Der Bürgenstock-Direktor hat den schönsten Arbeitsplatz

NIDWALDEN ⋅ Resort-Direktor Robert Herr hat die Arbeit auf dem Bürgenstock bereits aufgenommen. Im August wird die Hotelanlage eröffnet. Bis in drei Jahren soll das Management schwarze Zahlen schreiben.
13. April 2017, 07:32

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Früher haben Touristen auf Reisen gezeichnet, um sich erinnern zu können, wo man war. «Heute filmt man auf Reisen, um zu erfahren, wo man gewesen ist.» Das Zitat stammt vom französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus. Seine spöttische Spitze trifft auf Bürgenstock-Besucher nur bedingt zu, denn wer auf diesem Berg Filmaufnahmen sammelt, steht vor einer echten Herausforderung. Der Aussichtsberg bietet nämlich nicht nur einfach eine berühmte und darum vielabgelichtete Panorama-Per­spektive. Er bietet vielmehr alle paar Meter völlig neue Einblicke in die Voralpen und das Mittelland – und das in allen Himmelsrichtungen. Auf diesem Berg filmt man, um sich zu erinnern, was dort alles auch noch war.

«Es gibt im neuen Resort keine Unterteilung in die fantastische Fernsicht auf den See und den weniger rühmlichen Blick auf die Strasse hinter dem Hotel. Der Bürgenstock präsentiert viel mehr ein 360-Grad-Panorama», sagt Robert Herr. Er trat Anfang Jahr seine Stelle als General Manager des Bürgenstock-Resorts an, das voraussichtlich im August eröffnet. Der 46-jährige verheiratete Vater von zwei Kindern war nach Abschluss der Hotelfachschule in Lausanne für die Hotelkette Intercontinental in halb Europa, Miami und Beirut in Kaderstellungen tätig. Er ist Schweizer Staatsbürger, spricht aber kein Schweizerdeutsch, da er in Deutschland aufgewachsen ist.

Investoren haben bereits gut verdient

«Ich habe einen der schönsten Arbeitsplätze auf der ganzen Welt», sagt Herr über die neue Stelle. An seinem spektakulären Arbeitsplatz verkehrten in den 1950er- und 1960er-Jahren Prominente wie der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer, die indische Politikerin Indira Gandhi oder Filmlegenden wie Charlie Chaplin, Sophia Loren, Audrey Hepburn oder Sean Connery. Mit dieser Historie im Hintergrund etwas komplett Neues zu schaffen, bezeichnet Herr als das Reizvollste an seiner Aufgabe. «Das Resort definiert sich nicht nur über die Architektur. Es lebt auch von der Qualität seiner Dienstleistungen. Diese sind der Job von meinem Team und mir», sagt er.

So schön der Arbeitsplatz auch ist, der operative Leiter des Bürgenstocks hat auch einen der schwierigeren Jobs in der Hotelbranche. Die Investition von 550 Millionen Franken für das Hoteldorf ist mit Erwartungen verknüpft. Die diskreten Geldgeber des katarischen Staatsfonds etwa dürften klare Renditevorstellungen haben. «Ab 2020 herrscht Vollbetrieb. Danach soll das Resort eigenwirtschaftlich sein», sagt Herr. Als Auslastungsquote sind bis dann 65 Prozent geplant. Und wann erwartet man am Persischen Golf Gewinne? Der General Manager legt sich nicht fest: «Natürlich gibt es Budgets und Projektionen. Doch das Bürgenstock-Investment ist langfristig ausgerichtet. Die Besitzer denken in einem Zeitraum von 30 bis 40 Jahren.» In der Region ist die Erwartungshaltung auch nicht bescheiden. Das BAK Basel rechnete nämlich vor, der Bürgenstock-Betrieb werfe für die Zentralschweiz eine Bruttowertschöpfung von jährlich 140 Millionen Franken ab.

Die Kataris haben bereits an ihrem Schweizer Geschäft verdient. Denn mit dem Höhenflug des Frankens legten ihre Schweizer Immobilienbesitztümer während der zurückliegenden Jahre in den Büchern des Staatsfonds zünftig an Wert zu. Zur Hotelgruppe gehören nebst dem ­Bürgenstock-Resort das Hotel Schweizerhof in Bern und das Hotel Royal Savoy in Lausanne. Die harte Währung bringt der Schweizer Tourismusbranche sonst kein Glück, Herr aber sieht ihren Folgen für das Tagesgeschäft gelassen entgegen. «Natürlich sind wir nicht immun gegen Währungsschwankungen. Aber ich denke, wir können sie gut verkraften», sagt er.

Grund zur Zuversicht schöpft er aus dem Gästemix. Zum einen erwarten die Resort-Verantwortlichen, dass die Hälfte der Gäste, die auf dem Berg übernachten, aus der Schweiz stammen. Kommt hinzu: Ein schöner Teil des Umsatzes dürfte von den rund 100 000 Tagesgästen kommen, auch sie sind mehrheitlich Schweizer. Zum andern sind die wichtigsten Quellmärkte USA, Ferner Osten, Indien und die arabische Golfregion vom Dollar und nicht durch den schwächelnden Euro geleitet. Am meisten verspricht sich Herr vom amerikanischen Markt. «Die US-Kunden der Luxushotellerie sind ­weniger preissensibel als die Europäer. Luzern ist für die Amerikaner die wichtigste Destination in der Schweiz, und die Historie mit Filmgrössen wie Audrey Hepburn ist für das Resort ein gutes Verkaufsargument.» Das Bürgenstock-Resort wird in den USA, in China und im Nahen Osten eigene Repräsentanten engagieren, die den Aussichtsberg vermarkten.

Hotels für Reha, Kongresse und Luxusferien

«Wir haben verschiedene Vermarktungskonzepte. Es gibt ja auch Verschiedenes zu vermarkten», sagt Herr. Da ist etwa der medizinische Bereich, dessen Zentrum das Fünfsternehotel Waldhaus bildet. Für dieses Geschäft ist eine enge Zusammenarbeit mit den Kantonsspitälern Nidwalden und Luzern aufgegleist. Bei den einheimischen Patienten stehen Reha-Aufenthalte, die Behandlung von psychosomatischen Krankheiten wie Burn-outs im Vordergrund. Mehr für ausländische Gäste gedacht – vor allem für die Gäste aus den Golfstaaten und dem Fernen Osten – sind Schönheitsbehandlungen mit Ernährungskuren, Botox oder Zahnkorrekturen. Chirurgische Eingriffe wird es auf dem Bürgenstock aber nicht geben.

Der Kongress-Tourismus spielt sich in erster Linie im Viersternehaus Palace ab, und gutbetuchte Touristen sind vor allem im Luxushotel Bürgenstock untergebracht. «Die Grenzen zwischen den Gästegruppen sind fliessend. Mit dem Angebot von insgesamt 383 Zimmern und Suiten sind wir in der Lage, flexibel auf die Nachfrage zu reagieren», sagt Herr. Eine weitere wichtige Gruppe bilden die Tagestouristen, von denen die meisten von Luzern aus mit Schiff und Standseilbahn auf den Berg anreisen. Das Schiff der SGV ist von 7 bis 23 Uhr im Stundentakt unterwegs. Herr: «Für sie wird Kombiangebote zum Beispiel für Anfahrt und Spa-Besuch geben. Wir werden mit marktüblichen Preisen kalkulieren.»


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