«Keine Negativzinsen für Sparer»

UBS SCHWEIZ ⋅ Seit einem halben Jahr leitet Martin Blessing die Schweizer Geschäfte der UBS. Der Deutsche sieht Zürich nicht mehr als unangefochtene Zentrale: Künftig sollen Stellen stärker über die ganze Schweiz verteilt werden.
17. März 2017, 05:00

Interview: Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Martin Blessing, ein Deutscher leitet das Schweiz-Geschäft der grössten Schweizer Bank. Wie ist diese spezielle Konstellation angelaufen?

Wirklich gut. Ich fühle mich hier in der Schweiz sehr wohl. Ich habe den Eindruck, dass die Kunden und auch meine Kolleginnen und Kollegen mit dieser Konstellation überhaupt kein Problem haben.

Aber Erstaunen gab es?

Der eine oder andere hat sich bestimmt überlegt, wie die UBS auf die Idee kam, da einen Deutschen hinzusetzen, und weshalb ein Deutscher auf die Idee kommt, das durchzuziehen.

Ja, warum?

Aus meiner Sicht stellte sich die Frage, ob die Aufgabe spannend ist. Die Antwort ist: ja. Und aus Sicht der UBS war es wohl eher eine Frage der Kompetenz als des Passes.

Bei Ihrem Antritt im September haben die Medien Sie als beliebten Chef bezeichnet.

Dann haben Sie aber nur die netten Artikel gelesen! (lacht) Nun, mir macht die Arbeit auf der Bank Spass. Vor allem aber mag ich Menschen, von daher komme ich mit den meisten Leuten ganz gut aus, und ich habe das Gefühl, dass die meisten Leute mit mir ganz gut klarkommen.

Sie waren Chef einer deutschen Grossbank, nun leiten Sie «nur» die nationale Abteilung einer Grossbank.

Ich bin Chef der grössten Universalbank in der Schweiz.

Kein Rückschritt?

Nein, auf keinen Fall.

Das Inlandgeschäft bei den Schweizer Grossbanken hat auch deutlich an Gewicht gewonnen.

Das Geschäft in der Schweiz hat sich bei der UBS gut entwickelt. Das hat aber wenig mit mir zu tun, sondern ist das Verdienst meines Vorgängers Lukas Gäh­wiler und seiner Mannschaft. Das haben sie toll hingekriegt in den letzten Jahren. Es war nicht nur die Profitabilität, die gesteigert wurde, sondern auch die Reputation der Bank, die nach 2008 stark angekratzt war.

Spüren Sie diese angeschlagene Reputation noch? Es ist ja doch schon ein Weilchen zurück.

Wenn ich etwas länger mit Leuten rede oder mir Marktforschungsstudien anschaue, dann sieht man schon noch einen gewissen Nachhall. Aber er hat stark nachgelassen. Und ich bin überzeugt, das liegt nicht nur an der Zeit. Dahinter steckt viel Arbeit, ehrliches Bemühen um die Kunden und um den Markt in der Schweiz.

Ihr Vorgänger Lukas Gähwiler hat die Latte hochgelegt. Im letzten Jahr hat Ihre Sparte 1,8 Milliarden Franken Gewinn gemacht. Können Sie da anknüpfen?

2017 ist eher Konsolidieren angesagt. Das Marktumfeld ist schwierig für Banken, die ein namhaftes Zinsgeschäft haben, und das hat die UBS in der Schweiz. Die tiefen Zinsen beschäftigen uns. Sie sind weit unten und werden noch lange unten bleiben. Kredite mit höheren Zinsen werden fortlaufend von Krediten mit tiefen Zinsen abgelöst. In einem Tiefzinsumfeld wird der Zinsüberschuss bei Banken von Jahr zu Jahr kleiner. Das kann man ziemlich genau berechnen. Deswegen sind wir wie alle Banken unter Druck.

Stichwort Negativzinsen. Gibt es eine Veränderung in Ihrer Geschäftspolitik?

Wir planen keine Negativzinsen für Sparer. Wir haben bei vielen Produkten den Zins auf null gestellt, aber er geht nicht negativ. Bis anhin erheben wir nur bei grossen institutionellen Kunden und bei Firmenkunden mit hohem Cash-Bestand eine Gebühr. Aber wir analysieren die Situation genau und haben ja auch schon mehrfach darauf hingewiesen, dass für sehr vermögende private Kunden Anpassungen ebenfalls möglich sind. Falls wir das machen, werden wir es aber zuerst unseren Kunden mitteilen.

Wo liegt die Grenze?

Bei unseren Firmenkunden gibt es keine fixe Grenze. Grundsätzlich schauen wir uns an, wie viel Geld jemand auf seinem Konto hat und wie lange er es da hält. Basierend darauf werden wir Vereinbarungen mit den einzelnen Kunden treffen. Dann schauen wir, wie sie das Geld besser anlegen könnten. So haben wir das auch schon vor zwei Jahren mit unseren sehr vermögenden Privatkunden gemacht. Eigentlich wollen wir den Kunden die Negativzinsen ja nicht in Rechnung stellen.

Werden Sie weitere Verlagerungen an «Billigstandorte» vornehmen?

Sie meinen Schaffhausen? (lacht)

Schaffhausen ist sicher günstiger als Zürich.

Spass beiseite, Schaffhausen hat viel zu bieten. Generell gilt: Die Schweiz ist ein Hochlohnstandort. Wir haben hier viele qualifizierte Arbeitskräfte, die auch einen entsprechenden Preis haben. Da haben die Banken dasselbe Problem wie die Industrieunternehmen. Manche Dinge kann man einfach günstiger in anderen Ländern produzieren. Als Unternehmen muss man den richtigen Mix finden, um die Durchschnittskosten zu halten. Wir haben einige tausend Stellen unter anderem nach Polen ausgelagert. Wir haben aber auch in der Schweiz unterschiedliche Mietpreise und leicht verschiedene Lohnniveaus. Deswegen werden wir bis Mitte 2018 rund 500 Stellen nach Schaffhausen verschieben, vor allem aus dem Abwicklungsbereich. In der Vergangenheit haben wir das Gewicht stark auf Zürich gelegt. Künftig wollen wir unsere Stellen wieder stärker über die ganze Schweiz verteilen. Wir planen derzeit ein bis zwei weitere regionale Zentren in ähnlicher Grösse wie Schaffhausen.

Die Finanzierung der industriellen KMU funktioniere nur schlecht, sagte Swissmem-Präsident Hans Hess kürzlich. Dringend nötige Investitionen könnten nicht getätigt werden, sagte er. Woran klemmt’s?

Dass es in der Breite eine Kreditklemme geben sollte, kann ich aus den Zahlen und den Gesprächen, die ich mit Kunden habe, nicht nachvollziehen. Wir stellen eher eine geringere Kreditnachfrage fest. Viele Unternehmen fahren derzeit das Kreditvolumen herunter. Sie bezahlen lieber bestehende Kredite zurück, statt einen Negativzins auf ihren Anlagen zu riskieren.

Alles wie geschmiert also?

Es kann schon das eine oder andere Unternehmen geben, das gerne mehr Kredit hätte, als es bekommen hat. Dies hat in der Regel aber mit der individuellen Situation der Firma zu tun und nicht mit der Kreditbereitschaft der Branche. Ich habe das Gefühl, dass Banken im Moment eher nach Anlagemöglichkeiten suchen und nicht das Pulver so trocken halten, dass die Unternehmen keine Kredite bekommen.

Die Kreditprüfungen haben sich nicht verschärft?

Die Gefahr ist eher, dass manche Banken die Kreditstandards aufweichen, statt sie zu verschärfen. Gerade im Immobilienbereich ist viel Anlagedruck da – bei Pensionskassen oder Versicherungen etwa. Und Druck führt allgemein eher zu einer Aufweichung als zu einer Verschärfung.

Im Hypothekargeschäft hat die UBS zuletzt Marktanteile ver- loren. Holen Sie wieder auf?

Wir möchten 2017 einen Tick unter dem Markt wachsen – wie 2016. Auf der privaten Seite haben wir letztes Jahr gute Geschäfte gemacht. Bei der Finanzierung von Bürogebäuden, Mehrfamilienhäusern oder Hotels haben wir Volumen verloren. Bewusst. Wir glauben, dass der Markt wegen des Zinsniveaus eher etwas warmgelaufen ist. Nicht heiss oder überhitzt, aber er ist bei einer ziemlich wohligen Betriebstemperatur angekommen. Da müssen wir jetzt nicht Vollgas geben.

Was dürfen die Kunden 2017 von UBS erwarten?

Wir werden uns stark bemühen, für die Kunden noch einfacher und schneller zu werden. Insbesondere auf modernen Zugangskanälen wie E-Banking und Mobile-Banking. Da werden wir 2017 einen signifikanten zweistelligen Millionenbetrag investieren. Wir haben den Ansporn, jeden Tag ein wenig besser zu werden. Dabei haben wir insbesondere auch die jüngere Generation im Auge, die eine starke Affinität zum Handy hat. Bei jüngeren Kunden wachsen wir überproportional stark. Das ist also eine Investition in die Zukunft.

Was bedeutet die Digitalisierung für Ihre Filialen?

Die UBS hat in der Schweiz knapp 300 Filialen. Ich sehe in den nächsten zwei Jahren keine Schliessungswellen. Wie das in fünf bis zehn Jahren aussieht, kann ich nicht sagen. Schlussendlich entscheiden das die Kunden. Wenn viele Kunden in die Filiale gehen, dann wird’s viele Filialen geben. Wenn sie das nicht tun, gibt es weniger. Am Schluss muss der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken.


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