Lego als Problemlöser

BERATUNG ⋅ Die Visualisierung eines Problems kann die Antwort viel näher bringen – mit Lego Serious Play erreicht dieses Credo eine neue Stufe. Die Methode steckt in der Schweiz aber noch in den Kinderschuhen.

01. Oktober 2016, 05:00

Wer «Workshop» hört, denkt meist an lange Stunden in grauen Sitzungszimmern und blanke Flipcharts, die darauf warten, gefüllt zu werden. Eine neue Methode macht das Brainstormen jetzt scheinbar zum Kinderspiel – mittels Lego. Unter dem Namen Lego Serious Play (LSP) werden Sitzungen veranstaltet, bei denen die Teilnehmer mittels Lego­klötzchen ihre Antworten bauen. So erreichen Teams auf spiele­rische Weise «ernste» Resultate. Die Idee dazu stammt von Lego selbst und wurde intern entwickelt (siehe Infobox).

Inzwischen ist LSP «Open Source», das heisst: Lego behält zwar die Markenrechte, seit 2010 werden aber zertifizierte Facilitators ausgebildet, welche Workshops in Eigenregie planen und moderieren. Einer davon ist Harald Krauspe: Der in Luzern wohnhafte Managementberater blickt auf 20 Jahre Erfahrung zurück und ist seit einem Jahr ausgewiesener LSP-Facilitator. Er erklärt seine Aufgabe folgendermassen: «Generell handelt es sich um eine moderierte Denk-, Verständigungs- und Problemlösungsmethode für Unternehmen, Teams und Projekte. Der grosse Unterschied ist aber, dass jeder mitmachen muss, anstatt dass nur einige die Initiative ergreifen und die anderen zuschauen.» Dauer und Teilnehmerzahl werden individuell angepasst.

Seine Rolle beschränkt sich während der Sitzung auf die des Moderators. Im Vornherein bereitet er mehrere Fragen vor, zu denen die Teilnehmer innerhalb von wenigen Minuten als Antworten Legomodelle bauen sollen. Danach werden die Resultate miteinander diskutiert, verglichen und die relevanten Teile jedes Modells zur nächsten Fragerunde mitgenommen. Am Schluss entsteht ein Konstrukt, zu dem alle Teilnehmer beigetragen haben. «Durch die manuelle Arbeit und die kurze Bauzeit passieren mehrere Dinge. Zum einen wird das Unterbewusstsein aktiviert, zum anderen entsteht eine emotionale Bindung zum selbst gebauten Modell. Man erinnert sich deshalb viel länger an die Erkenntnisse einer LSP-Sitzung», erklärt Krauspe. Die Hemmschwelle, schwierige Themen anzusprechen, sei tiefer als bei herkömmlichen Workshops, weil Lego­modelle eigentlich immer gut aussehen. Was der Chef baut, hat den gleichen Wert wie das Modell des Mitarbeiters.

Krauspe fand zur LSP-Methode, als ihm bewusst wurde, dass viele Konzepte nach der Entwicklung nicht engagiert genug umgesetzt wurden. Er wollte deshalb eine «handfestere» Beratung. «Ich fand, diese Strategieprozesse funktionieren nicht.» Für seine Arbeit motiviere ihn die Freisetzung von kreativen Energien der Menschen. Und auch die Teilnehmer seien glücklicher und zufriedener. Komplexe Konzepte würden anschaulich und seien deshalb verständlicher. Die Branche spiele dabei keine Rolle, wichtig sei nur die richtige Fragestellung. «Wer vorgefasste Erwartungen an das Resultat hat, wird mit LSP nicht viel anfangen können», erklärt Krauspe. «Die Methode eignet sich besonders für nebulöse Fragestellung, wo vieles noch nicht klar ist. Dann ist der Nutzen am grössten.» Man müsse offen für Unkonventionelles und Innovatives sein, fügt er an.

Schlichtheit und Kreativität

Noch ist die Beratung mit Legosteinen hierzulande nicht weit verbreitet. Facilitators wie Kraus­pe lassen sich an einer Hand abzählen. Das Berufsbildungszentrum für Gesundheit und Soziales des Kantons Luzern hat die Methode getestet. Rektorin Angelica Ferroni Heggli zeigt sich von LSP überzeugt: «Mich hat erstaunt, wie schnell Resultate auf den Tisch kommen, die auch später noch gut abrufbar sind. Jeder baut und macht mit. Ein geschulter Moderator ist aber ausschlaggebend für das Resultat, ansonsten wird die Sitzung zur Spielstunde.»

Auf internationaler Ebene feierte die Methode schon einige Erfolge mehr als hierzulande. Konzerne wie Ebay, Nissan Motors und Unilever haben sie bereits verwendet und angepriesen. Ihre Erkenntnisse bestätigen: Die Arbeit mit Lego eignet sich besonders zur Teambildung oder zur Fokussierung unklarer Zielsetzungen. Gelobt wird die Schlichtheit und Kreativität der Legomethode. Die grösste Hürde bestehe darin, Lego nicht nur als Spielzeug, sondern auch als Werkzeug wahrzunehmen.

In Krisenzeit entstanden

Lego Die Methode entstand 1996 als Kjeld Kirk Kristiansen, Haupteigentümer von Lego, eine effektivere Strategieentwicklung für sein Unternehmen suchte. Der grösste Spielzeughersteller der Welt befand sich damals in der Krise: Die Einnahmen sanken jährlich. 1998 schrieb das dänische Unternehmen zum ersten Mal Verlust und musste über tausend Stellen abbauen – frische Ideen mussten also her. 
Mit Hilfe der Professoren Johan Roos und Bart Victor vom Institute for Management Development in Lausanne gründete Robert Rasmussen, damaliger Leiter der Lego-Produktentwicklung, die LSP-Methode. 2002 wurde sie erstmals öffentlich vorgestellt. Seit 2010 werden professionelle Facilitators ausgebildet und zertifiziert.

Federico Gagliano


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