Dokumente aufgetaucht: Eltern wollten eigenständige Sika sichern

BAAR ⋅ Bisher geheime Dokumente zeigen, dass der langjährige Sika-Patron Romuald Burkard das Erbe an seine Kinder mit der Bedingung verknüpfte, dass die Firma selbstständig bleibt. Der Vertrag stützt den Entscheid der Zuger Richter.

19. November 2016, 07:57

In drei Wochen jährt sich der Ausbruch des Streits um die Zukunft des Baarer Bauchemieunternehmens Sika zum zweiten Mal. Der trotz Entscheid des Kantonsgerichts Zug andauernde Übernahmekampf ist einzigartig in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Aktueller Stand: Die Anwälte der Sika-Erbenfamilie Burkard und ihrer Schenker-Winkler-Holding (SWH) schreiben an der Eingabe zur Berufung, die in den nächsten Tagen beim Obergericht eingereicht werden muss. Dies ist nötig, um zu verhindern, dass das erstinstanzliche Urteil vom 27. Oktober 2016 rechtskräftig wird. Der Streit um den Verkauf des Aktienpakets der Familie an das französische Baukonglomerat Saint-Gobain für 2,75 Milliarden Franken geht also ohne Kompromiss weiter.

Nun liegen unserer Zeitung Dokumente vor, die bisher nicht Gegenstand der juristischen Auseinandersetzung waren. Der langjährige Sika-Patron Romuald Burkard (1925–2004) und seine Frau Franziska (1929–2013) haben mit ihren fünf Kindern einen Familienvertrag (in der Juristensprache: Poolvertrag) abgeschlossen. Darin geben die Eltern der nachfolgenden Generation vor, wie mit dem Familienerbe – die Sika-Kontrollmehrheit – umzugehen ist. Und wie nach dem Ableben der Eltern die Firma weitergeführt werden soll.

Sika als Gemeinschaft arbeitender Menschen

Eine der Kernaussagen im 17-seitigen Vertrag vom 10. Dezember 1990 steht bereits in den Vorbemerkungen: «Die Pool-Mitglieder wollen sich von den gleichen hohen ethischen Grundsätzen wie ihre Vorfahren leiten lassen und zum Wohlergehen und zur Sicherung der Ertragskraft der Sika Finanz AG einen tatkräftigen Beitrag leisten. Sie betrachten die Sika Finanz AG nicht nur als ein wirtschaftliches Unternehmen, sondern auch als eine Gemeinschaft arbeitender Menschen.» (Sika Finanz AG hiess das Unternehmen ab 1968, bis man 2002 das Wort Finanz strich.)

Weiter stehen unter Artikel 2 die Funktion und der Sinn des Familienvertrags: «Der Zweck des Pools ist folgender: Kontrolle der Gesellschaft und über diese als Hauptaktionärin die Sika Finanz AG als selbstständige Gesellschaft.» Der Vertrag regelt den Umgang unter den Poolmitgliedern (Austritt, Eintritt, Aufnahmen von Aussenstehenden wie zugeheirateten Personen oder Nachkommen), definiert die Organe (Präsident, Versammlung) und legt fest, in welchen Fällen Aktien verpfändet oder verkauft werden dürfen. Explizit wird festgehalten, dass sich die Vertragsparteien verpflichten, «während der Dauer dieses Poolvertrags ihre Namenaktien der Gesellschaft weder entgeltlich noch unentgeltlich zu veräussern ...». Als eine Ausnahme ist der Verkauf von Aktien zwischen den Familienmitgliedern erlaubt.

Unsere Zeitung liess den Vertrag von einem Juristen begutachten. Der Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Vertrags- und Erbrecht aus dem Kanton Luzern war während Jahren auch an kantonalen Gerichten tätig. Er beurteilt die Aussagen im Familienvertrag im Zusammenhang mit dem Übernahmestreit als «brisant», sagt aber zugleich: «Streng juristisch hat der Vertrag wohl keine Bedeutung mehr, denn die Erben können ihn nach dem Tod ihrer Eltern durch einen neuen ersetzen – oder ihn auch stillschweigend auflösen.»

Moralisch habe das Vertragswerk aber eine hohe Symbolik, ist der Jurist überzeugt. «Die Vereinbarung zeigt auf, was die Eltern von ihren Nachkommen erwarten – dafür, dass diese ein milliardenschweres Erbe erhalten.» Der Jurist sieht das Ziel des Vertrags darin, dass ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Sika-Kontrollmehrheit garantiert wird. «Die fünf Geschwister haben dank ihrer Geburt eine wertvolle und mit grosser Verantwortung verbundene Hinterlassenschaft erhalten. Schliesslich geht es um ein Unternehmen mit Tausenden von Mitarbeitern. Die Erben mussten dafür keine eigene Leistung erbringen», sagt der Rechtsanwalt.

Im ganzen Vertrag findet sich keine Verpflichtung zur Mitarbeit in der Sika. Es liege somit auf der Hand, dass Romuald und Franziska Burkard die Weitergabe ihres Vermächtnisses mit Auflagen verknüpften, erklärt der Rechtsanwalt: «Der Vertrag zeigt klar, dass die Eltern von ihren Kindern verlangen, dass sich diese an ihren ethisch-moralischen Vorstellungen im Umgang mit der Sika orientieren.»

Romuald Burkard legte in dieser Hinsicht die Messlatte hoch. «Weitsicht und hohe Sozialkompetenz zeichneten seinen Führungsstil aus. In einem Leitbild legte er 1973 erstmals Grundsätze fest, die ein faires und kollegiales Betriebsklima und eine gute Zusammenarbeit mit Kunden, Partnern, Aktionären und Behörden anstrebten», wird er in der Sika-Jubiläumsschrift geehrt. Katholik Romuald Burkard präsidierte während mehrerer Jahre die Vereinigung Christlicher Unternehmer und war karitativ engagiert. In Lateinamerika und Afrika unterstützte er mit Projekten und einer Stiftung Landwirtschaft und Bildungswesen. In Bogotá half er beim Aufbau der Wirtschaftsfakultät der Universität, «die fähige Unternehmer mit moralischem Bewusstsein ausbilden sollte». Dafür erhielt er den Ehrendoktortitel.

Gericht: Wirtschaftliche Selbstständigkeit zählt

Eine Anfrage um Stellungnahme zum Familienvertrag lehnte Urs Burkard, Sprecher der Sika-Erben, diese Woche ab. Das sei eine private Angelegenheit, schrieb er per E-Mail. Willi Leimer, SWH-Verwaltungsratspräsident 2014, antwortete auf eine Anfrage: «No comment. Fragen Sie bei Max Roesle nach.» Roesle, aktuell SWH-Verwaltungsratspräsident, nahm schriftlich Stellung: «Existenz und Inhalt eines Poolvertrags zwischen Familienmitgliedern sind eine familieninterne Angelegenheit; davon abzuweichen besteht kein Anlass.»

Auch wenn der Vertrag juristisch gesehen nicht mehr gilt, so stützt dessen Enthüllung das Urteil des Kantonsgerichts Zug. Die Richter stellten bei der Beurteilung des epischen Streits die wirtschaftliche Betrachtungsweise ins Zentrum. Dabei beriefen sie sich auch auf die Sika-Statuten. Die darin festgehaltene Vinkulierung habe den Zweck, die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Firma zu erhalten, kommt das Gericht zum Schluss. «Der im Familienvertrag festgeschriebene Wille zeigt, dass die Zuger Richter richtig liegen», kommentiert der unabhängige Jurist den Zusammenhang.

Ernst Meier

Vertrag mit Saint-Gobain steht in der Kritik

Mit dem Verkauf an den französischen Industriekonzern Saint-Gobain kann der Zuger Baustoffhersteller Sika seine Selbstständigkeit verlieren. Das geht aus dem Aktienkaufvertrag zwischen der Sika-Erbenfamilie Burkard und Saint-Gobain, der am 5. Dezember 2014 abgeschlossen wurde, hervor. Diese Woche berichtete die «Sonntags-Zeitung» über die Details aus dem zuvor geheimen Vertrag. Sika hätte schon vor Vollzug der Übernahme mit Saint-Gobain kooperieren müssen. Dem Verwaltungsrat wurden etliche Pflichten auferlegt, alle oppositionellen Verwaltungsräte sollten abgewählt werden. Eine Arbeitsplatzgarantie und die Zusicherung «Sika bleibt Sika» ist im Vertrag nicht enthalten. Die Erbenfamilie wehrte sich umgehend gegen die Darstellung und erklärte auf ihrer Homepage, dass es sich bei den Vertragsformulierungen um Standardklauseln handle.

(red)


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