Cybersecurity-Unternehmerin Shira Kaplan: «In der Schweiz ist man zu entspannt»

CYBERSECURITY ⋅ Die Israelin Shira Kaplan gilt als eine der profiliertesten Expertinnen in Sachen Internetsicherheit. Sie sagt, warum die Schweiz aufwachen muss. Und was der hiesigen Start-up-Szene fehlt.
08. November 2016, 06:48

Shira Kaplan, Sie haben 2015 die Cyverse AG in Küsnacht gegründet. Was macht die Firma?

Wir bringen das Know-how in Sachen Internetsicherheit aus Israel in die Schweiz. In Israel gibt es über 400 Firmen, die sich im Bereich Cybersecurity spezialisiert haben. Dieses enorme Wissen bieten wir Schweizer Firmen an. Das Konzept wollen wir nächstes Jahr auch auf Deutschland ausweiten.

Wie sind diese Technologiefirmen in Israel entstanden?

Sie kommen meistens aus dem Umfeld des Militärs. Das israelische Militär ist vergleichbar mit Schweizer Universitäten wie zum Beispiel der ETH: Es sind Inkubatoren für neue Technologien. In Israel ist es wichtig, dass die Landesverteidigung innovativ bleibt und einen gewissen Vorsprung hat, gerade in so wichtigen Bereichen wie Cybersecurity.

Sind Firmen, die aus diesem Umfeld entstehen, nicht zu militaristisch?

Nein. Es entstehen privatwirtschaftliche Firmen, die nicht mehr mit der Armee verbunden sind. Jede Firma, mit der wir zusammenarbeiten, ist zu 100 Prozent zivil.

Israel hat gleich viele Einwohner wie die Schweiz. Warum schafft es die Schweiz nicht ebenso, ein breites Cybersecurity-Wissen wie Israel aufzubauen?

Wenn es um Cybersicherheit geht, fehlt der Schweiz etwas, was Israel hat: eine permanente Krisenstimmung. In der Schweiz ist man zu entspannt. Bei Cybersecurity geht es darum, ständig im Krisenmodus und wachsam zu sein. Es ist nicht einfach, in diesem Bereich innovativ zu sein und Technologien hervorzubringen, wenn Cyberkriminalität nicht als ständige Bedrohung angesehen wird.

Dabei sind Cyberangriffe ein globales Phänomen.

Richtig. Mittlerweile hat aber in der Schweiz eine gewisse Sensibilisierung stattgefunden. Grosse Fälle wie der im Sommer bekannt gewordene Angriff auf den Rüstungskonzern Ruag führen dazu, dass Cybersecurity mehr ins Bewusstsein rückt. Es muss also zuerst etwas passieren, damit vielleicht künftig innovative Abwehrmassnahmen aus der Schweiz heraus entstehen. Die Schweiz hat ohnehin keine Wahl, sie befindet sich schon mitten im globalen Cyberkrieg. Das Land ist zwar politisch neutral, aber in der Cybersecurity-Welt gibt es keine Neutralität.

Macht die Schweiz zu wenig?

Es gibt zwar eine nationale Strategie zum Schutz vor Cyberrisiken, und gewisse Banken und Grossfirmen sind einigermassen vorbereitet. Aber man darf nicht vergessen, dass die Schweiz ein KMU-Land ist. Ich würde behaupten, dass die meisten dieser kleinen und mittleren Firmen noch viel Aufholpotenzial haben.

Wie beurteilen Sie generell die Schweizer Technologiebranche?

Es gibt zwar Innovationen aus der Schweiz, aber es fehlt oft der Mut, Risiken einzugehen. Hochschulabgänger arbeiten lieber bei einer Bank, wo sie gutes Geld verdienen, als dass sie eine Firma gründen würden. In Israel ist das genau umgekehrt. Man geht in der Schweiz einfach nicht allzu gerne Risiken ein.

Was die Schweiz aber sicherlich hat, ist Kapital. Und das ist gerade für Jungunternehmen in der Startphase zentral.

Genau, aber es wird hierzulande nur zögerlich in junge Technologiefirmen investiert. Ich habe für meine Masterarbeit an der Hochschule St. Gallen das Umfeld für Cybersecurity-Start-ups in der Schweiz und in Israel untersucht. Dabei bin ich zum Schluss gekommen, dass die Schweizer Risikokapital-Szene nicht sehr aktiv ist. Da gibt es einfach eine zu grosse Zurückhaltung.

Dabei herrscht in der Schweiz ja Anlagenotstand.

Ja, die Zinsen sind im negativen Bereich. Ich höre immer wieder, dass man nach alternativen Anlagemöglichkeiten sucht. Wenn es aber darum geht, Risikokapital zu investieren, bleiben die meisten untätig. Klar bringt die Investition in Jungfirmen ein gewisses Risiko mit sich. Aber es kann interessant sein, in Firmen zu investieren, die später vielleicht von grossen Konzernen übernommen werden.

Gibt es dafür positive Beispiele?

Ein gutes Beispiel ist die Credit Suisse. 2014 hat die Bank 10 Millionen US-Dollar in das israelische Cloud-Security-Unternehmen Secure Islands investiert. Ein Jahr später hat Microsoft die Firma gekauft – für über 100 Millionen Dollar. Ein riskantes Investment, das sich aber gelohnt hat.

Maurizio Minetti


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