Eine US-Ikone kämpft ums Überleben

SHOPPING ⋅ Lange Jahre galt das klassische amerikanische Einkaufszentrum als unverwüstlich – in einem Land, das dem Konsum fleissig frönt. Doch nun setzt der Strukturwandel auch der «Mall» zu. Die Betreiber der Shopping-Tempel suchen verzweifelt nach Lösungen.
15. April 2017, 05:00

Renzo Ruf, Tysons Corner/Virginia

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Auf den ersten Blick scheint im Einkaufszentrum Landmark Mall vor den Toren der amerikanischen Hauptstadt viel Betrieb zu herrschen. Im geräumigen Parkhaus sind viele Abstellplätze mit Autos besetzt. Auf den zweiten Blick aber zeigt sich: Dabei handelt es sich um ein Trugbild, nutzt doch ein lokales Autohaus die Garage als Lagerhalle für Neuwagen. Tatsächlich ist die Landmark Mall, die bei ihrer Eröffnung im Jahr 1965 als Vorreiterin galt, seit einigen Wochen geschlossen – der triste Bau in der Washingtoner Vorstadt soll einem modernen Einkaufszentrum weichen.

Die neue Landmark Mall wird nicht mehr überdacht sein, sondern einem modernen Stadtquartier gleichen mit Ladengeschäften, Restaurants, Kinos und Begegnungsräumen unter freiem Himmel. So jedenfalls schwebt es der Howard Hughes Corporation vor, der Besitzerin des trostlosen Grundstückes zwischen Autobahn und Ausfallstrasse.

Ausgerechnet Sears steht dieser Auffrischung aber im Weg. Das Kaufhaus, das direkt mit der Landmark Mall verbunden ist, sich aber nicht im Besitz der Immobilienfirma Howard Hughes befindet, wirkt zwar an diesem Frühlingsmorgen wie ausgestorben. Fast schon trotzig heisst es aber auf einem Plakat an der Gebäudefassade: «Yes, we are open» (Ja, wir haben geöffnet). Dabei ist Sears, 1886 unter dem Namen Sears, Roebuck & Company gegründet, eine der treibenden Kräfte am Niedergang des klassischen Einkaufszentrums, wie es die Landmark Mall jahrzehntelang repräsentierte. Der Konzern kämpft seit Jahren ums Überleben, weil er sich nicht rechtzeitig auf das neue Konsumverhalten im Detailhandel einstellte und mit der Onlinekonkurrenz nicht mithalten kann. Zuletzt gab die Muttergesellschaft von Sears zu Jahresbeginn bekannt, dass sie insgesamt 150 der rund 1400 Ladenlokale des Konzerns, zu dem auch die Billigkaufhäuser Kmart gehören, dichtmachen werde, weil diese Geschäfte unprofitabel seien.

In einem Land mit 325 Millionen Einwohnern mag die Schliessung von 150 Ladengeschäften verschmerzbar sein. Für den Detailhandel (und die Besitzer von Einkaufszentren) ist die Entwicklung aber besorgniserregend. Erstens handelt es sich bei Sears nicht um einen Einzelfall: Auch die Urgesteine Macy’s (Schliessung von 100 Warenhäusern) und J. C. Penney (138 Geschäfte) reduzieren derzeit ihr Filialnetz recht drastisch. Und zweitens tragen nicht nur die betroffenen Konzerne und ihre Angestellten die Folgen dieser Restrukturierungen.

Häufig handelt es sich nämlich bei den von der Schliessung bedrohten Filialen um so genannte «anchor stores»: um die Hauptmieter eines Einkaufszentrums, die in den vergangenen Jahren dafür gesorgt hatten, dass das Publikum in die Mall strömte. Fällt ein solcher Magnet weg, dann leiden sämtliche Geschäfte in einer Mall. «Das Jahr 2017 wird für die gesamte Branche sehr hart werden», sagt R. J. Hottovy, ein Analyst, für das Beratungsunternehmen Morningstar.

Unterhaltung, Gastronomie, Fitnesscenter und Kino

Die Besitzer klassischer Einkaufszentren geben deshalb Gegensteuer. Die Mall der Zukunft, sagen Branchen­experten, dürfe sich nicht mehr zu fest auf einzelne Kaufhäuser abstützen. Denn Ladenketten wie Macy’s oder Sears locken insbesondere die Angehörigen der Generation Y nicht mehr hinter dem Ofen hervor. Vielmehr müsse eine moderne Mall rundum Unterhaltung anbieten mit qualitativ hochstehenden Restaurants, einem Fitnesscenter oder einem Grosskino. Neuerdings sind sogar Lebensmittelläden in Malls wieder gefragt, weil sie für einen stetigen Besucherstrom sorgen.

Ein gutes Beispiel für ein Einkaufszentrum, das den Anforderungen der Zeit genügt, ist das Tysons Corner Center, rund 20 Autominuten von Washington entfernt. Eröffnet im Jahr 1968, hat sich dieses Mall-Urgestein gut gehalten: auch weil der Besitzer Macerich von der Kaufkraft der Bevölkerung profitiert, die in diesem Teil der Agglomeration wohnt. Ein Indiz dafür sind nicht nur die zahlreichen Luxusgeschäfte in der Mall, auch der exklusive Autobauer Tesla betreibt im Tysons Corner Center einen Ausstellungsraum.

Gutscheine für Anwohner und Arbeiter aus der Region

Macerich bewies aber auch eine gute Nase beim Aufspüren von neuen Trends. So nutzte der börsenkotierte Konzern die Eröffnung einer Haltestelle der Washingtoner U-Bahn ganz in der Nähe der Mall dazu, das Einkaufszentrum mit einem Hotel, einem Apartmentgebäude und einer künstlichen Plaza zu erweitern.

Nun lockt «Vita», so heisst das 30 Stockwerk zählende Wohngebäude mit der Nähe zum Tysons Corner Center, das übrigens etwa dreimal so gross ist wie das Shoppi Tivoli in Spreitenbach, mit Gutscheinen zum verbilligten Einkaufen in der Mall und mit einem reichhaltigen Unterhaltungs- und Freizeitangebot. Dieses richtet sich ausdrücklich an junge Fachkräfte, die in den Bürohochhäusern der Umgebung arbeiten oder mit der U-Bahn in die Hauptstadt pendeln. Das ist nicht billig: So kostet eine Einzimmerwohnung mit 70 Quadratmetern Wohnfläche im Wohnturm mehr als 2000 Dollar pro Monat.

Ganz offensichtlich aber stösst das Angebot auf offene Ohren: Der Belegungsgrad der 429 Appartements sei «sehr hoch», sagt eine Sprecherin der Firma Bozzuto, die für die Vermietungen der «Vita»-Wohnungen zuständig ist.


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