«Die Welt ist viel gefährlicher geworden»

FINANZPOLITIK ⋅ Wirtschaftshistoriker Harold James erklärt, weshalb die Häufung politischer Krisen Europa vorwärtsbringen könnte und weshalb auch die Schweiz auf eine Stärkung der EU hoffen sollte.
19. März 2017, 08:44

Interview: Daniel Zulauf

Professor Harold James, Sie waren Mitglied der Bergier-Kommission und haben mitgeholfen, die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu ergründen. Seit dem Beginn dieses Prozesses sind jetzt 20 Jahre vergangen. Hat sich die Arbeit gelohnt?

Ja, es war eine wichtige Arbeit, sowohl für die Schweiz als auch für Europa. Die Bergier-Kommission war die erste Kommission ihrer Art in Europa. Dem Beispiel sind viele Länder gefolgt. Bis Mitte der Neunzigerjahre war man sich kaum bewusst, wie gross das Netzwerk tatsächlich war, das vom Nazi-Regime ausging. Man war sich kaum bewusst, wie viele Mitarbeiter, Kollaborateure oder aktive Geschäftspartner dieses System unterhalten hatte, das in der Verfolgung der Ziele des Nationalsozialismus eine Rolle spielte. Ich glaube, am Anfang dachten viele Leute in der Schweiz, die Arbeit der Bergier-Kommission richte sich gegen das Land. Tatsächlich ging es um die Aufarbeitung jener Zeit in ganz Europa, und die Schweiz hat diesen Weg vorbereitet.

Der Bergier-Bericht hat am Mythos der wehrhaften Schweiz gekratzt.

Ich glaube, es gibt ein gesellschaftliches Bedürfnis, nuancierter mit der Geschichte umzugehen. In Frankreich will man Napoleon nicht mehr nur als Helden sehen. In Amerika gibt es eine grosse Welle der historischen Aufarbeitung der Sklaverei. Sie zeigt, wie Unternehmen oder auch Universitäten von der Sklaverei profitiert haben. Die Abrechnung mit nationalen Mythen ist ein Phänomen des späten 20. Jahrhunderts.

Sind wir denn einfach ehrlicher als unsere Vorväter?

Vielleicht ist der Wille zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte ein Phänomen, das mit der Globalisierung zu tun hat. Vermutlich gibt es so etwas wie eine Globalisierung des Empfindens. Damit verbunden ist noch eine zweite Sache, die auch in der Schweiz eine wichtige Rolle spielte. Man hat in den vergangenen Jahrzehnten wieder einen stärkeren Begriff von Eigentum entwickelt und erkannt, dass das Eigentumsrecht einen wichtigen Teil des zivilisatorischen Prozesses darstellt. Wenn Eigentumsrecht gebrochen wird, kommt es auch zu einer Gefährdung der Gesellschaft. Die Debatte um den Umgang mit den nachrichtenlosen Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg habe ich unter anderem als Versuch verstanden, die Bedeutung des Eigentumsrechtes für die Gegenwart zu stärken.

Vor 60 Jahren hat Europa in den Römischen Verträgen die Grundlage für die heutige EU gelegt. Sie schreiben in einem Ihrer Bücher, die inspirierende Sprache in den Römischen Verträgen habe die Architekten des Euro dazu verführt, in Maastricht ein unvollständiges Werk abzuliefern. Waren da auch Mythen im Spiel?

Jean Monnet, der oft als Schutzheiliger Europas dargestellt wird, pflegte zu sagen, Europa stärke sich durch Krisen. Er meinte, dass Europa auf jede Krise immer wieder eine Antwort finden würde. In diesem Sinne vertraute man auch in Maastricht darauf, dass die Lücken in jenem Vertrag schon noch geschlossen würden. Wir reden insbesondere von den Fiskalregeln und der europäischen Bankenaufsicht, die im Vertrag von Maastricht nur mangelhaft oder gar nicht geregelt wurden ...

... und dann prompt eine Krise ausgelöst haben.

Ja, die Banken wurden nach der Weltfinanzkrise 2007 bis 2008 zu einem grossen Problem in Europa. Aber 2012 hat man mit der Bankenunion eine Antwort gefunden. Zwar ist auch diese noch ein unvollendetes Werk, aber die Situation ist heute sicher viel robuster als damals.

Sie vertreten die Ansicht, dass unterschiedliche Vorstellungen von guter Wirtschafts- und Finanzpolitik zwischen Paris und Berlin beziehungsweise zwischen Nord- und Südeuropa schon lange vor Maastricht bestanden haben und heute noch bestehen. Eingedenk dessen hätte man sich wohl mehr Zeit für die Währungsunion nehmen sollen. Wollte man in Maastricht ein Risiko in Kauf nehmen, um die EU als Friedensprojekt nicht zu gefährden?

Man könnte Maastricht tatsächlich als ein etwas zufälliges Ergebnis im zeitlichen Ablauf der europäischen Integration betrachten. Denken Sie daran, dass wenige Jahre vor Maastricht die Sowjetunion zusammenbrach und 1989 die Berliner Mauer gefallen war. Es galt, rasch eine neue europäische Realität zu schaffen. Der damals naheliegendste Schritt wäre vielleicht die Errichtung einer europäischen Militärunion gewesen. Denn wie wollte man die EU als Friedensprojekt verstehen, während deren Mitgliedsländer gleichzeitig eigene Armeen unterhielten? Aber eine Militärunion war damals unmöglich zu schaffen. Die nationalen Verteidigungsministerien hätten dieses Vorhaben blockiert, denn Verteidigungspolitik hat viel mit nationalen Wirtschafts- und Industrieinteressen zu tun. Offensichtlich wird das, wenn Sie sich die Vielfalt an europäischen Waffensystemen vor Augen führen.

Statt der Militärunion wählte man eben die Option Währungsunion.

So kann man es sehen. Die Pläne dafür lagen ja griffbereit in der Schublade.

Bleiben wir bei den Differenzen. In Deutschland ist die Befürchtung verbreitet, dass mit der Etablierung einer Haftungsgemeinschaft sofort der Schlendrian im Süden einzieht. In Paris wird stattdessen argumentiert, ein gemeinschaftliches Projekt ohne gemeinsame Verantwortung kann es gar nicht geben. Ist diese Differenz überhaupt überwindbar?

Schwierige Frage. Beide Standpunkte sind ja absolut logisch und sehr plausibel. In der akuten Phase der Eurokrise von 2010 bis 2012 war die Chance zur Auflösung dieser Differenz nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Aber die Lage hat sich seither erheblich verändert. Erstens wurden 2012 wichtige Schritte in Richtung einer stabileren Währungsunion gemacht. Und zweitens, ebenso wichtig, steht Europa heute vor vollkommen anderen Herausforderungen als vor fünf Jahren. 2014 hat Russland die Krim annektiert, in Syrien herrscht Krieg, Libyen fällt auseinander, es gibt grosse Flüchtlingsströme, und nun haben die Amerikaner noch Donald Trump zum Präsidenten gewählt. Die Welt ist viel gefährlicher geworden.

Und warum sollte dies die Überwindung von Differenzen erleichtern?

Es braucht zum Beispiel eine gemeinsame europäische Politik zur Sicherung der Aussengrenzen. Das ist so wichtig wie noch nie zuvor. In diesem Sinne gibt es jetzt ganz klare Aufgaben, die Europa nur gemeinsam lösen kann. Längerfristig wird sich deshalb die Einsicht durchsetzen, dass es auch einen europäischen Fiskalbedarf gibt. Es wird schon offen darüber geredet. Zum Beispiel gibt es die Idee, den Europäischen Stabilitätsmechanismus in einen Europäischen Währungsfonds umzuwandeln. Das sind gute Vorschläge.

Europa hat nicht nur ein Europro­blem, wenn wir auf die nächsten Wahlen in Frankreich schauen.

Ja, die Gefahren für Europa im laufenden Jahr sind sicher viel mehr politischer als wirtschaftlicher Art. Man kann sich gut denken, dass ein Sieg von Marine Le Pen das Ende des Euros oder sogar das Ende der EU in ihrer derzeitigen Form bedeuten würde. Brexit und die Wahl von Donald Trump mögen wirtschaftlich irrationale Entscheidungen gewesen sein, aber es gibt die Befürchtung, dass sich solche Entscheidungen wiederholen könnten.

Man spricht seit dem Brexit wieder offener über die Möglichkeiten einer EU der zwei Geschwindigkeiten. Ist das kein Widerspruch?

Nein, es hat schon vor Brexit gewisse Fliehkräfte in der EU gegeben. Ungarn hat sich zum Beispiel schon vor einiger Zeit auf einen nicht europakonformen Weg gemacht. Aufgefallen ist mir aber auch, dass gerade Ungarn nicht gegen die Wiederwahl von Donald Tusk zum Ratspräsidenten gestimmt hat. Das zeigt mir, dass Europa auch für Ungarn noch eine Wichtigkeit hat.

Machen wir nochmals einen grösseren Schritt zurück. Vor zehn Jahren ist die Finanzkrise ausgebrochen. Sie hat die Welt und das Wirtschaftssystem in den Grundfesten erschüttert. Wo stehen wir heute?

Die Wirtschaft hat sich erholt, aber die Politik nicht. Das ist historisch nicht untypisch für die Zeit nach grossen Wirtschaftskrisen. Die Finanzkrise hat den Nationalismus befeuert und könnte einen Rückschlag in der Globalisierung bewirken.

Was bedeutet die Antiglobalisierungswelle für Länder wie die Schweiz? Für globale Institutionen wie den Währungsfonds (IWF) oder die Welthandelsorganisation (WTO)?

Es bedeutet ganz klar eine Gefährdung dieser Institutionen. Wenn grosse Staaten nicht miteinander sprechen können oder wollen, dann ist dies selbstverständlich ein Problem für solche Institutionen, die eben dafür da sind, diese Gespräche zu fördern.

Für die Schweiz ist das wohl nicht besonders erfreulich.

Wenn es tatsächlich einen Rückschlag in der Globalisierung geben sollte, sind kleine offene Volkswirtschaften wie die Schweiz sehr verwundbar. Starke internationale Institutionen wie die EU sind für die Schweiz deshalb sehr wichtig. Ein Zerfall der EU wäre ein grosses Problem für die Schweiz; das Land würde in die Zustände des 19. Jahrhunderts zurückfallen, als die damaligen Grossmächte miteinander konkurrenzierten.

Zur Person
Der britische Wirtschaftshistoriker Harold James (61) lehrt an der Princeton-Universität. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. In «The Euro and the Battle of Ideas» aus dem Jahr 2016 leuchtet er die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich aus.


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