Der Treuhänder aus dem Osten

START-UP ⋅ Ein Luzerner bietet Schweizer Firmen aus der Ukraine Treuhanddienstleistungen an – zu einem unschlagbar tiefen Preis. Seine Hauptkonkurrenten sind aber nicht die hiesigen Treuhänder.
19. April 2017, 05:00

Maurizio Minetti

maurizio.minetti@luzernerzeitung.ch

Den Ausdruck Krisengewinner mag Mauro Bonzanigo überhaupt nicht. «Wir bieten unseren Kunden jene Dienstleistungen an, die sie in Krisenzeiten brauchen», sagt der 33-Jährige diplomatisch. Ähnlich unspektakulär kommt das Geschäftsmodell seiner Firma daher: Rasminka bietet unter der Adresse Abrechnungen.ch klassische Treuhand- und Buchhaltungsdienstleistungen an. KMU können die Führung ihrer Buchhaltung an Rasminka auslagern. Das Spezielle daran: Die Jungfirma operiert von der Ukraine aus und kann deshalb so tiefe Preise anbieten, dass kein Schweizer Treuhandunternehmen mithalten kann.

Der in der Stadt Luzern aufgewachsene Bonzanigo stieg im Februar 2016 beim Jungunternehmen Rasminka ein. Zwei Kollegen hatten die Firma einige Monate vorher gegründet. «Ich bin zwar erst nach der Gründung hinzugestossen, zähle mich aber auch zu den Gründern», sagt Bonzanigo. Nicht nur er und seine Mitgründer sind Jungunternehmer, auch ein grosser Teil der Kundschaft ist es. Zur Zielgruppe gehören Start-ups, die ihre Buchhaltung möglichst schlank aus einer Hand beziehen möchten, sowie kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Bürokosten angesichts des starken Frankens tief halten wollen. Dazu passt der Firmenname, der auf Russisch so viel bedeutet wie «fit machen».

Ein typischer Rasminka-Firmenkunde beschäftigt 1 bis 15 Angestellte. «Hat eine Firma mehr Mitarbeiter, kann sie sich in der Regel eine eigene Buchhaltung leisten», erklärt Bonzanigo. Der Luzerner pendelt derzeit zwischen Kiew und Zürich, wo der Rest des Schweizer Teams arbeitet.

Mitarbeiter kennen Schweizer Gesetze

Das Geschäftsmodell des Jungunternehmens steht und fällt damit, dass Rasminka den zurzeit zehn Angestellten in Kiew nur einen Bruchteil jenes Lohnes bezahlt, den ein Treuhänder in der Schweiz verdient. Doch für Bonzanigo ist dieser Aspekt nur ein Teil des Modells: «Einzigartig ist, dass alle unsere Angestellten fliessend Deutsch sprechen und die Schweizer Gesetze kennen.» Rasminka beschäftigt Ökonomen, die mit Buchhaltungsprogrammen und Microsoft ­Excel umgehen können. «Das ökonomische Verständnis ist für unsere Kunden wichtiger als der Preis», meint Bonzanigo. Man bilde die Angestellten selber aus, und sie seien dadurch auch nicht austauschbar.

Treuhanddienstleistungen aus Niedriglohnländern anzubieten – darauf ist gemäss Bonzanigo bislang noch niemand gekommen. Die Grossen der Branche – Deloitte, EY, PwC und KPMG – bedienen Grosskunden weltweit lokal und operierten mit deutlich höheren Kostenstrukturen, sagt Bonzanigo, der nach seinem Masterstudium in Banking & Finance an der Universität St. Gallen im Portfoliomanagement der Zürcher Kantonalbank gearbeitet hat. Rasminka-Mitgründer Philipp Stirnemann war zehn Jahre Berater bei EY; auch er kennt die Branche.

«200 Franken pro Stunde und mehr bezahlt man bei grossen Treuhändern, wir bieten die gleiche Dienstleistung für etwa einen Drittel an», sagt Bonzanigo.

Informatik als Hauptkonkurrenz

Dabei bietet Rasminka das Treuhandwesen erst seit rund einem Jahr an. Angefangen hat das Team in Kiew nämlich mit der Erstellung von Businessplänen. Auch diese Dienstleistung richtet sich an Start-ups und KMU. «Heute muss sich eine Firma ständig neu erfinden. Wir helfen ihr dabei.» Dieser Geschäftszweig ist für Rasminka derzeit noch wichtiger als das Treuhandgeschäft. Bonzanigo geht aber davon aus, dass sich das künftig ändern wird.

Dass das Jungunternehmen eine Marktlücke entdeckt hat, zeigt die Tatsache, dass die Firma bereits rund 50 Firmenkunden zählt (siehe Grafik). Der Umsatz von Rasminka bewegt sich aktuell im sechsstelligen Bereich.

Bleibt die Frage, wen Rasminka mit dem Geschäftsmodell konkurrenziert. Schweizer Treuhänder seien es nicht, beteuert Bonzanigo. «Unsere grösste Konkurrenz ist die Informatik.» Was er damit meint: Weil Buchhaltungsprogramme immer ausgeklügelter werden, müssen Firmen nicht mehr sehr viel Know-how aufwenden, um eine Buchhaltung selbst zu führen. Es sei deshalb auch nicht so, dass man Treuhändern oder anderen Firmen in der Schweiz Arbeitsplätze wegnehme, sagt Bonzanigo. «Schweizer KMU sind ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, wie sie ihr Geschäft im Hochlohnland Schweiz weiterbetreiben können.» So gesehen sei er kein Krisenprofiteur, sondern vielmehr eine Art Entwicklungshelfer, sagt der Jungunternehmer.

Video: Luzerner bietet aus dem Osten Treuhanddienstleistungen an

Ein Interview mit Mauro Bonzanigo, Mitgründer des Start-Up «Rasminka». Er bietet aus der Ukraine Treuhanddienstleistungen an. Zu einem unschlagbaren Preis. (Maurizio Minetti (LZ), 18. April 2017)




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