Das Comeback der Genossen

Bis zur ­Finanzkrise galten Genossenschaften als Auslaufmodell. Punkto Nachhaltigkeit werden sie mittlerweile sogar von ­Aktiengesellschaften kopiert.
19. Juli 2012, 18:09

Die Grundlagen stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, doch seit der jüngsten Finanzkrise sind sie wieder topaktuell: die Genossenschaften. Langfristige Geschäftspolitik statt kurzfristige Gewinnmaximierung, geringere Risikoneigung, keine Lohnexzesse und mehr Mitbestimmung als in einer Aktiengesellschaft, das zeichnet diese Unternehmensform aus. Gemäss einer repräsentativen Umfrage geniessen Genossenschaften in der Schweizer Bevölkerung hohes Vertrauen, börsenkotierten Aktiengesellschaften hingegen steht die Mehrheit der Befragten misstrauisch gegenüber.

Vorzüge sollen bekannter werden

In Auftrag gegeben hat diese aktuelle Umfrage die IG Genossenschaftsunternehmen. Dieser gehören unter anderem die Fenaco, die Raiffeisen-Gruppe, Mobility und die Versicherung Mobiliar an. Hintergrund ist das UNO-Jahr der Genossenschaften (siehe Box). Dieses wollen die grossen Schweizer Genossenschaften nutzen, um die Vorzüge einer Genossenschaft in der Schweiz bekannter zu machen. «Viele jüngere Schweizer wissen gar nicht, dass bestimmte Grossunternehmen in der Schweiz die Rechtsform einer Genossenschaft haben, geschweige denn, was eine Genossenschaft ausmacht», sagt Franco Taisch, Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Leiter des Kompetenzzentrums Genossenschaftsunternehmen der Universität Luzern.

Neugründungen nehmen zu

Rund 9600 Genossenschaften gibt es derzeit in der Schweiz. Darunter befinden sich mit den Grossverteilern Coop und Migros zwei der grössten Arbeitgeber der Schweiz. Rund 10 Prozent der Beschäftigten arbeiten in dieser Rechtsform, knapp ein Zehntel der Schweizer Wirtschaftsleistung wird allein in den zehn grössten Schweizer Genossenschaften erwirtschaftet. Wohnungsbau, Nahrungsmittelbranche, Landwirtschaft, Energieversorger, Seilbahnen, das sind nur einige der vielen Tätigkeitsbereiche. Jahrelang stagnierten die Genossenschaftszahlen oder waren leicht rückläufig, in diese Zeit fällt auch die Umwandlung der Rentenanstalt von einer Genossenschaft in eine AG, die heutige Swiss Life. Mittlerweile nimmt die Zahl der Neugründungen wieder zu, wenn auch in viel geringerem Masse als bei den Aktiengesellschaften.

Starke föderale Komponente

Dabei seien Genossenschaften eigentlich etwas typisch Schweizerisches, sagt Hilmar Gernet, Leiter Politik und Wirtschaft bei der Raiffeisenbank Schweiz. «Der Eigennutzen und die Selbsthilfe der Mitglieder stehen im Vordergrund», stellt Gernet klar. Zum anderen hätten Genossenschaften eine starke föderal-demokratische Komponente. «Die Schweizer bewegen sich gerne in überschaubaren Strukturen, in denen sie demokratisch mitreden können. Genau dies bieten Genossenschaften», erklärt der frühere CVP-Politiker Gernet.

«Besser ausbalancierte Entscheide»

Dass die Eigentümer nach dem Kopfstimmprinzip abstimmen und nicht wie bei einer AG nach der Höhe der Kapitalbeteiligung, ist auch für Franco Taisch eines der zentralen Merkmale einer Genossenschaft. «Alle haben die gleiche Stimme. Dadurch erhält man besser ausbalancierte Entscheide als nach dem Prinzip der Mehrheitseigner bei der AG», ist Taisch überzeugt. Der häufig geäusserten Kritik, Genossenschaften könnten nicht schnell entscheiden, widerspricht er. «Die Migros und die Raiffeisen-Gruppe haben Denner respektive die Bank Wegelin auch innert einer Woche übernommen», stellt Taisch klar.

Wettstreit um Nachhaltigkeit

Im Gegensatz zu einer AG habe eine Genossenschaft die Mehrung des Nutzens aller relevanten Stakeholder zum Ziel – Kunden, Arbeitnehmer und Genossenschafter. «Die Aktiengesellschaft hingegen strebt in der Regel nur die Gewinnmaximierung für den Eigentümer an», streicht Taisch heraus. Bei einer Genossenschaft werden Gewinne häufig im Unternehmen reinvestiert.

Die jüngste Finanzkrise habe hier einiges in Bewegung gebracht. «Viele AG setzen sich für Nachhaltigkeit ein und haben Corporate-Responsibility- Abteilungen geschaffen», sagt Taisch. Eine Genossenschaft brauche dies hingegen nicht, dort gehöre «die Nachhaltigkeit zum Genom des Unternehmens».

Als drittes wichtiges Unterscheidungsmerkmal nennt Taisch die lokale Verankerung der Genossenschaften. Auch eine grosse Genossenschaft wie die Mi­gros oder die Raiffeisen-Gruppe versuche, so viel unternehmerische Freiheit wie möglich vor Ort zu belassen und Zentralisierungen zu vermeiden. «Dadurch bleiben die Kundennähe und die soziale Kontrolle viel stärker erhalten, Aktiengesellschaften müssen hingegen oft um Kundennähe und Dezentralisierung kämpfen», sagt Taisch.

Viel Potenzial bei freien Berufen

Wenn es gelinge, den Nutzen dieser Rechtsform überzeugend einem jüngeren Publikum zu kommunizieren, «dann werden die bestehenden Genossenschaften weiter gedeihen», ist Taisch überzeugt. Er hofft, dass auch die Unternehmensberater die Vorzüge der Genossenschaft entdeckten. Dann könnten Genossenschaften bei der Gründung von Start-ups künftig eine grössere Rolle spielen. Viel Potenzial ortet er auch bei Familienunternehmen ohne Nachfolger. Hier könnten die Mitarbeiter in einer personalistisch gefärbten Genossenschaftsform die Nachfolge übernehmen. Wichtige künftige Felder könnten auch freie Berufe wie Mediziner, Architekten und Finanzdienstleister sein.

Hans-Peter Hören / Neue LZ


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