Dann sagte Trump: «Ich wollte nicht sagen, was ich sagen wollte»

USA ⋅ Die Fetzen flogen, als sich Hillary Clinton und Donald Trump zum ersten von drei Fernsehduellen trafen. Die Demokratin wirkte überlegen, auch weil der Republikaner in sämtliche Fallen tappte, die sie aufgestellt hatte.

28. September 2016, 05:00

Er kann es nicht lassen. Gestern Vormittag setzte der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump seine Attacken gegen eine ehemalige Schönheitskönigin fort, die ihn vor 20 Jahren viel Schlaf gekostet hatte. «Sie war die Schlimmste», sagte Trump im Frühstücksfernsehen des Nachrichtensenders «Fox News Channel», dem einzigen Medium, in dem er dieser Tage regelmässig auftritt. «Sie legte massiv an Gewicht zu», und als neuer Besitzer des Schönheitswettbewerbs «Miss Universe» habe er «ein echtes Problem» mit ihr gehabt. Die Dame, um die es da ging, heisst Alicia Machado, stammt aus Venezuela und wurde 1996 durch die Jury der Miss-Universe-Organisation zur schönsten Frau der Welt gekürt. Nach ihrem Triumph kämpfte die 19-Jährige mit Gewichtsproblemen, wie sie im Frühjahr der «New York Times» erzählte. Sie nahm etwa 5 Kilo zu. Trump habe für den Stress, unter dem sie litt, aber kein Verständnis gezeigt. Stattdessen bezeichnete er die «Miss Universe» als «Miss Piggy» und «Miss Housekeeping» («Putzfrau») und führte sie öffentlich vor.

Warum Trump sich genötigt sah, auf diese Episode Bezug zu nehmen? Weil seine Kontrahentin Hillary Clinton am Montagabend, kurz vor Schluss der 95 Minuten dauernden Fernsehdebatte, zu einem gezielten Hieb gegen den Geschäftsmann angesetzt hatte. Clinton sagte über Trump: «Das ist ein Mann, der Frauen Schweine, Tölpel und Hunde genannt hat.» Dann nahm die demokratische Präsidentschaftskandidatin Bezug auf Machado und sagte, dass die ehemalige Schönheitskönigin mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft besitze und am 8. November wählen gehen werde, «darauf können Sie Gift nehmen». Machado ist eine Unterstützerin Clintons. Trump schaute verdrossen drein, aber für einmal liess er es bloss bei einem «Ach, wirklich?» bewenden.

Aus Rücksicht nicht gekontert

Später sagte der Republikaner, er habe den perfekten Konter einstudiert, aber mit Rücksicht auf die im Publikum anwesende Tochter Clintons darauf verzichtet – eine Anspielung auf die sexuellen Eskapaden von Ex-Präsident Bill Clinton und die langjährigen Gerüchte, dass sich nicht alle Frauen freiwillig dem Gatten von Hillary hingegeben haben. «Ich wollte nicht sagen, was ich sagen wollte», sagte Trump.

Seine Anhänger lobten ihn dafür. Newt Gingrich, ehemaliger Präsident des Repräsentantenhauses und langjähriger Vordenker der Republikaner, sprach allem Ernstes von einem «enormen, historischen» Debatten-Sieg Trumps – weil er es der «fiesen» Clinton nicht mit gleicher Münze zurückgezahlt habe. «Ich bin sehr stolz auf ihn», sagte Newt Gingrich.

Neutrale Beobachter allerdings nannten die Vorstellung des Präsidentschaftskandidaten – einmal abgesehen von einer gut platzierten Kritik am Washingtoner Politbetrieb – «desaströs» oder schlicht eine Anhäufung von Lügen.

In der Tat zeigte es sich, dass der Republikaner sich zu wenig auf das Rededuell mit Clinton vorbereitet hatte – und sich gemüssigt sah, auf jede Attacke der Demokratin zu reagieren. Damit tappte er letztlich in die geschickte platzierte Falle Clintons, die während der Debatte ein Ziel verfolgte: Trump blosszustellen, als Narzisst, als Grossmaul, als Rassist. Ein Beispiel bloss: Der Republikaner verhedderte sich, als Debatten-Moderator Lester Holt ihn fragte, ob er den Wählerinnen und Wählern Einblick in seine Steuererklärung geben werde. Seine Antwort auf den Vorwurf Clintons, trotz eines angeblichen Milliardenvermögens bezahle Trump keine Steuern: «Ich bin eben gewitzt.»

Clinton hingegen gab sich in den entscheidenden Momenten entspannt und etwas demütig. So entschuldigte sie sich endlich ohne Vorbehalte für die Tatsache, dass sie während ihrer Amtszeit als Aussenministerin (2009 bis 2013) ihre gesamte dienstliche Kommunikation über private E-Mail-Server abgewickelt hatte und dabei offizielle Richtlinien ignorierte. Donald Trump hakte zwar kurz nach und sagte, dies sei mehr als «ein Fehler» gewesen. Aber er unterliess es, einen breiten Bogen zu spannen und andere Clinton-Skandale in Erinnerung zu rufen, in denen Bill und Hillary es mit der Wahrheit nicht allzu genau genommen hatten.

Was blieb nach 95 Minuten? Clinton war sachlich und wirkte wie eine Berufspolitikerin. Trump war überfordert und griff auf Bauchargumente zurück. Das nächste Fernsehduell in zwei Wochen wird zeigen, welche Strategie erfolgversprechender ist.


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