CSS-Chefin Philomena Colatrella: «Ein neuer Kopf bringt eine neue Kultur»

CSS ⋅ Philomena Colatrella führt seit einem halben Jahr den grössten Schweizer Krankenversicherer. Im Interview spricht sie über ihren Start als Chefin von rund 2700 Angestellten und darüber, was die CSS gegen die Kostensteigerung im Gesundheitswesen unternimmt.
21. März 2017, 08:11

Interview: Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Philomena Colatrella, nach Ihrem Antritt konnte man Schlagzeilen wie «Colatrella greift durch» lesen. Was haben Sie in den ersten Monaten bei der CSS verändert?

Nach meiner Wahl vor einem Jahr habe ich mich insbesondere mit der Organisationsstruktur befasst. Ich habe zwei neue Konzernbereiche ins Leben gerufen. Zum einen den Bereich Kunde und Markt, wo sämtliche Schnittstellen zum Kunden gebündelt sind. Und dann den Bereich Strategie: Wir wollen Veränderungen im Gesundheitswesen noch besser aufnehmen können. Und natürlich habe ich mein Team neu zusammengestellt.

Das geht in der Regel nicht ohne Nebengeräusche.

Ich habe meine Leute stark miteinbezogen. Ich wollte die roten Köpfe vor der Umsetzung der Neuorganisation. In persönlichen Gesprächen und Roundtables mit Kolleginnen und Kollegen habe ich die Veränderungen mehrmals diskutiert. Sie sollen von den Leuten mitgetragen werden.

Ihr Vorgänger Georg Portmann war lange Zeit auf seinem Posten. Ist da auch ein Kulturwandel notwendig?

Ein neuer Kopf an der Spitze bringt automatisch eine neue Kultur mit sich. Ich bin gerne an der Front, gehe in die Büros und frage meine Mitarbeitenden, wie es laufe. Mir ist es wichtig, dass wir beweglicher werden und besser auf die Herausforderungen im Gesundheitswesen reagieren können. Wir müssen bei Innovationen und in Sachen Digitalisierung schneller werden.

Wie reagieren die CSS-Angestellten auf die Veränderungen?

Bei meiner «Tour de Suisse» war die Stimmung gut. Die Leute schätzen es, wenn man sich für sie Zeit nimmt, aufzeigt, wohin sich die CSS verändern soll. Es ist nun viel Bewegung im Gange, das hat es gebraucht.

Als Generalsekretärin konnten Sie sich stark in Themen einarbeiten, jetzt sind Sie Entscheiderin. Wie gehen Sie damit um?

Meine Rolle – egal in welcher Funktion – habe ich immer selber definiert. Als Generalsekretärin habe ich mein Aufgabengebiet erweitert – ohne Absicht, vertikal aufzusteigen. Ich habe meine Aufgaben stets ganzheitlich verstanden. So konnte ich viele Entscheidungen mitprägen, Veränderungen mitgestalten und die Verantwortung für grosse Projekte übernehmen. Grundsätzlich entscheide ich als CEO jedoch noch einiges mehr. Ich kann nicht mehr alles akribisch aufarbeiten, sondern muss schneller den Durchblick haben.

Sie wurden oft mit zentralen Auf­gaben betraut. Verhandlungen mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) zum Beispiel. Überlassen Sie dies nun Ihrer Generalsekretärin?

Jeder CEO ist anders. Georg Portmann hat andere Prioritäten gesetzt. Mir gefällt das Aussenministerium. Verhandeln ist meine grosse Stärke.

Das geben Sie also nicht auf?

Nein, das gebe ich nicht auf. Aber das heisst nicht, dass ich anderen Leuten keinen Raum lasse. Doch letztlich profitiert die CSS davon. Beim Verhandeln entwickle ich Feuer.

Die Kosten im Gesundheitswesen steigen ungebremst an. Die Politik fällt durch viel Aktivität auf. Wie erleben Sie die Entwicklung?

Ich bin froh, dass das Gesundheitswesen im Fokus der Politik ist. Das ist positiv für uns. Die Gesundheitskosten beschäftigen uns permanent. Wir wollen die Wirtschaftlichkeit der Leistungen noch genauer überprüfen. Die Leistungskosten wirken sich schliesslich eins zu eins auf die Prämie aus.

Was machen Sie konkret?

Zum Beispiel prüfen wir Rechnungen, die aus einem Raster fallen, noch strikter. Auch haben wir unsere Betrugsbekämpfungsabteilung verstärkt. Seit 2015 haben wir Betrügereien im Umfang von 7 Millionen Franken aufgedeckt. Dann haben wir eine Art Tripadvisor eingeführt, der die Qualität von Leistungserbringern vergleicht. Das sind alles Massnahmen von Seiten der CSS. Wir sehen uns in der Pflicht.

Auf die gesamten Gesundheits­kosten ist das aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Es ist unbestritten, dass das Gesundheitswesen eine tiefgreifende Reform braucht. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Kosten im Gesundheitswesen massgeblich zu beeinflussen. So unterstützen wir zum Beispiel die Einführung von so genannten Health Technology Assessments (HTAs). Bestehende und neue Leistungen sollen durch eine unabhängige Instanz auf ihre Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit hin geprüft werden. Schliesslich sollen die Prämien finanzierbar bleiben. Wir wollen auch bei den Medikamentenpreisen dranbleiben. Leider hatte das BAG den Mut nicht, eine jährliche Überprüfung der Medikamentenpreise anzusetzen. Das ist unverständlich, könnte man so doch rund 100 Millionen Franken pro Jahr einsparen.

Der veraltete Ärztetarif Tarmed ist ein weiterer Punkt. Da konnten sich die Tarifpartner nicht über eine Revision einigen.

Die Revision des Tarifs, den wir alle spüren, wenn wir zum Arzt gehen, ist überfällig. Das wäre ein grosser Hebel für Kosteneinsparungen. Zahlreiche Leistungen können wegen des technischen Fortschritts heute viel günstiger erbracht werden als noch vor einigen Jahren, der Preis aber ist seit 2004 unverändert. Wir hoffen, dass Alain Berset die Tarife anpasst. Ich gehe davon aus, dass er in den nächsten Wochen über seinen Entscheid informieren wird.

Mehrere Kantone – unter anderem Luzern – wollen im Gesetz regeln, welche Eingriffe künftig ambulant statt im Spital gemacht werden sollen. Was halten Sie davon?

Wir unterstützen die Verlagerung von stationär zu ambulant. Es gibt viele Behandlungen, die heute stationär durchgeführt werden, aber problemlos ambulant durchgeführt werden könnten. Das hätte wesentliche ökonomische Auswirkungen. Krampfadern zum Beispiel: Wenn man den Eingriff ambulant durchführt, kostet er 2600 Franken, stationär bei Allgemeinversicherung 7500 Franken, und privat versichert kostet die gleiche Operation bis zu 20000 Franken. Das ist ein Missstand, diesen haben die Kantone erkannt. Es darf aber nicht 26 unterschiedliche Listen geben.

Und man müsste die Finanzierung anpassen.

Aktuell übernehmen die Krankenkassen im ambulanten Bereich 100 Prozent der Kosten. Wenn plötzlich viel mehr ambulant statt stationär behandelt wird, steigen die Prämien, obwohl das System effizienter wird. Der Vorschlag, dass künftig die Kantone 25 Prozent der Kosten bezahlen und die Versicherer den Rest, ist breit akzeptiert. So können auch die Prämienzahler von der Verlagerung profitieren.

Die Ärzte kritisieren die Liste, das sei nicht Sache der Politik, sondern der Medizin.

Es gibt keinen Grund, dass die Ärzte opponieren. Der Kanton bezahlt einen Grossteil der stationären Behandlungen. Er muss also auch die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten. Seit der letzten Prämienerhöhung stelle ich fest, dass es einen Wandel in der Wahrnehmung gegeben hat. Es sind nicht mehr nur die Krankenkassen, die im Fokus stehen, sondern auch die Leistungserbringer. Sie konnten sich nicht beim Tarmed einigen, bei ambulanten Listen wollen sie nicht mitmachen. Die Ärzte müssen einen Schritt machen in Richtung übergeordnetes Ziel. Es geht ja allen darum, eine qualitativ hochstehende Versorgung zu garantieren.

Hinweis

Philomena Colatrella (48) ist seit dem 1. September 2016 Vorsitzende der Konzernleitung der CSS-Gruppe. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Universität Fribourg und besitzt das Luzerner Anwaltspatent. Colatrella ist in Luzern aufgewachsen und arbeitet seit 18 Jahren bei der CSS.


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