Direktor der Handelskammer Schweiz-USA: «Schweiz wäre direkt betroffen»

WAHLEN ⋅ Wird Hillary Clinton US-Präsidentin, wird sich für die Schweizer Wirtschaft wenig ändern, sagt Martin Naville von der Handelskammer Schweiz-USA. Eine Wahl von Donald Trump wäre dagegen ein grosses Risiko.
04. November 2016, 11:23

Martin Naville, wenn wir uns darüber unterhalten, was die Präsidentschaftswahlen für die Schweiz bedeuten, muss man da Donald Trump überhaupt noch ansprechen?

Die Wahrscheinlichkeit einer Wahl von Trump ist sehr klein. Andererseits hat er die vergangenen Tage kräftig aufgeholt. Prognostiker geben ihm etwa eine Chance von 25 Prozent. Ganz abschreiben sollte man ihn also noch nicht.

In der Schweiz reibt man sich die Augen, wie es Trump überhaupt so weit schaffen konnte.

Rückblickend ist es offensichtlich, wieso. Doch auch ich habe vorher mehrere Wetten verloren. Trump ist ein globaler Brand. Alle kennen ihn, selbst in Europa. Gleichzeitig traf er bei den republikanischen Vorwahlen auf 16 relativ unbekannte Kandidaten. Trump hatte die Medien auf seiner Seite. Nicht weil sie ihn gut fanden, sondern weil er interessant war. So fielen zwischen Mitte August und Mitte Oktober 82 Prozent der Fernsehzeit auf ihn. Dazu kam, dass seine Konkurrenten sich verrechneten. Niemand glaubte wirklich an seine Chancen. Sie schonten ihn, weil jeder seine Anhänger erben wollte. Stattdessen gingen sie aufeinander los – bis es irgendwann zu spät war, um zu reagieren.

Ist es nicht erstaunlich, dass ausgerechnet in einem Land des Optimismus und des Fortschrittsglaubens Trump durchstarten konnte?

Das ist kein US-Phänomen. In Europa ist es zum Teil noch schlimmer. Denken Sie an den Front National in Frankreich, an Cinque Stelle in Italien oder an die Ukip in Grossbritannien. Alle populistischen Parteien erzählen das Gleiche: dass alles kaputt ist, dass alle korrupt sind – und dass man aufräumen muss. Auch in den USA haben nicht alle von der Globalisierung profitiert. Gerade im Industriegürtel, der bei den Wahlen entscheidend sein wird, sind viele frustriert und fühlen sich verraten. Diese Stimmen sammelt Trump.

Sie vertreten Schweizer Firmen, die in den USA tätig sind. Wem drücken diese die Daumen?

Ehrlich gesagt vermag keiner der beiden Kandidaten zu begeistern. Hillary Clinton ist eine Mitte-links-Politikern und mässig wirtschaftsfreundlich. Immerhin weiss man bei ihr, woran man ist. Das ist das Wichtigste für die Wirtschaft.

Das ist bei Trump nicht der Fall?

Wenn Trump Präsident wird, haben wir eine massive Unsicherheit. Wir wissen schlicht nicht, was er will. Er redet kaum über politische Inhalte, und wenn er das tut, vertritt er widersprüchliche Ideen. Er will die Steuern massiv senken und gleichzeitig die Schulden zum Verschwinden bringen. Wie das gehen soll, weiss niemand. Seine Programme haben weder Hand noch Fuss. Diese Unsicherheit ist ein grosses Problem für die Wirtschaft.

Wo sehen Sie konkret das grösste Risiko bei Trump?

Sicher beim Freihandel. Seit Monaten tourt Trump durchs Land und wettert gegen die Freihandelsverträge. Gegenüber China will er Importzölle von 45 Prozent einführen. Das ist eine grosse Bedrohung für die WTO-­Abkommen und damit den globalen Handel.

Wäre davon auch die Schweiz betroffen?

Die Schweiz steht sicher nicht an der Frontlinie bei seinem Kampf gegen Staaten, die den USA angeblich Jobs stehlen. Schweizer Firmen geben am meisten Geld für Forschung und Entwicklung aus und sind sechstgrösster Investor und Steuerzahler in den USA. Trump wird vielmehr auf Tiefpreisländer wie China oder Mexiko zielen. Davon wäre aber auch die Schweiz betroffen. Kommt es zu einer Wirtschaftskrise, spürt das die Schweiz als Exportland sehr direkt.

Hat Trump überhaupt die nötigen Befugnisse, um den Freihandel einzuschränken?

Fast nirgends hat ein US-Präsident so grosse Vollmachten wie beim Freihandel. Er kann nicht nur neue Verträge blockieren, sondern auch bestehende aufkünden. Das wäre eine Katastrophe für die Weltwirtschaft.

Ob er das tun würde, ist allerdings unklar.

Die grosse Frage ist tatsächlich, ob Trump für Beratungen empfänglich ist.

Sein Wahlkampf deutet eher auf Beratungsresistenz hin.

In Bezug auf seine Kampagne, ja. Aber wenn er erst mal im Weissen Haus sitzt, dürfte das hoffentlich anders sein. Andererseits ist es eine offene Frage, wer überhaupt mit ihm arbeiten will. Trump wird Unmögliches verlangen. Und wenn man dies nicht erreicht, wird man gefeuert. Sieht man sich an, wie er mit seinem Vizepräsidenten Mike Pence umspringt, wirkt das nicht gerade sehr motivierend. Trump ist nicht bekannt dafür, dass er seine Leute hochhält. Es wird sich alles um ihn drehen. Viele werden es sich deshalb zweimal überlegen, bevor sie in sein Kabinett eintreten.

Sie unterstützen im Sinne der Verlässlichkeit also Hillary Clinton. Was ist von ihr in Bezug auf die Schweizer Wirtschaft zu erwarten?

Ich rechne mit keinen grossen Änderungen – und das ist immer gut für die Wirtschaft. Beim Ausbau der Infrastruktur könnten sich gar zusätzliche Chancen ergeben. Clinton hat im Wahlkampf versprochen, Strassen, Brücken und Stromnetze im grossen Stil zu erneuern. Davon könnten Schweizer Firmen wie der Zementhersteller Lafarge Holcim oder der Elektronikkonzern ABB stark profitieren.

Ist Clinton nicht genauso wie Trump eine Gefahr für den Freihandel?

Sicher nicht im gleichen Masse. Sie hat zwar im Wahlkampf ebenfalls Kritik an einzelnen Abkommen geübt, aber ich bin überzeugt, dass es hier vor allem um Rhetorik im Wahlkampf geht. Clinton weiss sehr genau, wie wichtig diese Verträge sind. Ihre Kritik ist viel weniger grundsätzlich als bei Trump. Vielleicht wird man an geplanten Abkommen einige Retuschen vornehmen, aber die Substanz wird bleiben.

Clinton möchte gegenüber Banken und Pharma einen härteren Kurs fahren. Ist das keine Gefahr für die Schweizer Wirtschaft?

Vielleicht werden die Banken ihre Kapitalbasis stärken müssen und gewisse Geschäfte strenger kontrolliert werden. Das wird aber überschaubar bleiben – und vor allem nicht nur die Schweizer Banken betreffen. Bei der Pharmaindustrie wird wohl der Druck auf die Preise zunehmen. Sowohl für Reformen in der Finanz- als auch in der Pharmaindustrie gilt allerdings: Ohne Kongress geht nichts. Und hier wird Clinton kein einfaches Spiel haben.

Dann gehen Sie davon aus, dass der Kongress republikanisch bleiben wird?

Das Repräsentantenhaus wird mit grosser Sicherheit republikanisch bleiben, beim Senat dürfte es eine enge Entscheidung geben. Der Blick auf die Parteien ist allerdings zu eng. Clinton wird in einer unglaublich schwierigen Lage sein, denn sie wird es neben den Establishments der beiden Parteien mit drei weiteren Fraktionen zu tun haben: mit den sozialistischen Demokraten rund um Bernie Sanders und Elizabeth Warren, mit den Vertretern der ultrakonservativen Tea Party und den Anhängern von Trump. Zwar wird dieser wohl nicht mehr kandidieren, aber sich als Schattenpräsident im Gerede halten. Er hat ja bereits angekündigt, einen eigenen TV-Kanal betreiben zu wollen. In beiden Parteien wird es zu heftigen Flügelkämpfen kommen. Das wird es für Clinton schwierig machen, zu regieren.

Welche wichtigen politischen Probleme zwischen der Schweiz und den USA sehen Sie in den kommenden vier Jahren?

Ehrlich gesagt keine. Natürlich wirkt der Steuerstreit noch nach. Bei fünf Schweizer Banken steht die Einigung mit der amerikanischen Justizbehörde noch aus. Doch sonst sehe ich kein Konfliktpotenzial. Insgesamt ist die Beziehung eine Erfolgsgeschichte. Die Exporte sind die letzten 20 Jahre stark gewachsen – ganz egal, wer an der Macht war. Inzwischen sind die USA nach Deutschland unangefochten die Nummer 2.

Spielt es demnach gar keine grosse Rolle, wer an der Macht ist?

Solange es der amerikanischen Wirtschaft gut geht, ist es der Schweizer Wirtschaft eigentlich egal, wer Präsident ist. Schweizer Betriebe waren schon auf dem amerikanischen Markt, als Firmen anderer europäischer Staaten noch auf den Binnenmarkt starrten. Davon profitieren wir bis heute.

Interview: Roger Braun

Hinweis

Martin Naville (57) ist seit zwölf Jahren Direktor der Handelskammer Schweiz-USA. Er hat ehemals in den USA studiert und sechs Jahre als Banker und Unternehmensberater dort gearbeitet.


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