Flexibel arbeitet es sich kreativer

MOBILITÄT ⋅ Der Arbeitsplatz löst sich allmählich auf. Gearbeitet wird heute überall, allein oder in Gruppen. Doch nicht jeder kann mit der Eigenverantwortung umgehen.

27. März 2016, 05:00

Maurizio Minetti

Arbeitgeber erwarten von ihren Angestellten höchste Flexibilität. Auch nach Feierabend soll der Projektleiter ein dringendes Mail beantworten, die Geschäftsleitungsassistentin die Details eines wichtigen Termins zur Hand haben. Mit den heutigen Kommunikationsmitteln – Stichwort Tablets, Smartphones und Apps – ist das alles kein Problem. Auf der anderen Seite haben auch die Angestellten zunehmend Ansprüche an ihre Arbeitgeber: Sie wollen die Freiheit haben, am Vormittag joggen zu gehen oder den Nachmittag zu Hause mit der Familie zu verbringen. Im Gegenzug arbeiten sie nach Feierabend, wenn die Kinder im Bett sind.

Gefährliche Selbstausbeutung

Studien zeigen, dass sich zumindest im Büro die herkömmlichen Arbeitsformen auflösen. Flexibles Arbeiten liegt im Trend. Barbara Josef beschäftigt sich schon seit Jahren mit Veränderungsprojekten in der Arbeitswelt. Die ehemalige Mediensprecherin von Microsoft Schweiz hat sich letztes Jahr selbstständig gemacht und berät nun mit ihrer 5to9 AG Unternehmen im Bereich Arbeitskultur. Sie sagt: «Mobilität an sich ist weder für die Firma noch für den Mitarbeiter von Nutzen. Entscheidend ist, dass die dank neuen Technologien gewonnene Autonomie so gelebt wird, dass sowohl Mitarbeiter als auch Unternehmen profitieren.»

Wenn von flexibler Arbeit die Rede ist, fällt schnell einmal das Schlagwort Home Office. Forscher sprechen auch vom «hyperflexiblen Arbeiten», also örtlich, zeitlich und inhaltlich ungebunden. Zu Hause zu arbeiten, kann viele Vorteile haben. Ganz neben­bei wird so even­tuell auch der Verkehr entlastet. Doch beim Arbeiten an verschiedensten Orten lauern auch Gefahren, wie Jens Meissner, Dozent an der Hochschule Luzern, ausführt: «Eine unserer Studien zeigt, dass ein Drittel der mobil arbeitenden Angestellten mehr arbeiten als im Büro.» Die Forschung nennt es «interessierte Selbst- aus­beutung», sprich: Der Angestellte ist dankbar für die Freiheit, die er von seinem Arbeitgeber erhält – und revanchiert sich sozusagen mit Mehrarbeit. «Das ist gefährlich und kann zu Überlastung und Burn-out führen», warnt Meissner. Zügelloses Arbeiten sollte möglichst vermieden werden. Er empfiehlt deshalb, auch ausserhalb des Büros ein System zur Selbstkontrolle der Arbeitstätigkeit zu entwickeln – also etwa die Arbeitszeit aufschreiben oder feste Nicht-Arbeitszeiträume definieren. Ausserdem sei «engagierte Gelassenheit» wichtig: «Die Kunst ist es, sich vom Job zu distanzieren, aber trotzdem engagiert zu sein.»

Die genannte Studie zeigt auch, dass ein weiteres Drittel im Home Office gleich viel arbeitet wie im Büro – und das letzte Drittel zu Hause und unterwegs weniger Arbeitszeit erfasst als im Büro. Diese «Minimalisten», wie Meissner sie nennt, lassen sich etwa vom Kühlschrank ablenken, sind aus anderen Gründen nicht auf ihre Arbeit fokussiert oder suchen eine andere Work-Life-Balance. «Das muss nicht unbedingt eine Fehlentwicklung sein. Wenn aber doch, ist es vor allem Sache des Arbeitgebers, diese zu erkennen und das Gespräch mit dem Mitarbeiter zu suchen», sagt Meissner.

Kreativer Austausch

Barbara Josef gehörte 2010 zu den Initianten des ersten Schweizer Home Office Day. Ziel war eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Veränderungen in der Arbeitswelt. Heute nennt sich die Initiative «Work Smart», weil Home Office nur ein Teil des flexiblen Arbeitens ist. Sie beobachtet, dass zwar viele Firmen nach aussen eine Home-Office-Kultur propagieren, die entsprechende Vertrauenskultur aber kaum gelebt wird. Ruft der Chef im Büro aus, weil niemand anwesend ist, zeigt das indirekt auch, dass man es nicht ganz so ernst meint mit neuen Arbeitsformen. «Genau diese Form der Scheinbeteiligung, aber auch Überregulierung führt bei vielen Initiativen dazu, dass statt der gewünschten Agilität Frust und Reibungsverluste entstehen.» Sie plädiert deshalb für mehr Transparenz im Umgang mit Home Office: «Angestellte, die von zu Hause aus arbeiten möchten, sollten ihren Vorgesetzten aufzeigen, dass sie zwar Freiheiten fordern, dafür aber auch Flexibilität einbringen, wenn es beispielsweise darum geht, nach Feierabend noch etwas Wichtiges zu erledigen», so Josef.

Auch der Luzerner Unternehmer Andreas Troxler unterstützt die «Work Smart»-Initiative. Troxler setzt aber nicht auf Home Office. Er hat im Februar mit der Kreativfabrik 62 in Oberkirch einen sogenannten Co-Working-Space in Betrieb genommen. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um ein Gemeinschaftsbüro mit rund zwei Dutzend Arbeitsplätzen, die je nach Bedarf fix oder flexibel gemietet werden können. Sitzungszimmer, Kuche, Eventraum, Internet und Drucker werden gemeinschaftlich genutzt. Gemäss Troxler ist es mit einer Fläche von rund 500 Quadratmetern der grösste Co-Working-Space in der Zentralschweiz. Die Idee dazu stammt aus den USA.

Troxler: «Bei unserem Konzept zielen wir auf digitale Wissensarbeiter und die zukunftsträchtige Kreativwirtschaft, also zum Beispiel Grafiker, Software-Entwickler oder Architekten.» Er glaubt, dass dem Co-Working im Dienstleistungssektor die Zukunft gehört. Co-Working-Büros haben im Vergleich zum Home Office den Vorteil, dass Selbstständige vom Austausch mit Gleichgesinnten profitieren. «Wenn der Grafiker mit dem Software-Entwickler spricht, können sie gegenseitig vonein­ander profitieren», sagt Troxler. «Wo Leute miteinander interagieren, entsteht Neues, entsteht Innovation. Das haben auch die grossen Firmen bemerkt und schicken ihre Mitarbeiter tageweise in Co-Working-Spaces sozusagen als ausgelagerte Inspirations- und Innovationsquelle.»

Präsenzjobs haben es schwerer

HOME OFFICE mim. Von zu Hause aus arbeiten macht vor allem in der Dienstleistungsbranche Sinn. Dort, wo Präsenzzeit wichtig ist, etwa im produzierenden Gewerbe oder im Verkauf, gestaltet sich die Heimarbeit hingegen schwierig. Es gibt aber durchaus Ausnahmen. So bietet zum Beispiel der Guetzlihersteller Hug aus Malters seit Jahren die Möglichkeit an, daheim zu arbeiten. Allerdings können nicht alle Angestellten davon profitieren.

Das Angebot richtet sich primär an das Management-Team, das rund 50 Personen umfasst. «Funktionen wie Verkaufsinnendienst oder Produktion lassen sich nicht oder kaum von daheim ausüben», sagt Hug-Personalchefin Heidi Mathis. In der Informatik von Hug hingegen werde Home Office durchaus angewendet, etwa wenn es darum gehe, Systeme über das Wochenende zu aktualisieren. Und die Angestellten in der Produktion können immerhin via Internet auf ihre Einsatzpläne zugreifen.

Man habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit Home Office, so Mathis. Aktuell nutzen rund 40 Personen inklusive Aussendienst das Angebot.


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