Migros setzt auf Kontinuität

FÜHRUNGSWECHSEL ⋅ Fabrice Zumbrunnen hat sich gegen den Kronfavoriten durchgesetzt. Das Migros-Eigengewächs kennt das Geschäft von der Pike auf, hat sich aber in Digitalisierungsprojekten einen Namen gemacht.
17. März 2017, 07:37

Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Lange schon wird gerätselt, wer Migros-Chef Herbert Bolliger (63) beerben wird, wenn er Ende Jahr zurücktreten muss. So will es die Altersguillotine. Gestern wurde das Rätselraten beendet: Fa­brice Zumbrunnen wird den orangen Riesen in die Zukunft führen. Die 23-köpfige Migros-Verwaltung hat gestern den aktuellen Kultur- und Personalchef per 1. Januar 2018 gewählt. Zumbrunnen wird der jüngste Chef in der Geschichte des Unternehmens. Zieht der 47-jährige Westschweizer bis zur Pension durch, könnte er gar die Ära Bolliger übertreffen, die 13 Jahre lang andauerte.

Dass ein interner Kandidat das Rennen macht, ist keine Überraschung. Zwar wurden immer wieder externe Manager ins Spiel gebracht – Emmi-Chef Urs Riedener etwa –, doch Bolliger hat wiederholt betont, wie wichtig der Stallgeruch bei der Wahl seines Nachfolgers ist. «Fünf bis zehn Jahre Migros-Erfahrung braucht es, sonst begreift man dieses komplexe Gebilde nicht», sagte Bolliger dem «Tages-Anzeiger». Dieses Kriterium erfüllt der künftige Migros-Chef ohne Einschränkung: Zumbrunnen arbeitet seit 21 Jahren beim Branchenriesen. Bevor er vor 5 Jahren in die Zentrale nach Zürich gerufen wurde, hat er während 16 Jahren für die Migros-Genossenschaft Neuenburg-Freiburg gearbeitet, zuerst als Verkaufs-, dann als Marketing-, zuletzt als Geschäftsleiter.

In den Medien wurde Zumbrunnen aber nur als zweiter Favorit gehandelt: zum einen, weil die Genossenschaft Neuenburg-Freiburg neben den Genossenschaften Aare (Bern), Zürich oder Luzern vergleichsweise klein ist, zum anderen, weil der studierte Betriebsökonom und Soziologe zuletzt als Personalchef nicht zuvorderst an der Front stand.

Anpacker Jörg Blunschi unterliegt

Als Kronfavorit hingegen wurde Jörg Blunschi (55) gehandelt. Der Chef der Migros Zürich punktete mit seiner anpackenden Art und dem erfolgreichen Testen neuer Formate. Blunschi wird dafür gelobt, dass er den deutschen Bio-Supermarkt Alnatura in die Schweiz geholt hat. Mit dessen Produkten konnte die Migros den Rückstand auf Coop im Bio­geschäft deutlich verringern. Sein grösster Coup jedoch war die Übernahme des serbelnden deutschen Detailhändlers Tegut im Jahr 2013. Diesen will er nun digital fit machen. Dabei spannt er mit dem Online-Warenhaus Amazon zusammen, wie die «Handelszeitung» vor kurzem berichtete. Hinter vorgehaltener Hand wird aber just dieses Engagement als möglicher Grund für die Nichtwahl Blunschis ins Feld geführt. Noch sei Tegut nicht über dem Berg, heisst es. Das Risiko, dass das Projekt scheitere, bestehe nach wie vor.

Lateinisches Duo an der Spitze

Migros-Präsident Andrea Broggini zeigte sich über die Wahl erfreut. Zumbrunnen verspreche Kontinuität, er verfüge über alle Fähigkeiten, um Bolligers Erfolgskurs weiterzuführen, sagt der Tessiner, der mit Zumbrunnen nun ein lateinisches Duo an der Spitze der Migros bildet. Der neue Mann verstehe den Detailhandel und habe sich stark in die Themen Digitalisierung und Gesundheit vertieft.

«Einer der zwei Favoriten hat sich durchgesetzt», kommentiert CS-Ökonom Sascha Jucker die Wahl. Als grösste Herausforderung für den neuen Chef bezeichnet der Verfasser einer jährlich erscheinenden Detailhandelsstudie das schwierige Umfeld. «Der starke Franken und der damit einhergehende Einkaufstourismus beschäftigen den Detailhandel seit Jahren, und ich gehe nicht davon aus, dass währungsseitig in naher Zukunft eine deutliche Entlastung für den Detailhandel kommen wird», sagt Jucker. Hinzu komme der Onlinehandel, der stationären Detailhändlern das Leben zusätzlich schwermache. «Für die Migros ist es entscheidend, dass die digitale Transformation der Handelssparte weiter voranschreitet.» Dort liegen die Wachstumschancen, die im klassischen Detailhandel derzeit eher limitiert seien.

Dass Zumbrunnen sich stark mit den digitalen Projekten im Gesundheitsbereich beschäftigt hat, könnte schon ein Fingerzeig sein, dass sich die Migros dort noch stärker engagieren will. «Die Migros ist längst mehr als ein reiner Grossverteiler und Detailhändler. Sie hat sich schon vor Jahren bewusst ein Standbein im Gesundheitsmarkt aufgebaut – auch wenn der Umsatz in diesem Segment heute noch sehr klein ist», sagt Jucker.


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