Neue Möglichkeiten mit jeder Maschine

MASCHINENINDUSTRIE ⋅ Die Gettnauer Firma Beutler Nova hat ein neues Antriebssystem für Stanzmaschinen entwickelt. Mit ihm kommen die Maschinen mit halb so viel Energie aus. Dafür erhält die Firma nun schon die zweite Auszeichnung.

28. September 2016, 05:00

Es sei der Lohn für ihre Beharrlichkeit. So erklärt sich Geschäftsführer Adrian Achermann (43), warum der Innovationspreis der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) dieses Jahres an die Beutler Nova AG geht.

In der Tat verlief die vier Jahre dauernde Entwicklung des neuartigen Antriebssystems für Stanz- und Umformmaschinen beim Gettnauer KMU nicht ohne Rückschläge. So mussten die Entwickler aus dem Luzerner Hinterland vor zwei Jahren noch einmal über die Bücher, weil die zwei elektrisch gekoppelten Antriebe der Kompaktpressen sich noch nicht so harmonisch synchron bewegten, wie sie es sollten.

Die Markteinführung verzögerte sich um ein ganzes Jahr. Achermann: «Rückschläge gehören zu einem Innovationsprozess. Man darf sich davon nicht entmutigen lassen.»

Stanzmaschinen für Aluminium und Blech

Die Hartnäckigkeit machte sich bezahlt. Das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten funktioniert inzwischen präzise. Die Fachzeitschrift «Technische Rundschau» ist voll des Lobes und bezeichnet das weltweit einzigartige Antriebskonzept als Innovationssprung. Unter den Unternehmen mit Stanzmaschinen hat sich die Neuheit herumgesprochen: Beutler Nova hat bereits fünf Pressen mit der sogenannten SDT-Technologie verkauft, die Bestellung für eine weitere liegt vor.

Mit ihnen lassen sich Blech und Aluminium mit bisher nicht gekannter Genauigkeit in die gewünschte Form bringen. Die Kunden kommen aus der Automobilzuliefererindustrie, sie stellen damit zum Beispiel Teile für Einspritzmotoren her. Auch Hochschulen finden sich auf der Kundenliste. Sie nutzen die Neuentwicklung aus Gettnau für Forschungszwecke.

Weil das neu entwickelte Antriebskonzept für Stanzautomaten mit der technischen Bezeichnung CSC 1000 und MSC 2000 ohne Schmieröl funktioniert, taugt es auch für weitere Kunden aus der Nahrungsmittelindustrie und Hersteller von Medizinalgütern. Achermann: «Die Entwicklungsarbeiten sind nie abgeschlossen. Mit jeder Maschine, die wir zusammen mit den Kunden planen und im Projekt dann umsetzen, eröffnen sich wieder neue Möglichkeiten.» Im Vordergrund steht etwa, schon während oder im Anschluss ans Stanzen nahtlos Folgearbeiten zu integrieren.

Kernstück von MSC 200 bilden die zwei frei programmierbaren Antriebsstränge. Die herkömmlichen Stanzmaschinen verfügen nur über eine. Ohne Schmieröl kommen die neuen Industrieapparate aus, weil sie kein Zahnrad­getriebe haben. Ein Servomotor treibt sie zu synchronen Halbkreisbewegungen an. Um dieses Maschinenherzstück herum gruppieren sich eine Reihe von Maschinenteilen, die sich den Kundenwünschen anpassen lassen. Denn Kunden aus der Verpackungsindustrie benötigen andere technische Stanzfinessen als Automobilindustriezulieferer.

Beutler Nova ist im Besitz eines deutschen Unternehmens

Die Beutler Nova AG ist zwar eine eigenständige Firma, sie gehört aber seit 2007 zu hundert Prozent dem deutschen Technologieunternehmen Schuler. Das deutsche Unternehmen mit Sitz in Göppingen wiederum ist im Besitz des österreichischen Technologiekonzerns Andritz, dessen Hydrosparte unter anderem in Kriens auf dem Areal der früheren Maschinenfabrik Bell eine Niederlassung hat.

Schuler beschäftigt weltweit 6800 Mitarbeitende und erzielt einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Euro. In Gettnau arbeiten 35 Angestellte. Beutler Nova stellt Pressen und Stanzautomaten her, die unter anderem in der Automobil- Zulieferindustrie, der Elektro- und Elektronikindustrie (Teile für TV-Flachbildschirme), im Baunebengewerbe (Abdeckungen für Türschlösser) oder in der Verpackungsindustrie (Alu-Verpackungen für Tierfutter) ihre Abnehmer haben.

Adrian Achermann kennt das Metier von der Pike auf, er begann 1988 seine Lehre als Maschinenmechaniker bei der damaligen Beutler Maschinen AG in Willisau. Seit sechs Jahren ist er CEO von Beutler Nova.

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80 Prozent gehen in den Export

Achermann nennt es Baukastensystem. «Es lässt sich mit den Autos vergleichen. Die einen Kunden verlangen dieses Extra, die anderen jenes Extra», sagt er. Wie bei den Fahrzeugen haben die Extras natürlich ihren Preis. Doch die Mehrkosten werden sich früher oder später lohnen, denn dieses neue Antriebskonzept kommt dank ausgeklügelter Technologie mit der Hälfte der Energie aus, die herkömmliche Stanzautomaten verbrauchen.

«Der Quantensprung beim Energieverbrauch verschafft uns vor allem auf dem deutschen Markt ein starkes Verkaufsargument», sagt Achermann. Das nördliche Nachbarland ist bereits bei den herkömmlichen Pressen und Stanzautomaten der wichtigste Absatzmarkt von Beutler Nova. An zweiter Stelle folgt die Schweiz zusammen mit weiteren europäischen Ländern. Der Exportanteil des Gettnauer Kleinunternehmers liegt bei 80 Prozent.

Die meisten Kunden sind KMU-Betriebe

Bei der Entwicklung des neuen Antriebskonzeptes konnte Beutler Nova auf die Unterstützung des deutschen Technologiekonzerns Schuler zählen, in dessen Besitz sich Beutler Nova nun schon seit über neun Jahren befindet (siehe Infobox). Neun von zehn Kunden der Beutler Nova AG sind KMU. «Sie fühlen sich bei uns gut aufgehoben, da wir selber ein KMU sind», erklärt Achermann. Die Kundschaft mit Kleinbetrieben ist auch ein Grund, warum die Steuerung und die Maschinenbedingungen möglichst einfach gehalten sind. Für Beutler Nova ist der Innovationspreis der Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz bereits die zweite Auszeichnung für das neue Antriebskonzept. Vor zwei Jahren erhielt das Unternehmen den Sonderpreis im Rahmen der «Euroblech», der internationalen Technologiemesse für Blechbearbeitung in Hannover. Sie wurden für das innovativste Produkt in der Kategorie Stanzen prämiert.

Hinweis

Die Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz übergibt den Innovationspreis am 23. November bereits zum 30. Mal. Anerkennungspreise erhalten der Reparaturdienst FM Racine Hydraulik AG in Adligenswil und die Ausbildungsstätte Vascular International School AG in Fürigen (Ausgabe vom 27. Juli).


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