Duttweilers Schachzug ist hochaktuell

Für viele KMU ist die Unternehmensnachfolge ein heisses Eisen. Einen Ausweg bietet die Genossenschaft. Der Migros-Gründer hat es vorgemacht.
25. August 2012, 13:46

Die Migros ist eine Genossenschaft. Das war nicht immer so. In der Anfangsphase war der heutige Grossverteiler eine Aktiengesellschaft. 1941 wandelte Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler das Unternehmen in eine Genossenschaft um. Der kinderlose Unternehmer vermachte sein Unternehmen kurzerhand den Kunden. Auf diese Weise wollte er eine unfreundliche Übernahme verhindern.

Dieser mythenumwobene Schritt ist zwar lange her, für Franco Taisch, Ordinarius für Wirtschaftsrecht an der Universität Luzern, ist die Grundidee hinter Duttweilers Schritt einer genossenschaftlichen Nachfolgelösung aber immer noch hochaktuell – gerade angesichts der ungelösten Nachfolgefrage in vielen Schweizer KMU.

Beteiligung der Anspruchsgruppen

«Die Migros hat vorgeführt, dass die Genossenschaft ein taugliches Nachfolgemodell sein kann», sagt Taisch, der als Inhaber einer Consultingfirma auch Unternehmen in Nachfolgefragen berät. «Ich habe in meiner Beratungspraxis feststellen können, dass die Idee der Genossenschaft hier manchmal auf sehr offene Ohren stösst», sagt Taisch. Das hat Gründe: Andere Optionen, wie der Verkauf an das Management (Management-Buy-out), seien beispielsweise wegen der finanziellen Anforderungen oft schwierig zu realisieren.

Als erfolgversprechender hingegen habe sich der Einstieg eines externen Unternehmers erwiesen, der die Nachfolge antrete und sich quasi ins Unternehmen einkaufe. «Dieses Einkaufsmodell liesse sich im Rahmen einer Genossenschaft auf verschiedene Anspruchsgruppen des Unternehmens ausweiten, zum Beispiel die Arbeitnehmer, die Kunden und die Lieferanten», sagt Taisch.

Der Vorteil: Die finanziellen Belastungen wären auf die verschiedenen Anspruchsgruppen des Betriebs verteilt. Alle diese Gruppen hätten zudem ein vitales Interesse am Fortbestand des Unternehmens. Für Taisch ist die Unternehmensnachfolge deshalb ein Feld, das für Genossenschaften viel Zukunftspotenzial bietet. «Es ist sinnvoll, dieses wissenschaftlich zu untersuchen.

Anhand praktischer konkreter Vorgaben müsste man schauen, wie diese Rechtsform die Bedürfnisse der Praxis befriedigen kann», sagt Taisch, der auch das Kompetenzzentrum Genossenschaften an der Universität leitet.

Eine Tätigkeit auf Augenhöhe

Viel Potenzial für Neugründungen sieht der Jurist weiter bei den freien Berufen, bei Architekten, Medizinern, Designern oder Finanzdienstleistern. «Die unternehmerische Tätigkeit auf gleicher Augenhöhe ist ein gewisser Megatrend. In vielen freien Berufen will man sich selbst und nicht nur Geld einbringen. Das geht am besten auf Augenhöhe mit anderen gleichberechtigten Partnern», erklärt Taisch. In Au SG gibt es mittlerweile mit der Eco Treuhand Genossenschaft eine erste Genossenschaft im Bereich der Finanzdienstleistungen.

In Deutschland hingegen ist der Betrieb von Solaranlagen mittels Genossenschaften ein Trend. Dieser greift seit einiger Zeit auch auf die Schweiz über. 2010 wurde im Kanton Schwyz die Solargenossenschaft Zentralschweiz gegründet. Diese betreibt auf Rigi Scheidegg eine frei stehende Solaranlage. «Auch bei uns ging es um Hilfe zur Selbsthilfe. Unser Ziel ist es, mit Gleichgesinnten, und ohne kommerziellen Hintergrund, der Idee der erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen», erklärt Kassier Christoph Ming. Durch den Erwerb von Genossenschaftsanteilen können Bürger sich so am Betrieb einer Solaranlage beteiligen.

In der Gründungsphase ansetzen

Trotz all dieser Zukunftsfelder liegt die Zahl der Genossenschaften in der Schweiz mehr oder weniger konstant bei rund 9600. Und das, obwohl diese Rechtsform durch die Finanzkrise 2008/09 und die Wertediskussion in der Bevölkerung eine hohe Zustimmung geniesst. Genossenschaften gelten als demokratischer, nachhaltiger, und Gewinnmaximierung ist nicht das erklärte Ziel.

Dass die Zahl der Genossenschaften trotzdem nicht kräftig wächst, hängt für Franco Taisch auch damit zusammen, dass die «Beratungsindustrie die Genossenschaft noch nicht als mögliche Start-up-Plattform entdeckt» habe. Das Gros der Gründer lässt sich in der Startphase von Experten beraten. «Gerade hier ist viel Sensibilisierungsbedarf notwendig», so Taisch. Er habe in der Beratungspraxis häufig gesehen, dass, wenn man diese Rechtsform ins Spiel bringe, dieses Modell als sehr spannend erachtet werde – gerade auch in den freien Berufen.

Hans-Peter Hoeren


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: