Guter Rat wird immer teurer

AUSKUNFTSDIENSTE ⋅ Im Zeitalter von Smartphones nutzen immer weniger Leute die klassische Telefonauskunft. Für die Anbieter ist sie aber immer noch ein gutes Geschäft, denn die Preise sind hoch.

04. Oktober 2016, 05:00

Wann haben Sie das letzte Mal die Auskunft angerufen? Noch vor 20 Jahren kam niemand um die Nummer 111 herum, wenn er jemanden in Graubünden anrufen wollte oder in einem anderen Kanton, von dem er nicht gerade ein Telefonbuch im Haus hatte. Später wurde der von den PTT und danach von der Swisscom betriebene Dienst auch von Mobiltelefonnutzern rege in Anspruch genommen, die gerade keine Möglichkeit hatten, die Nummer herauszusuchen, die sie benötigten.

Das war einmal – im Zeitalter von Internet und Smartphones sind telefonische Nummernauskünfte immer weniger gefragt. Die Nummer 111 gibt es nicht mehr. Seit der Liberalisierung der Auskunftsdienste im Jahr 2007 bietet die Swisscom ihre Auskünfte unter der Nummer 1811 an. Sie kämpft mit der grössten Konkurrentin 1818 um die schwindende Zahl von Kunden.

2007 verzeichneten die Dienste mit den vierstelligen Kurznummern 18xy zusammen noch fast 30 Millionen Anrufe. 2014, dem letzten Jahr, für das Zahlen verfügbar sind, waren es noch etwas mehr als 12 Millionen (siehe Grafik). Der Markt ist also in weniger als einem Jahrzehnt um mehr als die Hälfte geschrumpft. Etwa drei Viertel der Anrufe gingen bei der Nummer 1811 ein, fast der ganze Rest bei 1818. Die beiden grossen Anbieter kamen zusammen auf einen Marktanteil von 98,7 Prozent.

Auskünfte aus Österreich und Marokko

«Telefonauskünfte werden heute vor allem von älteren Leuten genutzt. Ausserdem von Geschäftsleuten, die im Auto unterwegs sind und deshalb nicht mit dem Smartphone direkt die Nummer suchen können», erklärt Ralf Beyeler, Telekom-Experte beim Vergleichsdienst Verivox. Nach seiner Einschätzung spielt der Wettbewerb trotz Liberalisierung nicht wirklich. Als Beleg führt er die Entwicklung der Preise an: Ein zweiminütiger Anruf kostete 2007 bei beiden grossen Auskunftsdiensten rund 2 Franken. Heute bezahlt man bei der Swisscom vom Festnetz oder einem Handy mit Swisscom-Abo aus 4 Franken, von allen anderen Handys 5.70 Franken. Bei 1818 schlägt ein Anruf von zwei Minuten mit knapp 6 Franken zu Buche. Die Preise sind heute also bis zu dreimal so hoch wie noch vor wenigen Jahren.

Swisscom-Sprecherin Annina Merk bestreitet, dass der Wettbewerb nicht funktioniere. Die Preissteigerungen begründet sie mit der rückläufigen Nachfrage. Die Anbieter haben relativ hohe Fixkosten, denn gemäss einer Verordnung des Bundesamts für Kommunikation (Bakom) sind sie dazu verpflichtet, ihren Dienst rund um die Uhr in allen drei Amtssprachen anzubieten. Da in der Nacht nur wenige Anrufe eingehen, müssen die Firmen die Personalkosten am Tag hereinholen.

Trotz des hohen Fixkosten-Anteils konnten die Swisscom und 1818 ihre Kosten in den vergangenen Jahren senken. Bei 1811 hat sich in den letzten fünf Jahren die Zahl der Vollzeitstellen laut Merk ungefähr halbiert. Viele Mitarbeiter seien umgeschult worden. Heute sind noch rund 130 Angestellte für die Auskunft tätig.

1818 ging einen anderen Weg. Das Unternehmen, das durch seine Werbekampagne mit zwei Männern in Ski-Anzügen aus den 1970ern bekannt wurde, verlagerte vergangenes Jahr seine Callcenter ins Ausland. Seither werden Deutschschweizer Kunden von Österreich aus bedient, französisch- und italienischsprachige von Marokko.

Beyeler glaubt, dass die Firmen hohe Preise verlangen können, weil die Schweizer generell wenig preissensitiv seien. «Wenn man es gewohnt ist, die Auskunft anzurufen, wenn man etwas braucht, dann kümmert man sich wenig darum, wie viel es kostet», sagt er. Jene, die auf den Preis schauten, würden Nummern ohnehin wenn immer möglich auf dem Smartphone oder zu Hause am PC suchen.

Auf preisbewusste Kunden abgesehen hat es ein neuer Anbieter, der seit Ende 2015 auf dem Markt ist. Unter der Nummer 1820 bietet die Firma AP Dialog Auskünfte zu etwas tieferen Tarifen als die beiden Grossen an. Ein zweiminütiger Anruf vom Festnetz oder einem Handy mit Abo kostet hier 3.90 Franken. Von einem Prepaid-Handy aus sind es 5.55 Franken.

Mit kleinerem Markt zufrieden

Die Firma, die vom ehemaligen Chef von 1818, Peter Jósika, lanciert wurde, arbeitet vor allem mit ehemaligen 1818-Angestellten, die entlassen wurden. In der Werbung preist sie sich als «die Schweizer Auskunft» an und betont, dass die Kunden ausschliesslich von der Schweiz aus bedient würden.

Bislang laufe das Geschäft nicht schlecht, sagt Jósika. Offizielle Zahlen des Bakom wurden seit dem Start von 1820 noch nicht publiziert. Der Geschäftsführer schätzt den Marktanteil seines Unternehmens auf 5 bis 10 Prozent. Die etwa 40 Mitarbeitenden bedienen neben Verzeichnisauskünften auch Kundendienste und sonstige Dienste im Auftrag anderer Unternehmen.

Jósika glaubt, dass Auskünfte nach wie vor ein gutes Geschäft sein können. Die Verbreitung von Handys habe sich in den letzten Jahren auf hohem Niveau stabilisiert. «Das, was noch übrig bleibt an Nachfrage, dürfte in nächster Zeit einigermassen stabil bleiben», sagt Jósika. Damit müssen die Auskunftsdienste heute zufrieden sein, auch wenn es nur noch ein Bruchteil des Marktes ist, den die Nummer 111 einst bediente.


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