Globalisierung in der Kritik: «Möglich, dass alles zusammenbricht»

HANDEL ⋅ Die Globalisierung ist in vielen Ländern unter Beschuss. Politikwissenschaftlerin Stefanie Walter sieht dahinter eine generelle Verunsicherung. Handelsbeschränkungen würden aber auch den Verlierern weltweiter Verflechtungen wenig bringen.
27. Februar 2017, 07:42

Interview: Lukas Leuzinger

In wichtigen europäischen Ländern finden dieses Jahr Wahlen statt, unter anderem in Frankreich und Deutschland. Überall dürften Populisten Zulauf erhalten oder sogar gewinnen. Wie in den USA, wo Donald Trump mit einem Programm gegen Freihandel und internationale Zusammenarbeit Präsident wurde. Experten sagen, das verheisse für den globalen Wohlstand wenig Gutes.

Stefanie Walter, warum wenden sich die Wähler fast überall in Europa von den etablierten Parteien ab?

Eine schwierige Frage. Etwas, das man in den letzten Jahren in westlichen Ländern beobachten konnte, ist, dass in der Politik andere Fragen wichtiger wurden. Früher ging es vor allem um ökonomische Fragen, und je nachdem, wo man wirtschaftlich stand, wählte man links oder rechts. Dieser Links-Rechts-Gegensatz ist heute weniger im Vordergrund. Stattdessen stehen kulturelle Fragen, Fragen der Identität im Fokus. Dabei geht es um das Verhältnis zum Ausland, aber beispielsweise auch um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

Spielten diese Fragen früher keine Rolle?

Natürlich sind diese Fragen nicht neu. Sie standen früher aber hinter ökonomischen Fragen zurück. Der politische Raum ist grösser geworden, es gibt heute mehr Parteien, die sich unterschiedlich positionieren. Die Verlierer dieses Wandels sind die Mitteparteien.

Verstehen die «Eliten» die Bevölkerung nicht mehr?

Der Konflikt zwischen «Elite» und «Volk» wird zum Teil herbeigeredet. Die Diskrepanz in den Positionen ist nicht so gross, jedenfalls nicht grösser als früher. Was ich aber sehe, ist ein grundsätzliches Unbehagen bei vielen Leuten.

Das Stichwort dazu lautet Globalisierung. Donald Trump gewann die Wahlen mit einem Programm, das sich gegen Einwanderung, Freihandel und internationale Zusammenarbeit richtet. Haben die Wähler genug von der Globalisierung?

Es gibt sicherlich ein Unbehagen gegenüber der Globalisierung. Man muss aber aufpassen, was man unter Globalisierung versteht.

Betrachten wir einmal die wirtschaftliche Dimension. Viele Leute befürchten, dass ihr Arbeitsplatz in ein anderes Land mit tieferen Löhnen verschoben wird.

In meiner Forschung habe ich festgestellt, dass die Gruppe jener, die tatsächlich durch die Globalisierung wirtschaftlich bedroht sind, viel kleiner ist als jene, die sich selber davon bedroht sieht. Viele sagen sich: Jetzt geht es mir noch gut, aber wer weiss, wie es in zehn Jahren ist?

Wie misst man, wie bedroht jemand ist?

Ich habe untersucht, wie leicht sich unterschiedliche Berufe ins Ausland verschieben lassen. Die Stelle eines Fabrikarbeiters kann beispielsweise relativ einfach nach China oder Rumänien ausgelagert werden, diejenige einer Coiffeuse oder eines Arztes eher nicht. Generell lässt sich sagen, dass Leute, die eher schlecht qualifiziert sind und einen Beruf ausüben, der leicht verlagert werden kann, wirtschaftlich am stärksten durch die Globalisierung bedroht sind. Diese Leute sorgen sich besonders stark um ihre berufliche Zukunft und befürworten einen starken Sozialstaat. Andererseits gibt es natürlich auch Hochqualifizierte, deren Jobs sich ebenfalls in einem anderen Land ausüben lassen, Banker oder Manager beispielsweise. Diese profitieren von der Globalisierung, weil sie ihre Dienstleistungen erfolgreich ins Ausland verkaufen und sorgen sich weniger.

Also werden populistische Parteien vor allem von «Globalisierungsverlierern» gewählt?

Nicht unbedingt. Es sind in erster Linie diejenigen, die sich durch die Globalisierung wirtschaftlich bedroht fühlen, unabhängig davon, ob sie es tatsächlich sind. Grundsätzlich sind diese Parteien bei Geringqualifizierten populärer, unabhängig vom Beruf. Diese Personengruppe ist von der Modernisierung stärker negativ betroffen, also nicht nur von Handel und Migration, sondern auch vom technischem Fortschritt.

In der Schweiz hatten wir mit dem Nein zur USR III kürzlich ebenfalls eine spektakuläre Abstimmung, das von einigen als Votum gegen die Globalisierung interpretiert wurde.

Hier sieht man wieder, dass es wichtig ist, zwischen unterschiedlichen Aspekten der Globalisierung zu unterscheiden. Bei der Unternehmenssteuerreform ging es um finanzielle Fragen, um ausländische Direktinvestitionen, um internationalen Standortwettbewerb. Das sind ganz andere Fragen als die Migration – und die Gruppen, die betroffen sind, unterscheiden sich je nach Thema. Bezeichnenderweise warb ja die SVP, die in Migrationsfragen restriktiv ist, für die Reform, auch wenn ihre Basis gespalten war.

Jene, die sich von der wirtschaftlichen Globalisierung bedroht fühlen, wollen den internationalen Handel zurückbinden. Ist das die Lösung?

Ob Protektionismus den Leuten hilft, die sich von der Globalisierung bedroht sehen, ist alles andere als sicher. Wenn Donald Trump zum Beispiel eine Steuer von 20 Prozent auf Importe aus gewissen Ländern einführen würde, würde das in erster Linie die US-amerikanischen Konsumenten treffen – und zwar vor allem die ärmeren, weil diese einen grösseren Anteil ihres Einkommens für Konsumgüter ausgeben. Ich bezweifle, dass das Trumps Wähler wirklich nützen würde.

Die Wähler wählen also falsch?

Ich würde das nicht sagen. Aber: Die Dinge sind oft komplizierter, als sie erscheinen. Die Globalisierungsgegner wollen an einer Schraube drehen, mit der sie nicht zufrieden sind, und alles andere gleich lassen. Das Problem ist bloss, dass alles andere nicht einfach gleich bleibt, wenn man an einer Schraube dreht. Die Welt reagiert. Wenn Importzölle eingeführt werden, ziehen andere Länder vielleicht nach, und es kann sein, dass man am Ende bei einer Situation angelangt, in der es allen schlechter geht. Das war der Fall nach der grossen Depression Ende der 1920er-Jahre. Die US-Regierung reagierte auf die Krise, indem sie die Zölle nach oben fuhr, um die einheimische Industrie zu stärken. Daraufhin erhöhte ein Land nach dem andern ebenfalls die Zölle. Das Welthandelsvolumen brach völlig ein.

Was kann die Politik machen, wenn sie Globalisierungsverlierer nicht ihrem Schicksal überlassen möchte?

Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass Handel den Wohlstand erhöht. Aber Handel hat eben auch Verteilungseffekte – es gibt Gewinner und Verlierer. Anstatt den Handel einzuschränken, sollte man die Gewinne besser verteilen und den Leuten, die ihre Arbeit verlieren, helfen, im Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen. Und noch etwas anderes muss man bedenken.

Nämlich?

Wir reden immer von der Abwanderung von Arbeitsplätzen. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass zwei Drittel der Jobs, die wegfallen, durch Automatisierung und Digitalisierung verloren gehen, und nur ein Drittel durch Handel.

Die Wahl von Trump in den USA, der Entscheid zum Austritt aus der EU in Grossbritannien, vielleicht bald auch in Frankreich: Fällt die internationale Ordnung auseinander?

Es ist sehr schwierig, Prognosen darüber anzustellen. Wir wissen ja noch nicht, in welche Richtung sich die USA unter Trump auf dem internationalen Parkett bewegen werden. Ich hielt die internationalen Institutionen wie WTO, Nato oder EU bisher für sehr stabil. Jetzt denke ich zum ersten Mal: Es ist möglich, dass das alles zusammenbricht. Wir waren Anfang des 20. Jahrhunderts in einer ähnlichen Situation wie heute. Viele dachten damals, dass die Länder wirtschaftlich so stark voneinander abhängig seien, dass es keine Kriege mehr geben werde. Kurz darauf brach der erste Weltkrieg aus.

Haben wir es in Europa zu sehr als selbstverständlich angesehen, dass es wirtschaftlich aufwärts geht, dass die Welt stabil und friedlich ist?

Ich sage nicht, dass es demnächst Krieg geben wird. Ich will nur sagen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir in einer friedlichen Welt leben und dass die Staaten miteinander kooperieren. Das ist nicht gottgegeben. Man muss immer daran arbeiten.

Hinweis

Stefanie Walter (39) ist Professorin für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie an der Universität Zürich. Sie beschäftigt sich unter anderem mit Wirtschafts- und Finanzkrisen und den Auswirkungen der Globalisierung.


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: