Es gärt im Milchkessi

PREISPOLITIK ⋅ Vor der Generalversammlung von Emmi sorgt der Präsident des Bauernverbandes mit einer scharfen Attacke auf die Milchindustrie für Aufsehen. Und der Napfmilch-Gründer schlägt ein Bonussystem vor.
19. April 2017, 06:59

Balz Bruder

balz.bruder@luzernerzeitung.ch

Für den Präsidenten des Schweizer Bauernverbandes (SBV), Markus Ritter, steht fest: «Die Milchverarbeiter und Milchhändler zahlen deutlich zu wenig und halten die Margen extrem hoch.» Für einmal fordert der Bauernpräsident aber nicht höhere Direktzahlungen oder Richtpreise, sondern nimmt die Milchindustrie direkt ins Visier (Ausgabe vom   18. April  ). Ritters ungeschminkte Quintessenz: «Der Bauer hat keine Wertschöpfung mehr, während die Milchverarbeiter und Grossverteiler sehr viel Geld verdienen.»

Die Kritik des Bauernpräsidenten fällt auf fruchtbaren Boden. Zum Beispiel bei Isidor Kunz, der sich selber als pensionierten Bergbauer aus Hergiswil bei Willisau bezeichnet. Das ist zwar korrekt, aber gleichwohl eine Untertreibung. Kunz ist immerhin Gründervater der 1999 aus dem Milchkessi gehobenen Napfmilch AG (der heutigen Neuen Napfmilch AG) und in dieser Funktion ein leidenschaftlicher Verteidiger bäuerlicher Selbsthilfe und Kritiker gewinnmaximierender Milchkonzerne.

Für eine echte Partnerschaft mit den Produzenten

Der Furor hat Kunz bis heute nicht verlassen – auch wenn er zuerst den Konkurs seines Start-ups und danach faktisch die Übernahme des Nachfolgeunternehmens durch die Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) miterleben musste, welche eine Mehrheitsbeteiligung am Aktienkapital der Emmi AG hält. Und mit dieser ist für Kunz nach wie vor nicht gut Kirschen essen. «Wir sind Emmi», stehe zwar auf der Einladung zur Generalversammlung vom Donnerstag. Aber: «Sind wir Milchbauern auch Emmi?», fragt Kunz und stellt in einem pointierten Leserbrief die Frage nach der «echten Partnerschaft» zwischen Milchproduzent und Milchverarbeiter sowie -händler.

Kunz sieht Emmi deshalb in der Pflicht – und insbesondere die Bauernvertreter im Verwaltungsrat: «Die tiefen Milchpreise führen die Milchproduzenten in immer grössere finanzielle Schwierigkeiten», sagt Kunz. Er werde vor diesem Hintergrund keinem bäuerlichen Vertreter im Verwaltungsrat die Stimme geben. Pikant an der Sache: Auch an der ZMP-Delegiertenversammlung vor Ostern keimte Kritik auf – nicht an den handelnden Personen, sondern an den real existierenden Preisen. ZMP-Präsident und Emmi-Vizepräsident Thomas Oehen wörtlich: «Molkereimilch ist zu einem billigen Massenprodukt geworden.»

Daran wird sich kurzfristig zwar nichts ändern. Immerhin wurde der ZMP-Vorstand aber mit dem Auftrag konfrontiert, die Höhe der Rückvergütung, welche die Milchbauern von «ihrer» Emmi erhalten, zu prüfen. Zur Illustration: Für das Geschäftsjahr 2016 ist eine Rückvergütung von 1,7 Rappen pro Kilo Milch geplant. Bei einer Gesamtsumme von 8 Millionen Franken bekommt ein Durchschnittsbetrieb demnach rund 2500 Franken. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Viele Betriebe geben auf oder satteln um, wenn sie denn können – nicht wenige haben zu viel investiert, um die Milchmaschine einfach an den Nagel hängen zu können.

Nicht nur Aktionäre sollen etwas vom Erfolg haben

Isidor Kunz schwebt deshalb etwas anderes vor. Er schlägt ein Bonussystem vor, das dem einzelnen Milchproduzenten zugutekommt, indem Emmi 10 Prozent des Unternehmensgewinns an die Milchquelle zurückführt. Dieser betrug im vergangenen Jahr 140 Millionen Franken; dies bei einem Umsatz von 3,3 Milliarden Franken. Zur Verteilung kämen demnach rund 14 Millionen Franken – und zwar für alle Produzenten, die Emmi ihre Milch zuliefern. Nicht von ungefähr wünscht sich Kunz denn auch eine erfolgreiche Emmi.

Er wird seinen Antrag, den er 2014 aus Anlass des UNO-Jahrs der bäuerlichen Familienbetriebe schon einmal ohne Erfolg gestellt hat, an der Emmi-GV 2018 neuerlich zur Diskussion stellen, wie er auf Anfrage bestätigt. Am Donnerstag wird sich Emmi demnach nicht mit ordentlich traktandierter Hinterländer Milchpolitik befassen müssen. Unternehmenssprecherin Sibylle Umiker sagt aber, zur Beschlussfassung über die Verwendung des Bilanzgewinns könne sich jeder Aktionär äussern. Im Übrigen plane Emmi, für das abgelaufene Geschäftsjahr eine um 20 Prozent höhere Dividende – 5.90 statt 4.90 Franken – auszurichten. Jene an die ZMP betrage somit voraussichtlich rund 17 Millionen Franken. «Das ist mehr als 10 Prozent des Gewinns. Davon profitieren aufgrund der Rückvergütung durch die ZMP auch die Milchproduzenten», führt Umiker aus.

Zudem teile Emmi die Ansicht der Milchbauern, dass der Milchpreis zu tief sei. Nicht ein einzelner Milchverarbeiter habe jedoch Einfluss darauf, betont sie, vielmehr hänge der Schweizer Milchpreis «stark von der Entwicklung in der EU» ab. Abgesehen davon zahle Emmi «einen im Schweizer Vergleich überdurchschnittlichen Milchpreis, nämlich einen um 1 Rappen höheren für konventionelle Milch und einen um 4 Rappen höheren für Biomilch».


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