immer mehr junge Einheimische, dass sie auf diesen Feldern ihre Kreativkräfte am sinnvollsten entfalten können. Es können ja nicht alle einen Bachelor in Musik machen. Schon heute gibt es fast ebenso viele klassisch ausgebildete Geiger wie potenzielle Zuhörer. Wir werden zudem in der Pflege massiv mehr Kräfte brauchen.


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